Drittes Projekt in Edertal

Mehlen nahe dem Edersee hat seinen kulturhistorischen Dorfpfad eröffnet

Beteiligte am Projekt kulturhistorischer Dorfpfad Mehlen
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Die am Dorfpfad-Projekt Beteiligten laden dazu ein, die Mehlener Geschichte an elf Stationen kennen zu lernen.

Nach dem Vorbild von Giflitz und Kleinern hat Mehlen nahe dem Edersee als dritter Edertaler Ortsteil seit Dienstag einen kulturhistorischen Dorfpfad.

  • Mehlen nahe dem Edersee hat einen kulturhistorischen Dorfpfad eröffnet
  • Der Dorfpfad gewährt Einheimischen und Gästen spannenden, faszinierende Einsichten in die Geschichte von Mehlen einschließlich Lieschensruh, das für Viele auf ihrem Weg zum Edersee liegt
  • Mehlen folgt mit dem Dorfpfad den Vorbildern von Giflitz und Kleinern in der Gemeinde Edertal

Mehlen. „Zweieinhalb Jahre haben die Vorarbeiten gedauert“, berichtete Ortsvorsteherin Ute Tönges. Mit großer Freude über das Ergebnis eröffneten alle, die an Konzept, Inhalt und Gestaltung beteiligt waren, am Dienstag den neuen kulturhistorischen Dorfpfad von Mehlen nahe dem Edersee mit seinen elf Stationen. Die Tafeln mit historischen Fotos und erläuternden Texten verteilen sich quer übers gesamte Dorf bis nach Lieschensruh.Als „sehr nachahmenswert“ bezeichnete Edertals Bürgermeister Klaus Gier das Projekt. Mehlen macht sich, seinen jungen Generationen und seinen Gästen auf diese Weise die eigene, spannenden und vielfältige Geschichte bewusst. Ortsbeirat und Ortsgemeinschaft verwirklichten das Vorhaben nahe des Edersees mit großem Engagement nach den Vorbildern von Kleinern und Giflitz. Der Bad Wildunger Johannes Grötecke steuerte das Gedenken an die jüdische Händlerin „Blümchen“ Freudenthal bei. Sie musste 1939 im Alter von 73 Jahren ihr Haus verkaufen und ins israelitische Altersheim nach Kassel ziehen, wo sie 1942 starb.

Am Dorfplatz gegenüber befanden sich früher ein Wiege- und ein Backhäuschen sowie die alte Schule von Mehlen nahe dem Edersee, erfährt der Leser an der Tafel unter der Dorflinde. Im Hintergrund nimmt er die Kirche wahr, die eine Vorgängerin an anderer Stelle im Ort hatte. Das alte Gotteshaus wurde an eine Familie verkauft, die es zum Wohnhaus umbaute.

Die Entstehungsgeschichte von Lieschensruh, das für viele Touristen auf ihrem Weg zum Edersee liegt

An das Gasthaus Nebel wird ebenso erinnert wie an die Korbflechter, die von den Weiden an der Eder ihren Rohstoff gewannen. Eine besondere Rolle spielt die Entstehungsgeschichte von Lieschensruh, das viele Touristen kennen, weil sie auf dem Weg zum Edersee aus Richtung Kassel hindurchfahren. „Es gab dort früher ein Gasthaus, dessen Wirtin Lieschen mit Vornamen hieß. Holzfahrer ruhten sich aus und übernachteten auch dort. Daher der Name“, erzählte Ute Tönges. Eine Molkerei und eine Wäscherei, in die viele Mehlener Frauen ihre Wäsche zum Reinigen brachten, boten einst Lohn und Brot. Eine Discothek namens „Lieschensruh“ lud über Jahre dazu ein, den Arbeitsalltag für ein paar Stunden hinter sich zu lassen.

Im Schaukasten am Dorfplatz von Mehlen nahe dem Edersee befindet sich eine Übersicht über den kulturhistorischen Lehrpfad mit seinem Schatz an Erinnerungen. Wer auf den Spuren der Mehlener Geschichte wandelt, trifft mit Glück vielleicht auf eine Zeitzeugin wie die 82-jährige Rita Lawrenz. Sie kann aus Kindheitstagen berichten, wie ihre Familie einst 1000 Gänse täglich für die Höfe der Umgebung hütete.

Rita Lawrenz hütete als Kind täglich 1000 Gänse an der Eder knapp unterhalb des Edersees

Geboren wurde Rita Lawrenz in Wuppertal. Nach Bombenangriffen auf die Stadt brachte sich die Familie zunächst nach Thüringen in Sicherheit, von wo sie aber vor der heranrückenden Roten Armee der Sowjetunion weiter floh ins Edertal. „Mein Großvater lebte hier. Mein Vater war in Gefangenschaft, und so kam ich mit meiner Mutter und meinem zehn Jahre älteren Bruder nach Mehlen“, erinnert sie sich.
In der Nachkriegszeit von 1948 bis 1954 verdienten sich die Kinder, unterstützt von der Mutter, 400 D-Mark pro Jahr mit einer aus heutiger Sicht besonderen Arbeit: „Wir hüteten Gänse.“ Vom 1. Mai bis Ende Oktober dauerte die Saison. „Wir liefen morgens ab 7 Uhr mit der Trillerpfeife durch Mehlen und die Nachbarorte. Dann ließen die Leute ihre Gäste heraus und die Tiere wussten schon, dass es mit uns zum Weiden an die Eder geht“, erzählt Rita Lawrenz. Wo heute die Ederauenhalle steht, fanden die Vögel reiche Futtergründe, zu denen auch der Fluss selbst zählte.

Heute kaum noch vorstellbar: Zwischen Mai und Ende Oktober wurden vor 70 Jahren täglich 1000 Gänse durch Mehlen zu den Weiden an der Eder getrieben.

„Wir passten auf, dass keine weglief und gegen 5 Uhr nachmittags brachten wir die Gänse wieder zurück.“ Keine leichte Aufgabe angesichts von rund 1000 Tieren. Manche wollten vor allem nicht aus der Eder heraus. „Die überzeugten wir mit Kieselsteinen. Wir konnten sehr gut zielen und werfen“, berichtet Rita Lawrenz mit einem Schmunzeln.
Im Herbst endete für die Kinder diese Arbeit und für die Vögel das Leben. Ihre Federn lieferten die Füllung fürs warme Bettzeug, das Fleisch schmeckte den Dorfbewohnern nicht nur zum Martinstag.
Mitte der 1950er Jahre war es damit aber vorbei. „Der Verkehr wurde zu stark. Im letzten Jahr wurden uns zwei Gänse tot gefahren“, erinnert sich Rita Lawrenz.

Kellerwaldverein trug Löwenanteil der Kosten des kulturhistorischen Dorfpfades von Mehlen nahe Edersee

Der Kellerwaldverein übernahm 3050 Euro der rund 3800 Euro, die der Aufbau des Pfades kostete, berichtet Geschäftsführerin Lisa Küpper. Das Geld stamme aus dem Regionalbudget, mit dem die regionale Entwicklungsgruppe in diesem Jahr 13 Vorhaben von Vereinen, Verbänden oder Kommunen unterstütze: „Wir tun das besonders gerne bei solchen Projekten, die Identität in einem Dorf stiften und fördern“, sagte sie zur Eröffnung des Mehlener Pfades. 2021 umfasste das Regionalbudget etwas mehr als 115 000 Euro. Auch 2022 gibt es den Fördertopf. (Matthias Schuldt)

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