Deutliche Strafmilderung durch ADHS

Haftstrafe für 22-Jährigen nach Überfall auf Geschäft

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Waldeck-Frankenberg. 15 Monate Haft für einen 22-jährigen aus Waldeck-Frankenberg. Er hatte ein Geschäft in Wolfhagen überfallen und die Inhaberin glauben lassen, dass er eine Waffe hätte.

„Mach´s besser“ rief die 38-jährige frühere Betreiberin eines Schreibwarengeschäftes in Wolfhagen dem Angeklagten beim Verlassen des Gerichtssaales zu. Ein 22-jähriger aus dem Landkreis Waldeck-Frankenberg hatte die Frau im November 2013 kurz vor Feierabend überfallen und 25 Euro Bargeld aus der Ladenkasse geraubt, indem er ihr zwei Finger gegen Rückgrat oder Hals drückte und sie glauben machte, das sei eine Waffe. Dafür wurde er am Donnerstag von der 5. Strafkammer des Landgerichtes Kassel zu 15 Monaten Haft verurteilt.

Die Staatsanwaltschaft hatte 18 Monate für den Raub in einem minderschweren Fall gefordert und das Geständnis des jungen Mannes sowie die Entschuldigung bei der Schreibwarenhändlerin vor Gericht zu seinen Gunsten berücksichtigt.

Die Verteidigung hatte für neun Monate Haft plädiert. Deutlich strafmildernd gewertet wurde vom Gericht eine „hirnorganische Impulskontrollstörung“ (ADHS), die laut Gutachter Prof. Dr. Peter Müller in einem Sauerstoffmangel bei der Geburt begründet sei. Verschärft worden sei die Erkrankung durch die „sehr ungünstige psychosoziale Entwicklung“ des Angeklagten, was zu einer „schwierigen Lebensgeschichte“ geführt habe. Mehrere stationäre Behandlungen in Kinder- und Jugendpsychiatrien seien erfolglos geblieben. Eine Odyssee durch Jugendhilfeeinrichtungen und abgebrochene Therapien kamen ebenso zur Sprache wie die Kapitulation des Schulsystems: „Am Ende hat die Schule gesagt: Wir können ihn nicht mehr ertragen, die Schulpflicht wird ausgesetzt.“

Nun redete Richter Jürgen Stanoschek dem jungen Mann ins Gewissen: Mit einem Intelligenzquotienten von 109 könne er etwas aus seinem Leben machen. Während eines früheren Jugendarrests hat der 22-Jährige eine Schreinerlehre abgeschlossen und seinen Hauptschulabschluss gemacht. Allerdings wurde der junge Mann zu einer Gesamtstrafe von fünf Jahren und zehn Monaten verurteilt, weil er nur vier Tage vor dem Wolfhager Überfall in Korbach wegen Nötigung und inzwischen schon zahlreiche weitere Male wegen Wohnungseinbruchsdiebstählen oder auch wegen Raubes vor Gericht gestanden hatte. Zum Zeitpunkt des Raubüberfalles war er zudem in einer laufenden Bewährung. So wurden gestern beim Landgericht mehrere Strafen zusammengefasst.

Die Staatsanwaltschaft hatte sechs Jahre und sechs Monate Gesamtstrafe gefordert. Seit Dezember 2013 saß der junge Mann in Untersuchungshaft. Seit zwei Monaten verbüßt er eine Haft wegen einer Raubserie, die mit dem Überfall in Wolfhagen begann. 17 Monate muss er insgesamt im Gefängnis verbüßen, bevor er die von ihm erhoffte Therapie in einer Entziehungsanstalt antreten kann. Dieser Entzug ist Bestandteil des Urteils. Denn seine verminderte Impulssteuerung werde durch den Alkoholmissbrauch seit der Pubertät „regelrecht angefeuert“, urteilte Richter Jürgen Stanoschek. (and)

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