Alter Brauch muss wegen Corona-Beschränkungen ausfallen

Kleine Präsente ersetzen das Neujahrssingen der Vasbecker Dorfjugend

Neujahrsgruß der Vasbecker Dorfjugend: Weil das traditionelle Neujahrssingen wegen der Corona-Auflagen nicht möglich war, verteilte sie Präsente an alle Haushalte im Dorf. Neben der Grußbotschaft befanden sich in der Plastiktüte ein Schnapsfläschchen für jeden Erwachsenen im Haushalt und einen Lutscher für jedes Kind.
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Neujahrsgruß der Vasbecker Dorfjugend: Weil das traditionelle Neujahrssingen wegen der Corona-Auflagen nicht möglich war, verteilte sie Präsente an alle Haushalte im Dorf.

Eine Überraschung fanden die Vasbecker am Neujahrsmorgen an ihrer Haustür: Die Dorfjugend hatte an alle Haushalte kleine Präsente verteilt, statt in alt hergebrachter Weise in der Nacht einen musikalischen Neujahrsgruß zu überbringen.

Diemelsee-Vasbeck – Das Singen sei wegen der aktuellen Corona-Beschränklungen nicht möglich schreiben die Jugendlichen in einem Neujahrsgruß mit dem Wappen der Dorfjugend. „Trotzdem möchten wir die Tradition nicht brechen, und natürlich wollen wir, dass ihr alle in ein ,glückseliges neues Jahr’ startet.“ Den Text des Liedes druckten sie mit ab.

Ersatz fürs Singen gesucht

Im Vorfeld hatten die Mitglieder der Dorfjugend beraten, wie sie auf die Corona-Krise reagieren sollten. Klar war: „Wir machen irgendwas.“ Auch wenn das Singen nicht möglich war. Regine Kornemann und Albrecht Tobien vom Ortsbeirat bestärkten sie.

So kam die Idee mit den Präsenten auf. Der Vorsitzende Melf Tobien besorgte Schnäpschen für die Erwachsenen und Lutscher für die Kinder, schnell waren rund 190 Tüten verpackt, Mitglieder verteilten sie straßenweise. Die Überraschung kam gut an.

Alter Brauch lebt seit Generationen weiter

Das Neujahrssingen gehört zu den alten noch erhaltenen Bräuchen in Vasbeck. Wie Robert Wetekam in seinem 1936 erschienenen Buch über das Dorf schreibt, zogen einst die Kuh- und Schweinehirten nach Mitternacht vors Haus eines jeden Bauers, bliesen ins Horn und sagten einen Spruch auf:

„Wir wünschen dem Hausherren und der Hausfrau, Großvater und Großmutter, Söhnen und Töchtern, Knecht und Magd ein glückseliges neues Jahr, Friede, Gesundheit, langes Leben und danach die ewige Freud und Seligkeit.“

Später gingen sie erneut durchs Dorf und sammelten Eier, Würste und Speck, eine gemeinsame Feier folgte.

Burschen übernehmen

Um 1880 hätten die Vasbecker Burschen das Neujahrssingen übernommen, berichtet Wetekam, der 1921 als Lehrer Nachfolger seines bis heute bekannten Schwiegervaters Adolf Brandt geworden war – er wurde später Rektor der heutigen Kaulbachschule in Bad Arolsen und Vorsitzender des Waldeckischen Geschichtsvereins.

Der Liedtext hat sich über Generationen erhalten:

„Guten Morgen in diesem Haus. /
Wir wünschen euch /
euch wünschen wir /
ein glückseliges neues Jahr /
ein glückseliges neues Jahr!“

Jeder Angehörige eines Haushalts bekam eine eigene Strophe. Auch die Familien der Aussiedlerhöfe erhielten ihr Ständchen.

Die Burschen bekamen wie einst die Hirten eine kleine Spende – manch Familie spendierte den durch die teils arg kalten Winternächte ziehenden Sängern auch einen Schnaps zum Aufwärmen. In den Gasthäusern gab es zudem eine warme Suppe oder einen Imbiss. Nach dem Neujahrsgottesdienst und einem Nickerchen trafen sich die Burschen zum Feiern.

Mädchen gehören mittlerweile dazu

Nach altem Brauch durften sie nach der Konfirmation mitsingen – früher galten sie danach als Erwachsene. Bis in die 1980er Jahre hinein zogen nur die Jungen durchs Dorf, seitdem sind auch die Mädchen dabei.

Nicht nur in Vasbeck ist der Brauch des Neujahrssingens bekannt. Das Lied habe er in seiner Jugend in Wirmighausen mitgesungen, berichtet der inzwischen pensionierte Musikwissenschaftler Prof. Friedhelm Brusniak. Es sei in Waldeck bekannt.

In nächsten Jahr soll es in der Neujahrsnacht auch in Vasbeck wieder erklingen. (Schilling)

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