Schauspielerin liest in Kirche

Commissario Brunettis Sekretärin: Annett Renneberg plaudert in Bergheim über Venedig

„Signorina Elettra“: Langsam, im blauen Sommerkleid, einen großen Schal um die Schultern gelegt, betritt Annett Renneberg die Bergheimer Martinskirche.
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„Signorina Elettra“: Langsam, im blauen Sommerkleid, einen großen Schal um die Schultern gelegt, betritt Annett Renneberg die Bergheimer Martinskirche.

Schauspielerin Annett Renneberg, die im Film „Donna Leon“ die Sekretärin von Commissario Brunetti spielt, las in der Bergheimer Kirche im Rahmen einer Veranstaltung des Kultursommers Nordhessen.

  • Die Schauspielerin Annett Renneberg - im Film „Donna Leon“ die Sekretärin von Commissario Brunetti - plauderte in der Bergheimer Kirche über Venedig, die Dreharbeiten und Literatur.
  • Die Veranstaltung im Rahmen des Kultursommers Nordhessen dreht sich um die Lagunenstadt.
  • Den Commissario lässt die Schauspielerin immer wieder durch Zitate aus den inzwischen 30 Büchern sprechen.

Edertal-Bergheim – Langsam, im blauen Sommerkleid, einen großen Schal um die Schultern gelegt, betritt Annett Renneberg die Martinskirche. Ganz so, wie Signorina Elettra, ihre Filmfigur in den Donna Leon Verfilmungen um den venezianischen Commissario Guido Brunetti, es tun würde. Auf dem Weg nach vorn zu ihrem Lesetisch geht ein Raunen durch die Bankreihen:„Sie hat ja kurze Haare.“

Ganz so, wie es Signorina Elettra tun würde

Renneberg geht ungerührt weiter, ganz so, wie Signorina Elettra es tun würde. Sie setzt sich, nimmt langsam den Schal von den Schultern, schlägt, anmutig die Beine übereinander und haucht lächelnd, in perfekt klingendem italienisch, ganz so, wie Signorina Elettra es tun würde: „Buona serata e un caloroso benvenuto a un viaggio letterario a Venezia“ – „Guten Abend und herzlich willkommen zu einer literarischen Reise nach Venedig“. Sofort ist das Publikum bereit für einen interessanten Abend rund um die Lagunenstadt.

Annett Renneberg beginnt mit Thomas Manns Novelle ‚Der Tod in Venedig’, als der Protagonist, der alternde Schriftsteller Gustav von Aschenbach, sich wehmütig von der Stadt verabschiedet. Er spürt Schmerz und Ratlosigkeit, bedauert, die geliebte Stadt verlassen zu müssen. Thomas Mann lässt ihn innerlich zerrissen durch die Gassen streifen.

Viele Geschichtenerzähler über Venedig

Es entsteht ein Spaziergang, durch eine melancholische, magische Stadt. Mit der Auswahl dieser Novelle vermittelt Renneberg ein Thema, das die Stadt der Gondeln wohl jedem Künstler mitgibt: Die Ambivalenz zwischen Faszination und Auflösung, zwischen Licht und Farben, zwischen Kunst und Müll, zwischen Sehnsucht und Weltschmerz. Renneberg lässt an diesem Abend viele Geschichtenerzähler zu Wort kommen und hat selbst viel zu erzählen.

Da ist die Geschichte des ersten Casting, bei dem sie Tobias Moretti treffen sollte, der zunächst für die Rolle des Commissario vorgesehen war:

Schwärmerei für einen „kleinwüchsigen Piraten“

„Ich war gerade mal 23 Jahre. Ich stellte mit vor Moretti, den ich bewunderte und für den ich schwärmte, käme mit offenen Armen auf mich zu und wir würden gemeinsam eine Szene sprechen. Er aber stand mit dem Rücken zum Raum, war viel kleiner als ich ihn mir vorgestellt hatte, trug aus welchen Gründen auch immer, eine schwarze Augenklappe und ging ohne ein Wort an mir vorbei. Meine Schwärmerei für einen, wie ich damals meinte, kleinwüchsigen Piraten fand ein abruptes Ende. Die Rolle bekam Joachim Król, der mich tatsächlich mit offenen Armen empfing und mir vieles in Venedig gezeigt hat, was ich ohne ihn nie kennengelernt hätte. Venedig wurde auch für mich zum Sehnsuchtsort.“

Die Schauspielerin hat viel zu erzählen.

Renneberg und Król, der nach vier Filmen von Uwe Kockisch abgelöst wurde, mussten sich auch im Film als Signorina Elettra Zorzi und Commissario Guido Brunetti kennenlernen. Das zu erzählen, überlässt Renneberg Donna Leon. Sie liest aus dem ersten Band, der Brunetti Bücher und wechselt gekonnt zwischen ihrer Rolle als Signorina Elettra und der vergnügten Vorleserin.

Erinnerungen an Goethe und Grillparzer

Immer verbindet die Schauspielerin literarischen Vorlagen mit eigenen Erzählungen. Goethes Stadtbeschreibung, die noch heute als Reiseführer taugt, erinnert sie daran, wie oft sie sie sich in den engen Gassen verlief. Oder sie zitiert Franz Grillparzer: „Wer am Markusplatz nicht sein Herz schlagen hört, der hat keines“. Und sie denkt daran, wie sie selbst ihr Herz an diese Stadt verlor.

Unangenehme Kälte bei Dreharbeiten in den Palazzi

Ulrich Tukur, der viele Jahre in Venedig lebte, beschrieb in einer Hommage an die Stadt, das Aqua Alta, das jährliche Hochwasser. Venezianer nehmen es gelassen hin. Für die junge Schauspielerin aus Deutschland aber war es eine unerwartete Erfahrung, von Kellnern in Gummistiefeln das Essen serviert zu bekommen.

Unangenehm war die Kälte der Palazzi im Winter. Die ersten Filme wurden von November bis Februar gedreht. Dick in Decken eingehüllt warteten alle auf ihren Einsatz. Am Schreibtisch sitzend trug Signorina Elettra sichtbar, wie so oft, eine schicke luftige Bluse. Unter der Tischplatte wärmte sich Renneberg mit einer Wolldecke.

Nur noch 52 000 Venezianer leben in der Stadt

Immer wieder lässt sie auch den Commissario aus einem der 30 Bücher sprechen. Schlecht gelaunt zum Beispiel geht er durch die Gassen und ärgert sich über Touristen, die ihm den Weg versperren, die mit Proviant in einer Plastiktüte für einen Tag kommen, ohne Respekt vor der Stadt alles und jeden filmen. Renneberg, die in 20 Filmjahren immer wieder in Venedig lebte, konnte die Veränderungen spüren.

„Nur noch 52 000 Venezianer leben hier, aber jedes Jahr kommen 33 Millionen Touristen. Die venezianische Lebensart verschwindet mehr und mehr. Donna Leon beschreibt in einem Buch die Veränderung noch drastischer und besucht die Stadt nur noch im Herbst.“ Der Abend geht mit einem Gedicht von Rose Ausländer zu Ende. „Venedig, meine Stadt…. Mein Venedig versinkt nicht.“ Daran glaubt auch Anett Renneberg.

Ob Tobias Moretti je von dem kleinwüchsigen Piraten erfahren hat, weiß sie nicht, ist aber sicher, er wäre nicht böse. „Ich bin ja älter geworden und weiß längst, dass er ein großartiger Schauspieler ist.“ (Barbara Liese)

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