Marienhagen: Künstlerin reagiert auf fremdenfeindliche Schmiererei

Bei der Arbeit: Über die gesprühten Buchstaben klebt Gabi Dietrich Kacheln und schafft so viele Gesichter von Menschen auf der Flucht. Mittendrin trifft der Betrachter auf sich selbst. Foto: Demski

Marienhagen. An eine Hauswand waren fremdenfeindliche Sprüche gesprüht worden. Gabi Dietrich lässt darüber jetzt ein Kunstwerk aus Fliesen entstehen.

Das Kunstwerk soll nichts erklären, sondern Mut zum Selberdenken machen soll. Gabi Dietrich arbeitet direkt an der Straße, an der Wand ihrer Scheune. Dort entdeckte die Künstlerin aus Marienhagen eines Morgens die großen, schwarzen, gesprühten Buchstaben. Hässlich und plump. Fremdenfeindlich.

Jeden Tag hat sie diesen Schriftzug nun vor Augen, aber Stück für Stück wird er mit Schönem, Kunstvollem überdeckt. „Ich bin nicht wütend“, sagt sie, „ich habe diesen Schmutz gesehen und wusste sofort: Da machst du was Positives raus.“

Gedacht, getan. Und so entstehen seit einigen Tagen die Gesichter von Menschen auf der Flucht. Schwarze, weiße und gelbe. Etwa 20 Augenpaare sollen den Betrachter am Ende anschauen. Kinder, Erwachsene, Greise. „Ich male nichts vor, ich schaffe jede einzelne Figur aus dem Bauch heraus“, sagt Gabi Dietrich. Die Arbeit ist ihren Händen vertraut, denn die Künstlerin aus Marienhagen kreiert seit ihrer Kindheit.

„Ich habe auch schon viele Fliesenbäder nach Hundertwasser gemacht“, erzählt sie. Und eben diese Technik hat sie auch für ihre mitfühlende Kunst an der Scheunenwand gewählt.

Mit dem Hammer zerschlägt sie die Fliesen. Einige gestaltet sie vorher selbst, andere stammen aus ihrem großen Fundus. An der Scheunenwand setzt sie die Fliesen dann wieder zusammen - mit Hilfe von Fliesenkleber.

Aus Ton modelliert sie Gesichter dazu. Fragende Augen blicken den Betrachter an, müde Gesichtszüge, ein offener Blick: Jedes ihrer Gesichter bekommt einen anderen Ausdruck.

Jeden Tag arbeitet Gabi Dietrich an ihrer Scheunenwand und bekommt viele Rückmeldungen der Spaziergänger und Autofahrer. „Das macht richtig Spaß“, sagt sie. Ende dieser Woche will Gabi Dietrich ihr Werk vollenden.

Was sie mit ihrer Kunst sagen will? „Da gebe ich selber keine Antworten“, erklärt sie, „jeder soll seine eigenen Gefühle und seine eigenen Vorstellungen haben.“

Auf die zählt sie vor allem an einer Stelle: Plötzlich nämlich entdeckt jeder Betrachter sich selbst im Kunstwerk. Dafür sorgt ein kleiner Spiegel anstelle eines Gesichts. Und dann erklärt Gabi Dietrich doch: „Jeder ist doch irgendwann auf der Flucht vor irgendetwas“, sagt sie, „jeder ist ein Flüchtling.“

Von Theresa Demski

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