Vom Labor ins Atelier

Die Kunst dieses jungen Edertalers und seines Freundes ist eine Wissenschaft für sich

Junger Künstler und Physiker Jan Niklas Kirchhof im Atelier
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Pause: Jan Niklas Kirchhof beim Fotoshooting im Atelier

Wissenschaft und Kunst: bei dem jungen Edertaler Physiker Jan Niklas Kirchhof verschmelzen diese beiden Welten in einem Projekt, das er gemeinsam mit einem Freund gründete.

Edertal – Der Zufall bildet eine der treibenden Kräfte in der Wissenschaft, wie im Leben. Jan Niklas Kirchhof, der aus Edertal stammt und in Berlin lebt, nutzt diese Kraft auf besondere Weise. Ein wenig, wie der Surfer die Welle, deren Gestalt er zwar nicht bestimmen, auf der er aber reiten kann, ohne zu wissen, wie weit exakt und wohin genau ihn dieser Ritt führt. Den 31-jährigen Forscher spülte der Zufall hinein in eine Welt, die durch eine riesige Entfernung von der Wissenschaft getrennt zu sein scheint: die Welt der Kunst.

Verblüffend: die dreidimensionale Wirkung.

Paradox: Auf der vermeintlich weiten Reise dorthin hatte es der Wissenschaftler mit winzigsten Abmessungen zu tun. Am Laserforschungszentrum Aachen beschäftigte ihn im Studium das Kalibrieren von Lasern.

Auf das Billionstel eines Meters exakt

„Man kann es für den Laien als sehr komplizierte Form des Eichens beschreiben. Zum Beispiel, um Messtechnologie zu entwickeln, die auf den Pikometer exakt arbeitet“, erklärt er. Ein Pikometer ist das Billionstel eines Meters, sprich: eine eins mit zwölf Nullen unterm Bruchstrich oder die Potenz von zehn hoch minus zwölf.

„Outrenoir. A Tribute to Pierre Soulages“ war eine Ausstellung der beiden voriges Jahr in der Berliner Stiftung Reinbeckhallen überschrieben.

Kirchhof kalibrierte Laser auch mit dem Ziel, fünf Millimeter starken Stahl zu schneiden. Das Lichtstrahlbündel mit seinen geheimnisumwitterten, quantenphysikalischen Kräften – Jan Kirchhof richtete es auf Metallplatten, auf denen der Laser Linien und Muster hinterließ. Nach der Auswertung des Versuchs wanderten die Platten in den Müll. Nur einige hob der junge Forscher auf und nahm sie mit, als er nach Berlin ging.

Begeisternder Abfall an der Wand

Eines Tages besuchte ihn dort ein Studienfreund aus Aachener Tagen: der gleichaltrige Architekt Max Schmidt-Alvarez, den es ebenfalls in die Hauptstadt verschlagen hatte. „Ein paar der mit dem Lasser bearbeiteten Metallplatten hingen an der Wand in meiner Wohnung, weil mir die Optik gefiel“, erinnert sich Kirchhof, der am Wildunger GSG sein Abi baute.

Im Atelier: Architekt und Künstler Max Schmidt-Alvarez,

Seinen Freund faszinierten die Spuren des Lasers auf dem Material. „Die Ästhetik begeisterte mich“, erzählt der Architekt. Die beiden quatschten lange an diesem Abend über die technisch erzeugten Linien und Muster, ließen ihrer Fantasie freien Lauf. „Am nächsten Tag bestellten wir im Netz einen Laser“, erzählt Jan. Einen Laser aus China. Als eine Art Blackbox traf das Gerät ein, „denn eine Bedienungsanleitung gab´s nicht“, sagt Max Schmidt-Alvarez.

Kunstexperimente aufs Geratewohl

Das machte ihnen nichts aus, denn die zwei Freunde experimentierten zunächst aufs Geratewohl. Sie hielten verschiedene Metalle in den Strahl und andere Materialien wie Holz. Sie beobachteten aufscheinende Farben und Effekte. „Wir haben geschnitten und graviert, mit Software und Layout experimentiert“, schildert Schmidt-Alvarez. „Wir ließen den Laser tanzen in unterschiedlichen Stärken und Geschwindigkeiten“, beschreibt Kirchhof den Beginn des gemeinsamen Schaffens.

Im Atelier: Jan Niklas (links) und Max

Beschichtete Metallplatten schälten sich als spannendster Werkstoff heraus, auf dem der Laser außergewöhnliche Schattierungen in Schwarz- und Grautönen mit Effekten von Lichtabsorption und -reflexion hervorruft, die den Eindruck von Dreidimensionalität erzeugen.

Der Zufall als Methode mit schöpferischer Kraft

Die zwei Freunde schrieben Algorithmen für das Gerät, überließen in diesen Steuerprogrammen aber bewusst dem Zufall einen breiten Raum dabei, den gebündelten Lichtstrahl über die Platte zu lenken. „Mach´ mir Kreise“, kann so eine Vorgabe an die Maschine besagen; darüber hinaus agiert der Zufallsgenerator. Das Vorgehen hat seinen Preis. „50 Prozent der entstehenden Platten sind Ausschuss, sie gefallen uns nicht“, sagt der Physiker im Team.

Künstler anwesend: der Laser im Zentrum der Ausstellung „Outrenoir. A Tribute to Pierre Soulages“ in Berlin. Dreidimensional erscheinen viele Werke. Vorbereitend greift Menschenhand ein im Schaffensprozess im Atelier.

Hinter den abstrakten Geometrien ihrer Bildkompositionen bewegen sich die zwei mit ihrem Tun absichtlich und voller Neugierde auf einer weiteren Ebene. „Es geht um die Frage, wie sich der Mensch die Technik zunutze macht – und wie sich umgekehrt die Technik in gewisser Weise unser bedient“, formuliert es Max Schmidt-Alvarez.

Zwischen Faszination und einem Schaudern

„Diese Technologien bringen krasseste Veränderungen für unser Leben“, sagt Jan Kirchhof über die Entwicklungen, die unter dem Stichwort „Künstliche Intelligenz“, kurz „KI“, in den Alltag drängen. Gelingt Computern, gelingt Programmen irgendwann der Sprung zu echter Kreativität? Laufen sie dem Menschen gar als Kunstschaffende den Rang ab? Aussichten, die Menschen so faszinieren wie erschrecken. Kirchhof und Schmidt-Alvarez lassen sich in ihrer Kunst inspirieren von diesem Grenzbereich zwischen Neugierde, gespannter Erwartung und Schaudern.

Schwarzmalerei

„Der grundlegende Unterschied zwischen dem, was die Maschine und dem, was der Mensch hervorbringt, besteht im Nicht-Perfekten, das wir als Menschen erschaffen“, sagt Schmidt-Alvarez. Der maschinell gewebte Teppich weise im Grundsatz keine Fehler auf, der kostbarere, von Hand gefertigte ja. Ihr Laser führt seine Linien vollkommen akkurat. „Es wäre schon cool, wenn die Maschine irgendwann selbstständig Fehler einbauen würde, wie Menschen sie begehen“, meint Jan Kirchhof. Doch selbst wenn eine Software den Laser in Zukunft derartig „kreativ“ einsetzte – könnte sie jemals leisten, was die gemeinschaftliche Arbeit der beiden Freunde ausmacht?

Aus Spannungen erwächst Kreativität

Zwischen ihnen erwächst schöpferische Spannung aus den unterschiedlichen Herangehensweisen und beruflichen Hintergründen eines Physikers und eines Architekten, die sich im Schaffensprozess gerne mal die Köpfe heiß reden und die sich als Duo den Namen „Projekt_k40“ geben. Oder die auf die Idee kommen, im Atelier Metallplatten mit Säure vorzubehandeln, dabei ausgestattet mit Chemiebrille, Schutzhandschuhen und Kittel.

Stripes without Stars

Nein – der Weg für die „KI“ aufs Surfbrett wahren Lebens erscheint noch beruhigend weit. Die Kunst von Jan Kirchhof und Max Schmidt-Alvarez bleibt eine Wissenschaft für sich, geprägt von zwei Persönlichkeiten. Von Menschen für Menschen, die den Anblick des Bildes genießen und rätseln: „Wie haben die das gemacht?“

Mit „Kalibrierung“ fing es an: bisher auf vier Ausstellungen vertreten

Jan Niklas Kirchhof und Maximilian Schmidt-Alvarez-Garcillan haben seit 2019 vier Ausstellungen bestückt, eine in Paris und drei in ihrer Wahlheimat Berlin. „Kalibrierung“ hieß ihr erstes Projekt, benannt nach dem Ursprung, der Forschungsarbeit des gebürtigen Edertaler Physikers. Ihre Arbeiten erregten Aufsehen in der Kunstszene. Wegen des eingebauten Zufalls beim Einsatz des Lasers stellen all ihre Werke Unikate dar. „Endlich mal wieder etwas schönes Abstraktes.“

„Mach mir Kreise“ und überlasse sie dem Zufall

Solche Reaktionen erhalten die zwei aus dem Publikum. Überrascht war das Duo davon, was die Zuschauer in die Bilder alles hinein interpretierten: das Universum, den Mond und manches mehr. „Wir haben schnell gemerkt, dass es auf unsere Meinung nicht ankommt“, sagt Max Schmidt-Alvarez. Der Architekt und der Physiker ertappten sich zwischendurch häufiger beim Spiel mit dem Gedanken, von der Kunst einmal zu leben, da sie Werke schon zu vierstelligen Beträgen verkauften, auch an prominente Zeitgenossen aus Berlin. „Wenn man mal gerade überhaupt keinen Bock auf Büro hat, denkt man daran“, sagt Schmidt-Alvarez. Doch im Grunde „genießen wir es, unabhängig zu sein und das in der Kunst zu tun, wozu wir Lust haben. Das ist ein schöner Luxus“, sagt Jan Kirchhof.

Wie es mit „Projekt_k40“ weitergeht, ist aktuell aus anderen Gründen unklar. Der Architekt ist Vater geworden. Der Physiker aus Edertal-Wellen hat sich als Astronaut bei der ESA beworben, wie 22 000 weitere Bewerberinnen und Bewerber. Mehr Infos zu den beiden Künstlern unter www.projekt-k40.de oder auf Instagram @projekt_k40. (Matthias Schuldt)

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