Sondereinheit der amerikanischen Streitkräfte stellt Statue aus dem Mittelalter sicher

„Monuments Men“ retten die Sachsenberger Madonna

Vor 75 Jahren gerettet: Die um 1480 entstandene Sachsenberger Madonna im Berliner Bode-Museum.
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Gerettet: Die um 1480 entstandene Sachsenberger Madonna im Berliner Bode-Museum.

Die „Monuments Men“ der amerikanischen Streitkräfte retteten zum Ende des Zweiten Weltkrieges auch die Sachsenberger Madonna. Sie stellten die Figur in einem Thüringer Bergwerk sicher.

Lichtenfels-Sachsenberg – Die Sondereinheit begleitete 1944 die von Frankreich aus vorrückende US-Armee. Wie am 11. Mai in der WLZ berichtet, sollte sie Kulturgüter in den Wirren des Kriegsendes schützen und alle beweglichen Kunstgüter sicherstellen, die zum Schutz vor Kriegseinwirkungen in Bunkern, Kellern und Bergwerken eingelagert und zu großen Teilen als Raubkunst von den Nationalsozialisten dort versteckt worden waren. Das betraf auch die Sachsenberger Madonna.

Madonna auf dem Dachboden wiederentdeckt

Diese wunderschöne Lindenholzskulptur zeigt die Jungfrau mit dem Jesus-Kind. Sie wurde Ende des 19. Jahrhunderts auf dem Dachboden eines Bauernhauses in Sachsenberg wiederentdeckt. Sie stammt von einem unbekannten Künstler vom Oberrhein und entstand in der Zeit um 1480. Vermutlich hat sie einst zum Schmuck der alten Lukaskirche gehört.

Prof. Victor Schultze nimmt sie mit nach Greifswald

Von dem Fund erfuhr auch der Theologe Prof. Victor Schultze, der damals als Ordinarius für Christliche Archäologie in Greifswald lehrte. Er war 1851 als Pfarrerssohn in der Nachbarstadt Fürstenberg zur Welt gekommen. Er nahm sich der Madonna an – er ließ sie auf seine Kosten restaurieren, dann bekam sie einen Ehrenplatz in seinem Arbeitszimmer. Dort erfreute sie den heimatverbundenen Theologen über viele Jahre.

Prof. Schultze gründete 1900 mit anderen Interessenten den Waldeckischen Geschichtsverein. Von ihm wird berichtet, dass er aus Waldeck stammende Theologie-Studenten in Greifswald freundschaftlich förderte, so dass scherzhaft vom Theologiestudium in „Greifswaldeck“ die Rede war. Er starb 1937.

Nach Berlin abgegeben

1924 verkaufte er die Marienstatue an das Berliner Kaiser-Wilhelm-Museum – nicht des Geldes wegen, sondern um sie in guten Händen zu wissen. Auch das Museumsinventar wurde in den letzten Kriegsjahren zum Schutz vor Bombenangriffen in Sicherheit gebracht.

So wurde die Sachsenberger Madonna in einem Thüringer Bergwerk eingelagert. Unmittelbar nach Kriegsende bemühten sich die „Monuments Men“, die riesigen Mengen an Kunstschätzen, Skulpturen, Gemälden, Altären, alten Büchern, Urkunden rasch sicherzustellen. Sie waren oft völlig chaotisch an gänzlich ungeeigneten Stellen in Eile deponiert worden und drohten zudem gestohlen zu werden.

Die „Monuments Men“ organisierten wie berichtet zentrale Sammelstellen, die „Central Collecting Points“ wie in Marburg und Wiesbaden. Nebensammelstellen waren auch in Bad Wildungen und Frankfurt eingerichtet.

Die Karteikarte 8337 der „Monument Men“, 1945 in Wiesbaden ausgefüllt. Sie beschreibt die aus Berlin ausgelagerte Sachsenberger Madonna.

Rückkehr nach Berlin

Die Sachsenberger Madonna gelangte nach Wiesbaden. Ihre dortige Karteikarte mit der Nummer 8337 ist noch erhalten: „Sculpture, The Virgin and Child, Lindenwood - painted, fair - undamaged, H 98 cm“ ist dort beschrieben. Es folgen eine kurze Beschreibung auf Deutsch und drei aufgeklebte Schwarz-Weiß-Fotos. Auch „Staatl. Museen, Berlin, Skulpturenabteilung“ ist angegeben. Daher wurde die Wandstatue in der Folgezeit an das Museum in Dahlem zurückgegeben.

Da sie eine hohe Wertschätzung erfuhr, wurde sie nach der deutschen Einheit in das wiedereröffnete Bode-Museum im Ostteil Berlins überführt. 2007 wurde sie dort sogar in einer großen Madonnen-Ausstellung präsentiert.

VON DR. PETER WITZEL

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