Leuchttürme und Steueroasen: Interview mit  Kommunikationspsychologin

Waldeck-Frankenberg. Kommuniaktionspsychologin und Linguistin Elisabeth Wehling vom Institut für Linguistik der University of California in Berkley erklärt, wie Politiker Methapher nutzen, um uns zu beeinflussen.

Politiker bezeichnen alle möglichen Projekte als Leuchttürme: den Nationalpark Kellerwald-Edersee, eine sanierte Sporthalle, ein neues Altenheim, die Landesgartenschau... 

Frau Wehling, was wollen uns die Politiker mit der Leuchtturm-Symbolik sagen?

Elisabeth Wehling: Nun, das kommt natürlich zunächst einmal immer auf den genauen Kontext an. Aber wenn zum Beispiel der Nationalpark Kellerwald-Edersee als „Leuchtturm der Region“ bezeichnet wird, dann ist das eine Metapher mit Tragkraft. Leuchttürme sind wegweisend, indem sie dem Seefahrer kennzeichnen, wo es ‚hingehen muss’. Metaphorisch verstanden geht es also bei den von Ihnen genannten Projekten um beispielhafte, wegweisende Projekte, an denen sich auch künftige Politik orientieren sollte.

Und was bewirken diese sprachlichen Leuchttürme in den Köpfen der Zuhörer?

Wehling: Eine ganze Menge. Und es ist wichtig, die gesamte Komplexität dieser Metapher zu durchleuchten. Politisches Handeln wird oft als metaphorische Bewegung hin zu einem Zielort begriffen. Das basiert auf einer generelle Metapher, in der zweckdienliche Handlungen als Fortbewegung begriffen werden.

Zum Beispiel?

Wehling: Denken Sie an Begriffe wie „an einem beruflichen Ziel anlangen“ oder „mit einem Projekt nicht vorankommen“. Diese Metapher lernt unser Gehirn schon im Kindesalter, indem wir immer wieder die Erfahrung machen, dass wir uns fortbewegen müssen um den Zweck unserer Handlungen zu erreichen. Also: Wir wollen in die Küche, um uns einen Keks zu essen. Dafür müssen wir in die Küche gehen oder krabbeln. Sind wir in der Küche angelangt, so haben wir Zugriff auf den Keks. Die beiden Konzepte „Handlungszweck“ und „Zielort“ werden simultan aktiviert und verbinden sich gedanklich.

Was ist die Folge davon?

Wehling: Diese Metapher strukturiert unsere Sprache und unser Denken. Denn Metaphern sind nicht nur eine Sache der Sprache. Sie sind in unserem Gehirn verankert. Metaphorische Sprache aktiviert diese Metaphern in unseren Gehirnen und führt zu einer Reihe von Schlussfolgerungen, die uns nicht unbedingt bewusst sind. Wir wissen mittlerweile aus der Kognitions- und Neuroforschung das gut 98 Prozent unseres Denkens reflexiv sind, also unbewusst ablaufen.

Um auf die Leuchttürme zurückzukommen: Was machen die in unserem Gehirn?

Wehling: Sie aktivieren ein Bild, in dem politisches Handeln immer dann erfolgreich ist, wenn man gut vorankommt, Hindernisse überwindet und ans Ziel gelangt. Um mit seinen politischen Maßnahmen nicht auf Grund zu laufen braucht es Leuchttürme. Und somit werden die von Ihnen erwähnten Projekte zu essentiell guten Projekten. Und mehr: Wer sich nicht an ihnen orientiert, der riskiert, dass die Region durch falsche politische Maßnahmen vom Weg abkommt oder schlimmer noch: metaphorisch an einem Kliff zerschellt und untergeht.

Welche Rolle spielen solche Metaphern in der politischen Kommunikation?

Wehling: Der größte Teil unserer ganz alltäglichen Kommunikation, und eben auch politischer Kommunikation, ist durch solche konzeptuellen Metaphern strukturiert, denn sie sind ganz natürlicher Teil unseres Denkens. Allerdings können Metaphern auch solche unbewussten Schlussfolgerungen aktivieren, die ein Denken innerhalb bestimmter politischer Ideologien zur Folge haben.

Nennen Sie doch mal bitte ein Beispiel.

Zur Person

Elisabeth Wehling (29) studierte Soziologie, Journalistik, Kommunikationspsychologie und kognitive Linguistik in Hamburg, Rom und Berkeley. Seit 2007 ist sie am Institut für Linguistik der University of California in Berkeley. Ihr Forschungsschwerpunkt ist der Einfluss von Sprache auf politisches Denken und Handeln. Sie ist als Beraterin für europäische und deutsche Stiftungen tätig und arbeitete als freie Journalistin. „Auf leisen Sohlen ins Gehirn – Politische Sprache und ihre heimliche Macht“ lautet der Titel eines Buches, das Elisabeth wehling im vergangenen Jahr zusammen mit Georg Lakoff veröffentlich hat. Erschienen ist es im Carl Auer verlag, 17,90 Euro, ISBN 978-3-89670-695-9 (emr)

Wehling: Nehmen sie zum Beispiel die Metapher der Steueroasen, die Orte mit niedriger Besteuerung wie Liechtenstein und die Schweiz bezeichnet. Oasen sind Orte der Labsal in existentiell bedrohlichen, wüsten Umgebungen. Innerhalb dieser Metapher werden Steuern – ein zunächst einmal ganz abstraktes Konzept – als existentielle Bedrohung wahrnehmbar gemacht. Diesem Verständnis liegt oft eine konservative Interpretation von Besteuerung als unmoralische Bestrafung des wirtschaftlich erfolgreichen Individuums zugrunde: Steuern als Bedrohung des Wettbewerbsystems. Die Metapher transportiert diese Interpretation mit, und zwar ohne dass wir uns dessen bewusst sind.

Es gibt ja Wortpaare, bei denen die unterschiedliche Intension der Nutzung auf der Hand liegt: Atomkraft und Kernenergie oder Industrieheizkraftwerk oder Müllverbrennungsanlage. Ist es so einfach?

Wehling: Nun, die Begriffe, die Sie hier nennen, erwecken natürlich ganz unterschiedliche Assoziationen. Und für unser Denken über politische Maßnahmen ist das auch relevant. Aber wichtiger noch sind generelle Sprachschaffungen, die bestimmte politische Positionen in übergreifende Zusammenhänge stellen und moralisch interpretieren.

In Ihrer Forschung über die Wirkung von Sprache ist „Framing“ ein Schlüsselbegriff. Was bedeutet dieser Begriff?

Wehling: Framing, zu deutsch „das Schaffen von Deutungsrahmen“, ist in der politischen Kommunikation allgegenwärtig. Frames bezeichnen neuronale Strukturen in unseren Gehirnen, die immer dann aktiviert werden, wenn wir ein Wort hören. Und jeder Frame beinhaltet eine Reihe von Konzepten und unbewussten Schlussfolgerungen, die nicht im Wort selbst vorhanden sind. Jedes Wort, das wir hören, erweckt einen Frame.

Also gut: Welches Frame erweckt das Wort Kind?

Wehling: Um seine Bedeutung zu begreifen erweckt unser Gehirn weitere Konzepte wie Mutter und Vater sowie Wissen über prototypische genetische und soziale Beziehungen zwischen den dreien. Jedes Mal, wenn wir das Wort Kind hören, werden also im Gehirn auch die Ideen Mutter und Vater aufgerufen. Und Sprache aktiviert nicht nur bereits vorhandene Frames, sondern sie stärkt diese auch. Je öfter zum Beispiel zwei Konzepte sprachlich miteinander in Zusammenhang gestellt werden, desto stärker wird die neuronale Verbindung zwischen den beiden und desto automatischer werden beide Ideen fortan vom Gehirn als zusammenhängend interpretiert.

Nennen Sie doch bitte mal ein Beispiel, wie Politiker solche Frames nutzen.

Wehling: Politiker nutzen Frames, um Fakten eine moralische Bedeutung zuzuschreiben. Sehen Sie: Wenn zwei Parteien darüber streiten, was angesichts von sozialen Fakten die richtigen Maßnahmen sind, dann liegt das meist daran, dass sie unterschiedliche Auffassungen davon haben, was moralisch richtig und was moralisch falsch ist. Das bedeutet, dass diejenigen Frames, die eine Partei nutzt, ihre Interpretation von Fakten aufgrund einer bestimmten Moralvorstellung gleich mitliefern. Und darüber muss man sich bewusst sein.

Machen Sie das doch bitte nochmal an einem Beispiel anschaulich.

Wehling: Nehmen wir als Beispiel noch einmal die Steuerdebatte. Wenn konservative Parteien den Begriff Steuererleichterung nutzen, dann erwecken sie damit einen Frame, der Steuern als eine metaphorische Belastung des Bürgers begreifbar macht. Steuern sind also in diesem Frame etwas Negatives und Bedrohliches. Und diese Interpretation von Steuern ist in Einklang mit konservativem Gedankengut, in dem hohe Besteuerung eine Bedrohung für das Wettbewerbssystem darstellt.

Und wie würden Sozialdemokraten Steuern interpretieren?

Wehling: Eine alternative Interpretation – die aber leider viel zu selten kommuniziert wird – wären Steuern als System zur Sicherung von Freiheit, Ermächtigung und Schutz aller Bürger. Würde man Steuern in einem solchen Frame begreifbar machen, so würde das Konzept der Steuererleichterung seinen Sinn verlieren – es käme der Erleichterung von Freiheit, Ermächtigung und Schutz gleich. Also, Frames werden von Politikern oft genutzt, um Realitäten aus eine ideologischen Sicht heraus begreifbar zu machen.

Das lässt sich wohl nicht vermeiden?

Wehling: Nein, denn abstrakte Ideen wie Steuern, soziale Gerechtigkeit und Demokratie haben keine allgemeingültige, objektive Bedeutung. Ihre Bedeutung hängt von unseren Frames ab, und von unserem Verständnis davon, was moralisches Miteinander bedeutet und was eine Gesellschaft gut macht.

Können Politiker Framing nutzen, um die Menschen zu manipulieren?

Elisabeth Wehling

Wehling: Sicherlich. Aber es ist wichtig, sich klarzumachen, dass Frames zunächst einmal unvermeidlich sind. Erinnern Sie sich: Jedes Wort aktiviert einen Frame. Und abstrakte Ideen haben keine objektiven Bedeutungen und somit muss jeder Politiker diejenigen Frames nutzen, die seiner Weltsicht entsprechen. Oftmals ist daher in der politischen Debatte das Problem nicht darin zu suchen, dass bestimmte Parteien ideologische Frames nutzen, sondern darin, dass andere Parteien den Wähler im Stich lassen, indem sie keine alternativen Frames schaffen, die Fakten aufgrund ihrer Moralvorstellungen begreifbar machen. Es mangelt in Deutschland ganz

eindeutig an konzeptueller Pluralität.

Aber kann man mit Framing auch gezielt manipulieren?

Wehling: Ja. Und gerade weil Frames in unseren Köpfen durch sprachliche Wiederholung gestärkt werden und weil der größte Teil der Schlussfolgerungen unbewusst sind, sind Frames ein effizientes Instrument in der gedanklichen Manipulation.

Manipulieren uns die Politiker so auch?

Wehling: Sicherlich. Nehmen Sie als Beispiel die Bush-Administration, die nach den Anschlägen vom 11. September 2001 durch ihr sprachliches Framing die US-Amerikaner in einen gedanklichen Kriegszustand manövrierte indem sie den Krieg gegen den Terror ausrief. Ein Frame, der militärische Maßnahmen nach sich zog – in den Köpfen der Menschen und später dann de facto im Krieg gegen den Irak, der als Teil des Krieg gegen den Terror begreifbar gemacht wurde.

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