Fall aus Waldeck-Frankenberg

Prozess um Attacke unter Asylbewerbern - Mann bestreitet Vorwurf

Kassel/Dorfitter. Ein Smartphone war offenbar der Auslöser für eine blutige Auseinandersetzung zwischen zwei Asylbewerbern aus Somalia Mitte Mai 2014 in Vöhl-Dorfitter.

Das hat der erste Verhandlungstag gegen einen 45-jährigen Angeklagten am Montag vor dem Kasseler Amtsgericht ergeben. Er muss sich wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung verantworten.

Der Tatverdächtige, der als Asylbewerber ein Zimmer in einem ehemaligen Hotel in Dorfitter bewohnte, soll einen 24-jährigen Landsmann und Mitbewohner erst mit einer Bierflasche auf den Hinterkopf geschlagen und kurz darauf mit Messerstichen lebensgefährlich verletzt haben. Dank einer Notoperation im Korbacher Krankenhaus überlebte das Opfer. Noch am Tattag wurde der 45-Jährige von der Polizei festgenommen und befindet sich seitdem in U-Haft. Fünf Prozesstage, an denen 18 Zeugen gehört werden sollen, sind anberaumt.

Aktualisiert um 19 Uhr.

Doch was war der Grund dafür, dass ein anfangs noch friedlich verlaufener Abend in eine Messerstecherei ausartete? Der Angeklagte selbst, dem ein Dolmetscher zur Seite stand, verzichtete auf eigene Aussagen zum Tathergang. Stattdessen erklärte sein Verteidiger, der Korbacher Rechtsanwalt Fahim Qayumi, sein Mandant sei von dem 24-Jährigen Landsmann „unsittlich angefasst“ worden. Die Schläge mit der Flasche auf den Kopf des Geschädigten seien eine Reaktion auf dessen Annäherung gewesen. Und: „Von einem Messer kann keine Rede sein“, so der Verteidiger, „es ist auch kein Messer bei dem Beschuldigten gefunden worden.“

Ganz anders die Schilderung des 24-jährigen Geschädigten. Sein Landsmann habe häufig und viel Alkohol getrunken – auch am Tag der Tat in Gesellschaft zweier Männer aus Algerien. Später habe es dann Streit gegeben – und der Angeklagte sei mit einem Dolch auf ihn losgegangen.

Zu viert habe man am Tatabend in der gemeinsam genutzten Wohnküche gegessen, man habe „Spaß gehabt“, er selbst sei zum Mittrinken eingeladen worden. Die zwei Männer aus Algerien hätte zwar nicht in der Unterkunft in Dorfitter gewohnt, seien aber häufig zu Besuch gewesen und hätten viel mit dem Angeklagten gezecht.

Gemeinsam wurden dann auf dem Smartphone des Geschädigten Musik-Videos aus Somalia über das Internet geschaut. Später in der Nacht, zu einem Zeitpunkt, als er mit seinem Landsmann allein im Gemeinschaftsraum gewesen sei, so der 24-Jährige, habe der Angeklagte statt Musik plötzlich pornographischer Videos anschauen wollen. „Ich wollte das nicht. Ich wollte gehen und ihm das Smartphone da lassen. Er sollte es mir später bringen.“

Unklar blieb, welche wahren Gründe die Situation eskalieren ließen: Nach Aussage des Angeklagten sei er von dem Jüngeren unsittlich angefasst worden, der 24-Jährige behauptete das Gegenteil. Sein Smartphone wollte der Jüngere daraufhin dem anderen nicht mehr überlassen.

Handgreiflichkeiten

Es kam zu wechselseitigen Handgreiflichkeiten, in deren Verlauf der Angeklagte den Geschädigten mit einer Bierflasche auf den Hinterkopf schlug. Dann sei der Tatverdächtige zur Spüle im Zimmer gegangen, habe sich das Gesicht gewaschen - und sei plötzlich mit einem Messer, einem somalischen Dolch, auf ihn losgegangen, berichtete das Opfer.

Ein Arztbrief, der vor Gericht verlesen wurde, attestierte Stichverletzungen im Rücken- und Brustbereich, die eine schnelle ärztliche Versorgung nötig gemacht hätten. Stattdessen, wie im Verlauf des ersten Prozesstages klar wurde, lag der Verletzte über mehrere Stunden hinweg blutend in der Unterkunft. Erst am Morgen sei es ihm gelungen, einen Mitbewohner auf sich aufmerksam zu machen, sagte das Opfer. Weder der Angeklagte noch dessen algerische Gäste hatten sich um ihn gekümmert.

Das Gericht muss nun Überprüfen, inwieweit der Angeklagte, dessen Alkoholabhängigkeit unstrittig ist, die Messerattacke im Zustand verminderter Schuldunfähigkeit verübt hat.

Hintergrund: Kriminalfälle im Landkreis

Die Messerstecherei in Dorfitter ereignete sich am 15. Mai 2014. Der damals 44-jährige Somalier hatte sich mit einem damals 23-Jährigen aus Somalia gestritten. Im Dezember 2013 hatte schon ein weiterer Vorfall zwischen Asylbewerbern im Landkreis für Aufsehen gesorgt: Ein 36-Jähriger aus Eritrea war in einem Korbacher Hotel von einem anderen Eritreer getötet worden. Im Jahr 2013 traten Asylbewerber in Waldeck-Frankenberg nach Angaben der Polizei bei 66 Straftaten in Erscheinung, die Zahlen für 2014 liegen noch nicht vor. Laut der Polizei treten sie genau wie andere Teile der Gesellschaft bei Kriminalität in Erscheinung, ob als Opfer oder als Täter.

Von Petra Schaumburg-Reis

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Rubriklistenbild: © Archivbild/HNA

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