Sie will Betroffenen Mut machen

Simone Kesper-Suhr gibt Seminare für schlecht Hörende

Audiotherapeutin Simone Kesper-Suhr aus Eimelrod ist selbst hörgeschädigt und bietet Seminare für Schwerhörige an. In Gesprächsrunden und Seminaren setzt sie Zusatztechnik ein, wie diese mit einem Sender für den Sprecher und einem Empfänger, der mit dem Hörgerät verbunden wird. Foto: Rösner

Eimelrod. Ihre Diktate enthielten so viele Fehler, dass der Lehrer Verdacht schöpfte. Simone Kesper-Suhr hört seit ihrer Kindheit schlecht, und mittlerweile ist sie fast taub. Kesper-Suhr setzt sich dafür ein, dass Schwerhörigkeit kein Tabu-Thema mehr ist.

Die Schwerhörigkeit hat sie psychisch so sehr belastet, dass sie sich sagte: „Es muss sich was ändern.“ Im Jahr 2012 entschied sich die Sozialpädagogin für eine Weiterbildung als Audiotherapeutin. „Jetzt geht es mir total gut“, sagt sie.

Simone Kesper-Suhr will, dass Schwerhörigkeit kein Tabu-Thema mehr ist und dass Betroffene sich trauen, darüber zu sprechen und Wege zu finden, besser damit zu leben. Bislang werde Schwerhörigkeit oft mit Alter, Schwäche und Behinderung verbunden. „Viele schämen sich“, sagt Kesper-Suhr. Nach ihren Angaben ist aber jeder Sechste davon betroffen. Nicht nur alte Menschen können darunter leiden, auch viele Jüngere, und einige sogar von Geburt an. Es gibt viele Ursachen - von genetischer Veranlagung bis hin zu Tinnitus. In Deutschland hat nach Schätzungen fast jeder vierte Jugendliche eine Beeinträchtigung des Gehörs, schreibt der Verband der Kinder- und Jugendärzte.

Zur Person 

Simone Kesper-Suhr ist Diplom-Sozialpädagogin und hat 2012 eine Weiterbildung zur Audiotherapeutin beim Deutschen Schwerhörigenbund abgeschlossen. Seit Oktober ist sie in in Bad Berleburg tätig - in einer Fachklinik für Hörstörungen, Tinnitus und Schwindel. Außerdem bietet sie freiberuflich Therapien für Schwerhörige an. Sie ist seit ihrer Kindheit schwerhörig und trägt seit dem Studium Hörgeräte. Kesper-Suhr ist 43 Jahre alt, ist verheiratet und wohnt in Willingen-Eimelrod. Zu ihren Hobbys zählen Orgel und Panflöte spielen, lesen und Fitness.

Die 43-jährige Simone Kesper-Suhr aus Eimelrod behandelt Patienten, bei denen der Hörschaden oft zu Erschöpfung führt. Sie hat selbst erfahren, dass ein hoher Leidensdruck entstand, als sie jahrelang nicht offen mit dem Thema umging. „Ich habe es versteckt, habe die Haare übers Hörgerät gelegt und in einer Runde mitgelacht, obwohl ich nichts verstanden hatte“, erzählt sie. Ihre Arbeit - Berufsvorbereitung für Jugendliche - überforderte sie, da sie oft nichts verstand. „Kommunikation ist für Schwerhörige Stress“, sagt sie. Oft entstünden Missverständnisse. „Man wird als doof behandelt, als schwer von Begriff.“

Misslungene Gespräche greifen das Selbstwertgefühl an, machen traurig, führen zu sozialem Rückzug und Depressionen. Daher sei es wichtig, offen über das Problem zu sprechen und Mitmenschen klar zu machen, was auch sie tun können, um die Kommunikation zu erleichtern.

Die meisten hätten keinen Kontakt zu anderen Schwerhörigen. Durch ihre Weiterbildung setzte Simone Kesper-Suhr schließlich ihre Schwerhörigkeit als Stärke ein und konnte dabei Kraft schöpfen. „Der Austausch mit anderen ist wie eine Tankstelle.“

„Ich habe mich mit Händen und Füßen gegen ein Hörgerät gewehrt.“

Laut Kesper-Suhr gibt es viele Geräte, die den Alltag von Schwerhörigen erleichtern. Jedoch müssten sich Betroffene darauf einlassen. Oft dauere es mehrere Monate, sich an ein Hörgerät zu gewöhnen und es richtig einzustellen. Auch bei ihr war es ein langer Prozess. „Ich habe mich mit Händen und Füßen gegen ein Hörgerät gewehrt.“ Mit Anfang 20, während des Studiums, hat sie dann eins bekommen. Sie weiß schon, dass sie irgendwann ein Cochlea-Implantat braucht - eine Hörprothese. Technische Hilfen benutzt sie nun ganz selbstbewusst. Sie meidet zwar noch immer Kino, Theater und Konzerte, und Veranstaltungen mit vielen Menschen sind anstrengend für sie. Doch sie spielt Orgel und lernt Panflöte. Zum Fernsehschauen nutzt sie ein Headset.

Von Stefanie Rösner 

Mehr zum Thema Hörprobleme und welche Beeinträchtigung das auf den Alltag von Betroffenen haben kann, lesen Sie auf der Gesundheitsseite in der gedruckten Mittwochsausgabe der HNA Waldeck-Frankenberg.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.