Vor 70 Jahren zerstörten englische Bomber die Edertal-Staumauer

Bombenangriff 1943: Über Nacht kamen Flut und Tod

Staumauer
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Eine Spezialbombe hat eine Bresche geschlagen: Wie ein Stein, der flach geworfen über das Wasser hüpft, war die Bombe der englischen Flieger auf die Sperrmauer zugeflogen, kurz vor der Mauer in die Tiefe gesunken und dort explodiert. Dies riss eine große Lücke in die Mauer (Foto). 160 Millionen Kubikmeter Wasser ergossen sich ins Tal.

Muttertag 1943, der 16. Mai, ein ruhiger, beschaulicher Tag im Edertal. Alles hat zu Blühen begonnen. Am nächsten Tag wird alles anders sein, aus der Idylle ist ein Inferno geworden. Dafür sorgt eine englische Fliegerbombe.

Sie zerstört die Sperrmauer des Edersees. 160 Millionen Kubikmeter Wasser ergießen sich ins Tal. Die gewaltige Kraft der tosenden Fluten verwandelt die Täler der Eder und der Fulda in eine Katastrophenlandschaft. 47 Menschen werden von der Flutwelle in den Tod gerissen.

Dass sie an jenem Tag das größte Leid ihres Leben miterleben würden, ahnen die Menschen in Hemfurth, Affoldern, Bergheim und in den anderen Dörfern am Fuße des Sees nicht. Normalität – sofern Kriegstage normal sein konnten – steht auf der Tagesordnung. Im Gasthof Bergmann in Hemfurth hat man sich zu einer Luftschutzversammlung getroffen. Da es nichts Besonderes zu besprechen gibt, geht man früh ins Bett – und wird jäh aus dem Schlaf gerissen. Englische Bomber donneren dicht über die Dächer. Mehrere Detonationen sind zu hören – Bombeneinschläge.

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Karl Bergmann aus Hemfurth berichtet später: „Die flogen so dicht über unser Haus, dass es allein von dem Flugzeuglärm schon zitterte.“ Heinrich Meister aus Bergheim: „Ich war in Alt-Wildungen auf dem Nachhauseweg. Da musste ich den Kopf einziehen, sonst hätten die Bomber ihn mir abrasiert.“

Wenig später hört Karl Bergmann einen dumpfen, starken Schlag, dann ein Donnern, Brummen und Grollen wie bei einem Erdbeben. Der Vater des damals 15-Jährigen ahnt, dass etwas Schreckliches passiert ist: „Hoffentlich haben die nicht die Mauer kaputtgemacht.“

Sie hatten – davon kann sich Karl Bergmann überzeugen, als er auf dem Balkon des über dem Tal liegenden Gasthauses steht. Ein riesige, etwa acht Meter hohe Flutwelle schießt durchs Tal. Zu sehen ist vor allem die emporspritzende weiße Gischt.

Schäden auch in Hann. Münden: Die verträumte Kleinstadt  wird durch die Flut aus der Eder daran erinnert, dass der Krieg auch sie treffen kann.

Das Lebenselexier Wasser wird zum Todesboten für das Tal. Es reißt Stege mit, Baumstämme, ertrunkenes Vieh. Todesschreie von Tieren sind zu hören und Hilfeschreie von Menschen. Viele retten sich auf die Dächer ihrer Häuser.

Martin Lötzer aus Bergheim, damals 22 Jahre alt, sieht, wie sich eine unheimliche Nebelwand heranwälzt, gefolgt von einer riesigen Wasserwelle. Nachbarhäuser werden ein Raub der Flut, Familie Lötzer kann sich ins Obergeschoss retten. Ihr Haus hält dem Wasser stand.

Die Familie des Lehrers Mangel aus Hemfurth hat kein Glück. Elisabeth (31) und die Kinder Ingrid (5) und Jürgen (4) ertrinken in den Fluten. Der Mann und Vater weiß davon nichts – er ist zu dieser Zeit Soldat in Russland.

Woanders in Hemfurth erweist sich das Schicksal wiederum als gnädig. Die alte Frau Höhle, im Dorf überall als „Bachhöhle“ bekannt, wird von den Fluten zunächst mitgerissen. Sie treibt auf dem Wasser genau auf eine Linde zu. Geistesgegenwärtig klammert sich die Frau an den Ästen fest, klettert höher und entrinnt so den todbringenden Gewalten. Die ganze Nacht verbringt Oma „Bachhöhle“ auf dem Baum, bevor Männer ihr wieder zu festem Boden unter den Füßen verhelfen.

Aufräumarbeiten

Tod und Trauer, Freude und Erleichterung beherrschen das Edertal. Als es hell wird am Morgen, zieht sich das Wasser zurück. Zu sehen istdas ganze Ausmaß der Zerstörung: Zehn Häuser sind allein in Hemfurth fast dem Erdboden gleichgemacht worden. Schlamm, Geröll und Trümmer überall. Die Menschen beginnen aufzuräumen. Oder nach Vermissten zu suchen.

Und sie reden über die leichtfertige Versicherung, die sie immer zu hören bekommen hatten: Die Sperrmauer sei von Bomben nicht zu zerstören, hatten die Nazi-Machthaber immer wieder erklärt.

Von Frank Thonicke

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