Die Flutwelle von der Eder richtete in Kassel schwere Schäden an

Sperrmauer-Angriff vor 70 Jahren: Als die Orangerie unter Wasser stand

Orangerie
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Seenlandschaft mit Orangerie: Die Flut aus der Eder erreichte auch Aue, Unterneustadt und Bettenhausen.

Kassel. Sie hatten nicht glauben wollen, dass die Flutwelle so gewaltig sein würde: Doch das Wasser der Fulda stieg von Minute zu Minute, bald würde es ihre Wohnung in der Unterneustadt erreichen. Jetzt war es zu spät für eine Flucht zu Fuß.

Auf dem Wasser machten sich Hilfskräfte auf den Weg, um die bedrohten Nachbarn zu retten. Das Boot bahnte sich seinen Weg durch die braune Flut. An Bord der 65-jährige Hermann Rasch und der 52-jährige Wilhelm Queck. Sie waren dienstverpflichtet, gehörten zur Feuerschutz- und Luftschutzpolizei.

Niemand an Bord ahnte, was sich unter der braunen Wasseroberfläche verbarg. Viel zu weit war die Fulda schon über ihre Ufer getreten. Plötzlich gab es einen Ruck, das Boot war gegen einen Metallzaun geprallt. Blitzschnell bildete sich ein Leck. Die Männer versuchten verzweifelt, ans rettende Ufer zu kommen. Doch das Boot geriet in einen Strudel und kenterte. Für Hermann Rasch und Wilhelm Queck kam jede Hilfe zu spät. Ihre Leichen wurden erst am folgenden Tag gefunden, als die Flutwelle Kassel hinter sich gelassen hatte.

Sonstige Personenschäden traten dank des rechtzeitigen Räumungsbefehls nicht auf, so der offizielle Bericht der Kasseler Polizei.

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Als die große Flutwelle auf Kassel zugerollt kam, hatten in der Tat die meisten Menschen ihr Hab und Gut aus den bedrohten Häusern und Wohnungen herausgebracht. Ab 11 Uhr am 17. Mai stieg das Wasser deutlich an. Um 15 Uhr hatte die Flut den Höhepunkt erreicht – 4,20 Meter über dem Normalstand. Die gesamte Aue stand unter Wasser, die Unterneustadt und Bettenhausen.

Rund 27.000 Menschen waren vom Hochwasser betroffen. Baumstämme, Tierkadaver, Hausteile, ganze Ställe und Lauben wurden mitgerissen. Sie verstopften Flutgräben und Brückenbögen. Die Flut bahnte sich dennoch ihren Weg. Überall setzte sich Schlamm ab. Wie bei jedem großen Fuldahochwasser, nur schlimmer.

Historische Bilder: Bombardierung der Edertalsperre 1943

Historische Bilder: Bombardierung der Edertalsperre 1943

Die zerstörte Talsperre am Tag nach dem Angriff vom 17. Mai 1943. 19 speziell umgebaute Bomber der Royal Air Force waren damals Angriffe auf deutsche Talsperren geflogen. © nh
Mehrere Anflugversuche auf die Talsperre schlugen in der sternenklaren und ungewöhnlich hellen Nacht zunächst fehl. Dann brachte ein weiterer Angriff schließlich den von den Engländern gewünschten Erfolg. © nh
Die Bombe sprang wie ein hüpfender Kieselstein über die Wasseroberfläche in Richtung Sperrmauer. Gegen 1.50 Uhr prallte der Behälter mit explosivem Material zunächst gegen die Mauer. Foto: Archiv Grötecke © nh
Danach sank die Rollbombe wie geplant vor der Talsperre. In etwa zehn Metern Wassertiefe löste der Druckzünder die Detonation aus. © nh
Die Druckwelle riss ein halbovales Loch in die Talsperre, durch das sich das angestaute Wasser in einer Flutwelle in das untere Edertal ergoss. © nh
Zu sehen ist die zerstörte Talsperre auf diesem Bild am Tag nach dem Angriff. © nh
Die Flutwelle nach der Bombardierung der Edertalsperre erreichte selbst noch Hann. Münden. Hier zu sehen ist die Lange Straße auf einer Originalaufnahme von Rektor Mesch. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Wasser- und Schifffahrtsamtes Hann. Münden © nh
Hann. Münden nach der Bombardierung der Edertalsperre, hier zu sehen ist die zerstörte Mühlenbrücke. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Wasser- und Schifffahrtsamtes Hann. Münden © nh
Die Flutwelle erreichte in Hann. Münden auch die Mühlenstraße. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Wasser- und Schifffahrtsamtes Hann. Münden © nh
Auch die Sydekumstraße blieb nicht verschont. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Wasser- und Schifffahrtsamtes Hann. Münden © nh
Zu sehen sind auf diesem Bild die Wassermassen in Hann. Münden an der Löwenbrücke. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Wasser- und Schifffahrtsamtes Hann. Münden © nh
Nur mit Booten konnten sich die Menschen in Hann. Münden (hier: Questenbergweg) fortbewegen, wenn sie trockene Füße behalten wollten. Bild aus dem Album von Mündener Baurat Pleuser
Hier zu sehen ist die Pionierbrücke in Hann. Münden. Bild aus dem Album von Mündener Baurat Pleuser
Zu sehen ist hier die Kirche St. Blasius. Bild aus dem Album von Mündener Baurat Pleuser
Die Eisenbahnbrücke der Main-Weser-Bahn bei Wolfershausen (Felsberg/Schwalm-Eder-Kreis) wurde ebenfalls von den Wassermassen zerstört. Original im Privatbesitz von Herbert Noell, Kassel © nh
Überflutete Häuser nach der Bombardierung der Edertalsperre. Der Ort ist nicht bekannt.
Klein Affoldern am Morgen des 17. Mai 1943 nach der Bombardierung und Zerstörung der Edertalsperre. © nh
Dieses Foto zeigt Tierkadaver auf der Hauptstraße in Mehlen nachdem die Wassermassen verschwunden sind. © nh
Schlimm getroffen hatte es auch Affoldern. Dieses Bild zeigt die zerstörte Dorfmitte. Von der zerstörerischen Kraft waren neben Affoldern die Dörfer Edersee, Hemfurth, Mehlen und Giflitz besonders hart betroffen. © nh
Blick über die zerstörte Affolderner Ederbrücke in das Dorf. © nh
Eine Spur der Verwüstung hinterließ die Flutwelle auch am Kraftwerk in Hemfurth. © nh
Nach der Flut kam der Wiederaufbau. Hier an der Eisenbahnbrücke der Main-Weser-Bahn bei Wolfershausen (Felsberg/Schwalm-Eder-Kreis). Original im Privatbesitz von Herbert Noell © nh
Und auch die Talsperre selbst musste wiederaufgebaut werden. Foto: Archiv Grötecke © nh
In Hann. Münden beseitigten die Menschen ebenfalls die Schäden, die das Wasser angerichtet hatte. Hier sieht man Aufräumungsarbeiten in der Unteren Lange Straße.

Denn es herrschte Krieg, und eine der größten Sorgen der NS-Verwaltung war, dass der Luftschutz funktionierte. Die Städtischen Werke sollten in den verlassenen Häusern sofort den Strom abstellen, falls dort noch eine Lampe brannte. Etwa 1200 Häuser, Wohnungen und Betriebe wurden durch die Flut beschädigt, das Pumpwerk an der Neuen Mühle fiel zwei Tage lang aus. Damit war die Trinkwasserversorgung teilweise unterbrochen. Fast 20.000 Menschen mussten ihre Wohnungen vorübergehend verlassen.

Am Tag nach der großen Flut waren die Straßen voll mit feuchten Möbeln und Treibgut, das zwischen den Häusern liegen geblieben war. Glücklicherweise floss das Wasser so schnell ab, wie es gekommen war.

Von Thomas Siemon

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