Nach fünf Monaten war die Sperrmauer repariert

Bombardierung der Sperrmauer: Zwangsarbeiter schlossen Lücke

Sperrmauer
+
Schneller Wiederaufbau: Bis zu 2500 Menschen waren an der Edertal-Sperrmauer eingesetzt, darunter viele Zwangsarbeiter.

Die Zerstörung der Talsperren an Eder und Möhne in der Nacht des 16. Mai 1943 war ein schwerer Schlag für das Nazi-Regime: Propagandaminister Josef Goebbels notierte in sein Tagebuch: „Die Produktionsschäden, die angerichtet worden sind, können als über das Übliche hinausgehend angesehen werden.“

Der Führer sei wegen der mangelnde Vorkehrungen seitens der deutschen Luftwaffe „außerordentlich ungeduldig und böse.“

Die Alliierten feierten – obwohl sie bei den Angriffen zahlreiche Maschinen verloren – die Zerstörung der beiden Talsperren als riesigen Erfolg. Man war der Meinung, sowohl die Stromversorgung als auch die Wasserhaltung für die ganze Ruhrindustrie entscheidend geschwächt zu haben. Von der Zerstörung der Edertalsperre versprach man sich, die Wasserzufuhr des ganzen Fluss- und Kanalsystems bis zum Mittellandkanal und die wichtige Industrie in Kassel entscheidend zu treffen.

Lesen Sie auch:

- Bombenangriff 1943: Über Nacht kamen Flut und Tod

- Sperrmauer-Angriff vor 70 Jahren: Als die Orangerie unter Wasser stand

In Wahrheit wurde das große Ziel nicht erreicht. Die so genannten wehrwirtschaftlichen Schäden der Angriffe waren erstaunlich gering. Weder gelang es, die Wasserversorgung des Industriegebietes zu unterbinden, noch die Rüstungsindustrie dort oder im Raum Kassel lahm zu legen oder auch nur ernstlich zu behindern.

Zumal das Loch in der Edertalsperre schon fünf Monate später wieder geschlossen war. Nicht provisorisch, sondern fachmännisch und in Anlehnung an die ursprüngliche Konstruktionsweise. Dass dieses Werk in so kurzer Zeit gelang, war kein Wunder, sondern das Ergebnis einer militärisch straffen Organisation, die über beste Erfahrungen bei Sonderbauvorhaben des Hitler-Reiches verfügte und die sich ausländischer Zwangsarbeiter bedienen durfte. Es handelte sich wie bei dem Wiederaufbau der Sperrmauer am Möhnesee um die so genannte Organisation Todt (siehe Kasten).

Während die Zerstörung und die daraus entstandene Flutwelle ausführlich dokumentiert sind, handelt es sich bei der Instandsetzung um ein weit gehend dunkles Kapitel, in das erst in den letzten Jahren Licht gebracht wurde. Das hängt damit zusammen, dass in der Nazi-Zeit die Flutkatastrophe, die vom Edersee ausging, heruntergespielt wurde. Auf der anderen Seite sind, wie der Geschichtsforscher Johannes Grötecke bei seinen Nachforschungen herausfand, die örtlichen Quellen kläglich.

Kein Wunder, denn der Einsatz der Organisation Todt wurde von außen gesteuert und die Zwangsarbeiter waren in Baracken in einem Lager untergebracht. Hinzu kam, dass das Kapitel Zwangsarbeit verdrängt wurde. So fand Grötecke heraus, dass bis in unsere Zeit die rasche Wiederherstellung als ein Zeichen des Behauptungswillens der Deutschen gefeiert wurde. Dass die Zwangsarbeiter so willig funktionierten, hatte auch damit zu tun, dass es ein ausgeklügeltes Bewachungs- und Bestrafungssystem gab. So war in Hemfurth ein Straflager errichtet worden, in dem bis zu 100 Gefangene untergebracht werden konnten.

Insgesamt waren an der Baustelle Edersee-Sperrmauer zwischen 1500 und 2500 Menschen eingesetzt worden. Unter der Leitung des deutschen Führungspersonals der Organisation Todt waren junge Zwangsarbeiter, russische Kriegsgefangene, italienische Internierte und, wie es damals hieß, jüdische Mischlinge abkommandiert.

Die Edertalsperre in Friedenszeiten: Das Foto hat die Paderborner Firma NovoSight mit einer so genannten Flugdrohne gemacht, an der einen digitale Spiegelreflexkamera montiert war.

Bevor der Wiederaufbau begann, mussten die Eisenbahnlinien Wabern-Fritzlar, Fritzlar-Bad Wildungen und Kassel-Frankfurt wieder befahrbar gemacht werden. Das war bis Ende Juni gelungen. Allerdings dauerte es bis zum zum späten August, bis die wichtige Brücke bei Bergheim des Eisenbahnabzweigs nach Hemfurth (an der Staumauer) befahrbar war.

Als erste Zwangsarbeiter waren niederländische Zimmerleute angerückt, die die Wohnbaracken errichteten und an der Staumauer ein 50 Meter hohes Holzgerüst hinsetzten. Wie beim Bau der Sperrmauer holte man die Grauwackesteine aus dem Steinbruch bei Bringhausen (rund 13.000 Kubikmeter). In der Mauer wurden die Steine mit Mörtel und Zementmilch verbunden. Auch wurden in der Mauer zur Stabilisierung 5,5 Kilometer Entwässerungskanäle angelegt.

Anfang Oktober 1943 waren die Arbeiten abgeschlossen. Nach dem Krieg verstärkte man die Sicherungen der Mauer: 1947/48 und 1961/62 wurde noch einmal Zement an verschiedenen Stellen in die Mauer gepresst. Außerdem wurden zwischen 1991 und 1995 über 100 (75 Meter lange) Anker im Untergrund angebracht. Jeder von ihnen hat eine Tragkraft von 450 Tonnen.

Von Dirk Ippen und Dirk Schwarze

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.