„Prächtiger Dreizehnender geboren“

Bei der Gebietsreform entsteht vor 50 Jahren die Gemeinde Diemelsee

„Historischer Akt“: Die Vertreter der 13 Dörfer unterschreiben den „Zusammenlegungsvertrag“ zur Gründung der Gemeinde Diemelsee. Rechts sitzt der Waldecker Landrat Dr. Hermann Reccius.
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„Historischer Akt“: Die Vertreter der 13 Dörfer unterschreiben den „Zusammenlegungsvertrag“ zur Gründung der Gemeinde Diemelsee. Rechts sitzt der Waldecker Landrat Dr. Hermann Reccius.

Bei der hessischen Gebietsreform entstand vor 50 Jahren nach zahlreichen, teils heftigen Debatten die Gemeinde Diemelsee. Ein Rückblick.

Diemelsee – Für Gemeindebrandinspektor Karl-Wilhelm Römer und sein Team ist schon seit Jahren klar: Es gibt nur die Diemelseer Feuerwehr. Eine Gemeinde – also eine schlagkräftige Truppe aus ehrenamtlichen Männern und Frauen. Eifersüchtiges Kirchturmdenken? Die Aktiven wissen: Das ist schon längst nicht mehr zeitgemäß. Es geht nur zusammen.

Wir-Gefühl entwickelt

Das sah vor einem halben Jahrhundert noch anders aus: Da mussten die Einwohner der 13 Dörfer erst zueinander finden. Zum 1. Januar 1972 trat nach langen, teils heftigen Diskussionen der Grenzänderungsvertrag in Kraft, die Großgemeinde Diemelsee war offiziell entstanden. Doch die Diemelseer haben sich zusammengerauft und ein Wir-Gefühl entwickelt.

Pläne der sozialliberalen Koalition

Die Großgemeinde entsprang Landesvorgaben: Die sozialliberale Koalition wollte die Gemeinden über eine Gebietsreform zukunftsfähig machen. Sie wollte größere Verwaltungseinheiten schaffen, die leistungsfähiger waren und dank hauptberuflicher Fachleute professioneller arbeiteten.

Die Landesregierung wollte die Zahl der 2642 Gemeinden auf 500 drücken, die der 39 Kreise und neun kreisfreie Städte auf 20 Kreise. Dazu gab es einen „Modellplan“: Jede Gemeinde sollte mindestens 5000 Einwohner haben.

Im Dezember 1970 legte Innenminister Hanns-Heinz Bielefeld „Vorschläge“ vor und lockte mit Geld für einen freiwilligen Zusammenschluss bis Ende 1971.  

Unterschiedliche Vorstellungen

Im heutigen Diemelsee gab es durchaus andere Bestrebungen als die vom Land ins Auge gefassten:

  • Die Flechtdorfer beschlossen schon Ende März 1970 bei einer Bürgerversammlung mit 95 Prozent einen Anschluss an das größere - und reichere - Korbach – Ende März 1971 erfuhr die WLZ aus dem hessischen Innenministerium, dass es dafür „keine Minister-Zustimmung“ geben werde.
  • Ottlar strebte mit Blick auf den Fremdenverkehr ins Upland.
  • Sudeck, Giebringhausen und Stormbruch hätten versucht, eine Mini-Großgemeinde zu bilden, berichtete der erste Diemelseer Bürgermeister Karl Klemm später. Aber das habe Landrat Dr. Hermann Reccius vereitelt.
  • Vasbeck gehörte bis 1942 dem Kreis der Twiste an und nicht wie die anderen Diemelseer Dörfer dem Kreis Eisenberg. Daher hätten sich einige lieber einer Großgemeinde um Arolsen angeschlossen.

Waldecker Kreistag beschließt „Modellplan“ mit zehn „Gemeindegruppen“

Der Waldecker Kreistag richtete einen Ausschuss zur Gebietsreform ein, der über den vom Landrat vorgelegten „Modellplan“ der Landesregierung zur „Gebietlichen Neugliederung auf Gemeindeebene“ diskutierte. Am 14. Mai nahm das Parlament den Plan an, der für den Kreis zehn „Gemeindegruppen“ vorsah – darunter die Gruppe Adorf mit 13 Dörfern.

Mit 24 zu sieben Stimmen lehnte der Kreistag einen Antrag ab, Ottlar dem Upland zuzuordnen. Schon der Ausschuss hatte den Flechtdorfer Wunsch zurückgewiesen: Ohne das Dorf sei die Gruppe Adorf „zu sehr geschwächt“.

Verhandlungen im späteren Diemelsee

Und so nahmen die Bürgermeister, Gemeindevorstände und Gemeindevertreter der 13 Dörfer ihre Gespräche auf. Bei der ersten Versammlung Anfang August in Giebringhausen erklärten sich bereit, Verhandlungen zur Bildung der Großgemeinde zu führen. Dann ging es darum, was die Gemeinde zu leisten hätte, beim fünften Treffen in Rhenegge stand die Liste.

Dazu gehörten: ein Schwimmbad und ein Kindergarten für Adorf, die Dommelhalle für Ottlar, die Walmehalle und eine Kläranlage für Vasbeck, dazu Friedhofskapellen, Wasserleitungen, Feldwege.

Der Vertrag steht

Am 17. September meldete die WLZ: „Im Raum Adorf sind die Würfel gefallen.“ Bei einem Treffen in Heringhausen sei Einigung erzielt worden über den „Grenzänderungs- und Auseinandersetzungs-Vertrag“.

Am 12. November wurde er im Adorfer Gasthaus „Zur Linde“ unterzeichnet. Es sei ein „historischer Akt“, urteilte Karl Klemm.

Am 7. Dezember beschloss das Kabinett in Wiesbaden die Bildung von sieben Großgemeinden in Waldeck, darunter Diemelsee. Bei einigen Kommunen war die Frage der Zuordnung aber noch offen – etwa bei Mengeringhausen.

Streit um den Namen der Großgemeinde

Als Bürgermeister, Gemeindevorstände und Gemeindevertreter im August 1971 erstmals zusammenkamen, gab es über den Verwaltungssitz Adorf keine großen Debatten – wohl aber über den Namen der Großgemeinde.

Vertreter von sieben Dörfern sprachen sich für Adorf aus, fünf plädierten auch mit Blick auf den Fremdenverkehr für Diemelsee – dem Namen des 1965 geschaffenen Naturparks und des Stausees.

Am 6. September versammelten sich Bürgermeister, Gemeindevorstände und Gemeindevertreter bei Todtenhausen in Vasbeck. Da kam es mit 6:6 zu einem Patt, Schweinsbühl enthielt sich.

Der Namensstreit zog weite Kreise. Das Marburger Staatsarchiv und der Kreisausschuss sprachen sich für Diemelsee aus. Der Heimatforscher Alfred Emde plädierte in der WLZ für Adorf, weil das Dorf schon in der Geschichte kirchlich wie als „Marktflecken“ eine „führende Stellung“ inne gehabt habe. Und es gab den Schulverbund mit der 1964 eröffneten Mittelpunktschule in Adorf.

Bis Ende Dezember verschoben sich die Gewichte: neun Dörfer für Diemelsee, vier für Adorf. Letztlich entschied die Landesregierung, die wie bei Diemelstadt, Edertal und Twistetal den Kunstnamen Diemelsee wählte. „Das war gut so“, kommentierte Bürgermeister Karl Klemm später: „So war ich den Schwarzen Peter los.“

Letzte Sitzungen

Es war auch in Diemelsee keine Liebesheirat. So heißt es etwa im Protokoll der letzten Parlamentssitzung in Deisfeld vom 30. Dezember: „Die Gemeindevertretung ist einstimmig der Meinung, daß nur auf Druck der Hessischen Landesregierung der Grenzänderungsvertrag unterzeichnet wurde. Die persönliche Meinung aller Gemeindevertreter war, daß eine selbstständige Gemeinde Deisfeld im Sinne aller Bürger sinnvoller gewesen wäre.“

Der Benkhäuser Bürgermeister Fritz Pohlmann vermerkt im Protokollbuch: „Der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe.“

Sein Schweinsbühler Kollege Alfred Döbelt erklärte der WLZ im Dezember, „die Gemeinde hätte gar zu gerne 1975 ihre 900-Jahr-Feier als selbstständige Kommune begangen“.

In Rhenegge gab die Gemeinde nach Weihnachten einen „Ehren- und Abschiedsabend“ im Gasthaus „Zum Berghof“, bei dem sich Bürgermeister Christian Bangert nach 20 Amtsjahren in den Ruhestand verabschiedete – die Gemeindevertreter ernannten ihn zum Ehrenbürgermeister.

In Giebringhausen lud Bürgermeister Walter Emden Mitte Dezember zu einer „Trauerfeier“ ins Gemeindehaus ein – auch die Nachbarn. Die WLZ berichtete am 14. Dezember, die Feier sei „recht fröhlich verlaufen“...

Staatsbeauftragte ernannt

Kommunalwahlen gab es erst im Oktober 1972, deshalb ernannte der Landrat nach Weihnachten Staatsbeauftragte, die bis dahin im Gemeindevorstand und als Gemeindevertreter arbeiten sollten. Er vereidigte sie auch. Der Kasseler Regierungspräsident Alfred Schneider bestätigte die Ernennungen.

Bürgermeister der Großgemeinde wurde der Adorfer Amtsinhaber Karl Klemm, der bereits hauptamtlich arbeitete. Erster Beigeordneter wurde Otto Stein aus Flechtdorf. Weitere Beigeordnete waren Otto Wilke aus Adorf, Alfred Döbelt aus Schweinsbühl, Kurt Ziemann aus Heringhausen und Karl Fischer aus Stormbruch.

Dr. Reccius ernannte Hermann Westerhaus zum Vorsitzenden des Parlaments – er hatte dieses das Amt zuvor in Adorf ausgeübt. Hinzu kamen 18 weitere Gemeindevertreter.

Ortsschilder ausgetauscht

Zum Jahreswechsel vollzog sich der Zusammenschluss – als sichtbares Zeichen wurden die Ortsschilder ausgetauscht. In Adorf wurden offenbar Freund und Feind der Reform aktiv: Die einen klauten neue Diemelsee-Schilder, andere übermalten den Schriftzug Adorf.

„Diemelseer Schilderklau“: oben das neue Adorfer Ortsschild mit dem neuen Zusatz Diemelsee, beim alten Schild unten ist „Adorf“ schwarz übermalt. An zwei Stellen am Dorfrand wurden die Diemelsee-Schilder abmontiert und gestohlen.

1972 ging es daran, die neue Verwaltung aufzubauen und die Dörfer zusammenzuführen. Karl Klemm war ständig unterwegs, um für die neue Gemeinde zu werben.

Pflicht zusammenzuarbeiten

Die Gemeindevertreter kamen erstmals am 11. Januar in Adorf erstmals zusammen. „Nicht ohne Geburtswehen“ sei im Naturpark Diemelsee ein „prächtiger Dreizehnender geboren“ worden, stellte Parlamentschef Westerhaus fest. Die Gemeindevertreter hätten die Pflicht zusammenzuarbeiten – „damit er bald nicht mehr auf staksigen Beinen steht“.

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