Sie machten Musik gegen Fremdenhass

Esther Bejarano und die Microphone-Mafia ernteten in Vöhl Beifallsstürme

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Sie sang und tanzte: Neuen Formen des Rassismus setzte die 90-jährige Esther Bejarano in der Vöhler Synagoge zusammen mit (von links) Rossi Pennino, Joram Bejarano und Kutlu Yurtseven mit Musik ihren entschlossenen Widerstand entgegen.

Vöhl. „Wenn wir nicht aufstehen gegen das Schweigen, dann wird das Schweigen uns irgendwann selber erschlagen“, sagt Kutlu Yurtseven von der Kölner Hip-Hop-Band „Microphone Mafia“.

Dann stimmt er Bertolt Brechts Ballade von der Judenhure Marie Sanders an. Der scharfe Takt von Hans Eisler und flockige Rap-Fetzen reiben sich, auf der Bühne begegnen sich drei Generationen und drei Religionen, und sie ziehen eine musikalische Linie zwischen NS-Verbrechen, neuem Rassismus und Fremdenhass.

Mittendrin in der ausverkauften Vöhler Synagoge: die 90-jährige Esther Bejarano, die durch die Hölle von Auschwitz gegangen ist und nur dank ihrer Musikalität überlebte, indem sie Akkordeon spielen musste, während die anderen Mithäftlinge zur Gaskammer geführt wurden.

Sie erzählt davon ebenso erschütternd wie tags zuvor in Korbach vor Schülern (HNA berichtete), aber dann setzt sie ihren Bildern im Konzert musikalisch ein kraftvolles „Wir leben trotzdem!“ entgegen.

Die Lieder, die sie zusammen mit ihrem Sohn Joram Bejarano am E-Bass sowie den Hip-Hop-Musikern Rossi Pennino und Kutlu Yurtseven vorträgt, handeln nicht nur von den Traumata der Nazi-Zeit, sondern auch vom Widerstand gegen den Krieg („Desateur“), von der Friedensbewegung („Schir LaShalom“) oder der, wie sie singt, „Sehnsucht nach Menschlichkeit“.

Dem alten Arbeiterlied „Avanti Popolo“ begegnen atmosphärisch-dichte Schilderungen von Gastarbeiter-Schicksalen, die die beiden Kölner Rossi und Kutlu aus ihrer Familiengeschichte beisteuern. Und sie zitieren dabei die „Höhner“: „Wann geht der Himmel auch für mich wieder auf?“

Nach den Anschlägen auf Asylbewerber in Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda und Mölln, dann auf die Gastarbeiterfamilie in Solingen hatte die Gruppe „Microphone Mafia“ eigentlich gehofft: „In zehn Jahren müssen wir nicht mehr gegen Rassismus rappen!“

Dann aber kamen die Morde des NSU, das Versagen der Behörden, Fremdenfeindlichkeit in der Asylpolitik, wie Kutlu Yurtseven aufzählt, viele Gründe, gemeinsam mit der starken Kämpferin Esther Bejarano weiter aufzustehen „für Wahrheit und Freiheit“.

Es sei dem Korbacher Verein „Lesebändchen“ und dem Förderverein Synagoge in Vöhl ein gemeinsames Anliegen gewesen, mit solch einem Konzert an die Befreiung vom Hitler-Faschismus vor 70 Jahren zu erinnern, erklärten ihre Vorsitzenden Ingo Hoppmann und Karl-Heinz Stadtler, als sie Esther Bejarano und ihren Musikern dankten.

Das Publikum feierte die Künstler stehend und mit Beifallsstürmen.

Von Karl-Hermann Völker

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