18-Jähriger im Interview über FC Bayern und Profifußball

„Trage das Löwen-Trikot mit Stolz“: Jonah Schmincke aus Berndorf spielt in der A-Jugend-Bundesliga

Eng am Mann: Jonah Schmincke (rechts) im Relegationsspiel gegen den Elversberger Alessandro Marino.
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Eng am Mann: Jonah Schmincke (rechts) im Relegationsspiel gegen den Elversberger Alessandro Marino.

Kassel ist seit Sommer Bundesliga-Stadt im Fußball. Die A-Junioren des KSV Hessen haben mit ihrem Aufstieg in die Staffel Süd/Südwest die Stadt in die Erstliga-Karte gestanzt – Jonah Schmincke aus Berndorf hat mitgestanzt.

Der Innenverteidiger gehörte zur Aufstiegsmannschaft und nun zum aktuellen Team, das seit Anfang September auch ganz Großen der Branche begegnet. Darauf sei er stolz, sagt der 18-Jährige im Interview, in dem er auch über den FC Bayern, bezahlten Fußball und seine Zukunft in Nordhessen spricht.

Herr Schmincke, Hand aufs Herz: Hatten Sie vor dem Anpfiff des Heimspiels am vergangenen Sonntag ein bisschen Bammel? Es ging ja gegen den FC Bayern München.
Nicht wirklich. Klar war eine Grundspannung da. Man hat auch der Mannschaft angemerkt, dass es gegen eines der potenziell besten Teams Europas geht. Aus meiner Zeit beim SC Paderborn wusste ich aber schon, wie es ist, gegen große Gegner zu spielen.

Ihr Trainer Alfons Noja hat vor dem Spiel gesagt: „Jeder Fußballer würde viel dafür geben, einmal gegen den FC Bayern München zu spielen. Wir dürfen das und sind dankbar dafür.“ Traf das für Sie so nicht zu?
Doch, da hat mein Trainer recht. Gegen genau solche Teams wie die Bayern oder auch Dortmund und Schalke will jeder Junge, jedes Mädchen unbedingt mal spielen.

Das Ergebnis war mit 0:7 deutlich. Trainer Noja fand hinterher, der Mannschaft habe Erfahrung und Abgezocktheit gefehlt. Was sagen Sie?
In der ersten Hälfte haben wir gezeigt, dass wir über eine gewisse Zeit mithalten können, es stand ja nur 0:1, und das durch einen Fehler nach Ecke. In der zweiten Halbzeit haben uns aber oft grundlegende Dinge gefehlt wie zum Beispiel bei Standards mit dem Gegner mitzugehen.

Sie verweisen auf Stellungs- und Konzentrationsfehler Ihres Teams. Was hatten die Bayern dem KSV noch voraus?
Einmal die individuelle Klasse, den topbesetzten Kader. Wenn die Bayern Spieler des 2003er-Jahrgangs nicht so oft in der Regionalliga-Elf der Senioren eingesetzt würden, sondern bei den Junioren, hätten sie eine der besten A-Jugenden in Deutschland, vielleicht sogar die beste. Aber auch die Jüngeren aus dem 04er- oder 05er-Jahrgang können sehr, sehr gut Fußball spielen. Dann waren die Bayern im Kopf schneller als wir, sie nehmen viele Situationen gedanklich rascher wahr und wissen genau, wo sie den Ball als nächstes hinspielen müssen. Schließlich bringen auch die jungen Typen eine körperliche Robustheit mit, über die man nur staunen kann.

 Ich habe gesehen, dass ich hart an mir arbeiten muss, die Jungs dort hatten ein paar mehr Basics drauf.

Jonah Schmincke über die Zeit im Nachwuchsleistungszentrum in Paderborn

Ihre Performance bisher ist nicht die schlechteste: Gegen Bayern durchgespielt, in acht von neun Erstliga-Spielen in der Startelf gestanden, dazu das Tor beim 3:1 gegen Kaiserslautern. Was sagen Sie zu Ihrer Leistung bisher?
Bundesliga ist komplett etwas anderes als Hessenliga, wo ich in der C-und B-Jugend mit dem KSV gespielt habe, oder auch die Zeit in der Westfalenliga mit dem SC Paderborn. Ich trage mit Stolz das Löwen-Trikot und sehe schon, dass wir Nordhessen repräsentieren. Mit meinen Leistungen bin ich einverstanden und glaube, dass ich mein Team das ein oder andere Mal voranbringen konnte – in Zweikämpfen oder als der „Wellenbrecher“ gegen Kaiserslautern. Ich möchte mich aber nicht ins Rampenlicht stellen, die Mannschaft zählt, und ich bin ein Bestandteil von ihr.

2019 sind Sie von Kassel ins Nachwuchsleistungszentrum nach Paderborn gewechselt. Der Wechsel habe Sie sowohl „spielerisch als auch technisch und menschlich weitergebracht“, sagten sie später. Können Sie das erklären?
Ich bin gewechselt, weil mich in Paderborn der Trainer überzeugt hatte und ich was anderes kennenlernen wollte als Hessenliga. Menschlich hat mich die Zeit in dem Sinne weitergebracht, dass ich reifer und selbständiger geworden bin – schon allein, weil ich bei den Fahrten nach Paderborn mehr auf mich allein gestellt war. Anders als beim KSV, wo ich meistens Stammspieler war, musste ich mich beim SCP einem Konkurrenzkampf stellen. Ich habe gesehen, dass ich hart an mir arbeiten muss, die Jungs dort hatten ein paar mehr Basics drauf. Ich saß auch mal auf der Bank oder wurde ausgewechselt und habe gelernt, mit Rückschlägen umzugehen. Insgesamt hat mir die Zeit gutgetan.

Mit Ihrer Mannschaft haben Sie ja auch den Aufstieg in die B-Junioren-Bundesliga geschafft.
Wir waren die beste Mannschaft in der Westfalenliga. Es hat Spaß gemacht, und ich bin stolz, ein Teil des Teams gewesen zu sein.

Trotzdem sind Sie nach einem Jahr zum KSV Hessen zurückgekehrt. Warum?
Aus Sicht des Trainers war meine Entwicklung noch nicht ausgereift genug. Außerdem hatte mich der damalige Kasseler U-19-Trainer Christian Andrecht (trainiert heute die U23 des KSV; Anm. der Redaktion) schon frühzeitig gefragt, ob ich nicht Lust hätte, zurückzukommen. Ich habe auch deshalb zugesagt, weil ich wusste, dass wir eine sehr gute Mannschaft haben würden. Zwei Spieler daraus haben es im Sommer in den Kader der „Ersten“ des KSV geschafft, das spricht für sich. Außerdem waren wir miteinander befreundet. Beides zusammen hat den Aufstieg in die Bundesliga ausgemacht.

Es schaffen nicht viele Jungen in eine Bundesliga. Oft investieren auch die Eltern viel in ihre Kinder. Wie war das bei Ihnen?
Meine Eltern haben mich sehr unterstützt, da habe ich großen Respekt vor und bin ihnen sehr dankbar. Ab der U15 haben sie mich immer nach Kassel gefahren und in der Zeit in Paderborn nach Rhoden, wo ich mit dem Shuttle abgeholt wurde. Seit März bin ich 18 und kann Gott sei Dank selber fahren.

Mit Fußball Geld zu verdienen, wäre ein cooler Traum, aber ich weiß nicht, ob er erreichbar ist.

Jonah Schmincke

Nur 2 bis 3,5 Prozent der Junioren schaffen es in den Bezahlfußball. Wo möchten Sie hin?
Dass ich es geschafft habe, mich mit den besten A-Junioren Deutschlands zu messen, macht mich schon mal stolz. Mit Fußball Geld zu verdienen, wäre ein cooler Traum, aber ich weiß nicht, ob er erreichbar ist. Es ist noch viel möglich, auch hier in Kassel, die erste Mannschaft spielt ja Regionalliga Es wäre traumhaft, für die Löwen neben dem Studium zu spielen und was zu verdienen.

Sie können noch nicht sagen, wie es im Sommer weitergehen wird?
Vereine aus der Region hatten zwar mal „angeklopft“, jedoch werde ich voraussichtlich ab Sommer in der U23 unter Trainer Andrecht weiter für den KSV Hessen spielen. Mein Ziel ist es trotzdem, mal für die erste Mannschaft auflaufen zu dürfen.

Wo sehen Sie fußballerisch Ihre Stärken, wo haben Sie noch Schwächen?
Jeder, der mich kennt, wird sagen: Jonah ist kein begnadeter Techniker; gerade sein erster Kontakt könnte besser sein. Ich habe immer viel von meiner Körperlichkeit und Schnelligkeit, von meiner Zweikampfstärke gelebt. Heute bin ich noch physischer, schneller und zweikampfstärker als früher. Außerdem zeichnet mich mein absoluter Siegeswille aus.

Sie stehen mit dem KSV mit drei Punkten auf dem letzten Platz der Süd/Südwest-Staffel. Drei Spiele stehen in diesem Jahr noch auf dem Plan, was nehmen Sie sich dafür vor?
Ziel, auch für mich persönlich, wäre ein „Dreier“ gegen den 1. FC Saarbrücken (Tabellenvorletzter; Anm. der Redaktion). Wenn wir beim FC Augsburg (Tabellensiebter) und dann beim VfB Stuttgart spielen, einer der Topfavoriten auf den Titel, wäre ich zufrieden, wenn wir uns jeweils gut verkaufen. Und wer weiß, vielleicht klauen wir Augsburg oder sogar dem VfB einen oder mehrere Punkte. Uns war vor der Saison klar, dass wir in der Liga keine größere Rolle spielen können; größere Vereine ärgern, das wollten wir aber schon. (Gerhard Menkel)

ZUR PERSON

Jonah Schmincke (18) kam über seinen Heimatverein TSV Berndorf und den TSV Korbach zum KSV Hessen Kassel, den er für die Saison 2019/20 verließ, um es beim SC Paderborn zu probieren. Der Defensivspieler stammt aus einer sportlichen Familie, seine Schwester Alica ist Handball-Torhüterin beim Drittligisten SG Kirchhof. Jonah studiert Wirtschaftswissenschaften in Kassel.

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