Verein Lebensborn vermittelte heute 76-Jährigen an Fremde 

Als Kind in SS-Familie gegeben: Adolf Kopp kennt seine Eltern nicht

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Seine Geburtsurkunde hält Adolf Kopp hier in die Kamera. Dort ist vermerkt, dass eine Hebamme die Geburt in Metz eingetragen hat. Im Hintergrund sind kleinere Kunstwerke zu sehen. Kopp malt seit Jahrzehnten. 

Adolf Kopp hat seine Eltern nie kennengelernt. Nicht einmal ihre Namen kennt er. Was er weiß: Als Baby wurde er vom sogenannten Verein Lebensborn in eine Nazi-Familie gegeben.

Erfahren hat Adolf Kopp das jedoch erst, als er bereits 49 Jahre alt war. Am 27. Januar 1943 kam Adolf Kopp im französischen Metz zur Welt. Auf der Geburtsurkunde – die Angaben machte damals die Hebamme – sind nicht die leiblichen Eltern eingetragen. Sein Adoptivvater sei ein „höherer SS-Mann gewesen“, sagt Kopp. Er und dessen Frau hätten ein Kind gehabt, das an Diphtherie gestorben sei, fand Adolf Kopp später heraus. Deshalb sei er in die Familie gegeben worden, als Ersatzkind.

Schon bevor er in die neue Familie kam, wurde ihm der Name Adolf gegeben, benannt nach Adolf Hitler. So war es bei vielen Jungs üblich, die in Lebensborn-Heimen zur Welt kamen. Dass er in der falschen Familie lebte, wurde Kopp früh bewusst. „Mit zehn Jahren habe ich begriffen, dass ich in der Familie nicht angesehen war. Es gab keine Wärme, ich war isoliert. Ich bin bald gestorben vor Heimweh.“ Obwohl er nie wusste, wohin er gehört.

Kindheit: Adolf Kopp (rechts) mit Adoptivbruder Lothar. 

Adolf Kopp wuchs schließlich bei Verwandten seiner Adoptivfamilie auf, in zehn verschiedenen Familien in Frankreich und Deutschland lebte er. „Ich hatte kein Zuhause.“ Im Alter von 17 Jahren ging er zur Bundeswehr, wo er mehr als 40 Jahre bis zur Pensionierung blieb. Erst, als Kopp 49 Jahre alt war, erfuhr er durch Zufall – beim Aufeinandertreffen mit einem älteren Arzt – dass er ein Lebensborn-Kind ist. Wirklich überrascht hat den heute 76-Jährigen das nicht. Auch wenn in seiner Kindheit und Jugend alle beharrlich geschwiegen hätten: Das Gefühl der Fremdheit war stets da, als Fremdkörper habe er sich gefühlt.

Mutter sagte: "Du bist mein Knecht"

Als er 16 Jahre alt war, so erinnert er sich, habe er einmal eine Truhe mit Dokumenten gefunden, in denen es um ihn ging. Er sprach seine Adoptivmutter darauf an, ob er ihr Kind sei, doch sie sagte nur: „Du bist mein Knecht.“ Das bedeute so viel wie Sohn, sagt Kopp.

Erst, als er längst erwachsen war, fügten sich die Puzzleteile: Nach der Aussage des Arztes recherchierte Adi, wie er genannt wird, und fand heraus, dass die HIAG, die Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS, für ihn zahlte, er fuhr nach Metz, schaute sich viele Dokumente an. Möglicherweise, so sagt er heute, habe er einen Onkel in Ostdeutschland. Beweisen könne er das aber nicht.

Früher hatte Kopp kein Zuhause, heute fühlt er sich in der Gemeinde Vöhl im Kreis Waldeck-Frankenberg heimisch, er lebt im Seniorenheim Asel. Schon 1965 kam er nach Frankenberg, wurde in der Burgwaldkaserne stationiert, und war von dort aus für die Bundeswehr in der ganzen Welt unterwegs.

Zwei Mal war Adi Kopp verheiratet, hat einen Sohn und eine Tochter. Seine bewegende Lebensgeschichte hat er bereits in Büchern aufgeschrieben, an einem weiteren arbeitet er bereits. Öffentlich über sein Leben und die Verbindung zum Verein Lebensborn zu sprechen, scheuen sich viele, das weiß der 76-Jährige. Doch er will das bewusst erzählen. Auch, um zu warnen. Er ist sich sicher: Vereine wie Lebensborn könnten auch heute noch entstehen.

Im Herbst wird Adi Kopp bei einer Veranstaltung des Förderkreises der Synagoge in Vöhl von seiner Lebensgeschichte berichten.

Was ist der Verein Lebensborn?

1935 wurde der Verein Lebensborn auf Initiative von Heinrich Himmler gegründet. Durch die Einrichtung der Heime in Deutschland und anderen Ländern sollte die Zahl der Abtreibungen verringert werden. Denn: Dadurch hätte „arisches Blut“ verloren gehen können. Mitglieder der SS wurden außerdem dazu ermutigt, Kinder zu zeugen – nicht unbedingt nur mit den Ehefrauen. Schwangere konnten anonym bei Lebensborn entbinden, die Kinder wurden dann in Nazi-Familien gegeben. 

Lebensborn-Kinder, die ihre Geschichte erzählen wollen, können sich bei Karl-Heinz Stadtler melden, Vorsitzender des Förderkreises der Vöhler Synagoge unter Tel. 05635 / 1491.

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