„Pille danach“ ohne Rezept erhältlich: Apotheker warnen vor Risiken

Waldeck-Frankenberg. Auf die Apotheken im Landkreis kommt eine neue Aufgabe zu: Nach einer geplanten EU-Verordnung soll die „Pille danach" demnächst auch ohne Rezept erhältlich sein.

Die EU-Kommission hat den Wirkstoff Ulipristal freigegeben. Damit fällt der bislang übliche erste Gang zum Arzt samt Beratungsgespräch weg - Patientinnen können sich das Hormon-Präparat direkt in der Apotheke abholen.

Christoph Lohstöter, Inhaber der Löwen-Apotheke in Bad Wildungen, sieht das kritisch: „Damit liegt der schwarze Peter bei den Apotheken. Gesundheitliche Risiken, über die sonst Ärzte aufklären, können wir nicht gänzlich überprüfen. Die Wirkstoffe auf Hormonbasis können im schlimmsten Fall zu Verschlüssen in den Gefäßen führen.“

Darüber hinaus sind Hormonpräparate wie die „Pille danach“ ein absolutes Notfallmedikament. Das betont auch Ulrike Joachim, Apothekerin in der Stadt-Apotheke in Waldeck. „Ich befürworte die Freigabe des Medikaments ausdrücklich nicht. Das ist keine kleine Hormontherapie, sondern ein Mittel zum Schwangerschaftsabbruch. Damit sollte nicht leichtfertig umgegangen werden.“

Außerdem besteht aus Sicht einiger Apotheker im Landkreis Waldeck-Frankenberg die Gefahr, dass gerade junge Frauen leichtsinniger mit dem Thema Verhütung umgehen. „Es könnte vorkommen, dass wir mehr solche Fälle betreuen müssen, wenn sich die neue Regelung durchsetzt“, sagt Sabine Kelling, Pharmazeutisch-technische Assistentin in der Kilian-Apotheke in Korbach.

Einen höheren Beratungsaufwand durch die neue Regelung fürchten die Apotheken dagegen nicht. „Wir beraten unsere Kunden immer, wenn wir Medikamente abgeben. Das wird sich nicht wesentlich erhöhen, wenn die neue Regelung kommt“, sagt Ulrike Joachim von der Stadt-Apotheke in Waldeck.

„Allerdings glaube ich, dass ein Arzt seine Patienten in manchen Fällen mit seinen Worten eher erreichen, als wir in der Apotheke.“ Eine genaue Einschätzung über das Verhalten der Patienten abzugeben, sei schwierig. „Wie Kunden mit der neuen Regelung umgehen, wird sich vermutlich in den nächsten Wochen zeigen“, sagt Lohstöter von der Löwen-Apotheke in Bad Wildungen.

Auch die Korbacher Gynäkologin Tatjana Valentin-Ljolje sieht die neue Regelung mit Skepsis: „Vor allem junge Frauen begehen oft Einnahmefehler und kommen dann sowieso zur Beratung. Einen medizinischen Rat vor der Einnahme halte ich für absolut notwendig.“

Hintergrund:

Die sogenannte Pille danach ist ein Medikament, das eingesetzt werden kann, wenn es zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr gekommen ist. Die Pille danach wird von Medizinern auch als Notfallverhütung bezeichnet. Sie verhindert bei rechtzeitiger Einnahme mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Schwangerschaft.

Durch die im Präparat enthaltenen Hormone wird ein Eisprung gehemmt oder komplett verhindert. Der Eisprung, der mit der Einnahme des Medikaments verzögert wurde, erfolgt durchschnittlich fünf Tage später. Da Spermien nur etwa drei bis fünf Tage überleben, wird eine Befruchtung der Eizelle zu einem hohen Prozentsatz verhindert. Einen Schwangerschaftsabbruch bewirkt die Pille danach dagegen nicht, da sie keine Einnistung einer befruchteten Eizelle stoppt. Nach der Einnahme kommt es zu einer Abbruchblutung.

Von Christine Heinz

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