Prozess um die Amokfahrt

Beweisaufnahme um Amokfahrt von Volkmarsen abgeschlossen: Jetzt haben die Juristen das Wort

Ansammlung von Rettungswagen im Volkmarser Steinweg nach der Amokfahrt.
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Ansammlung von Rettungswagen im Volkmarser Steinweg nach der Amokfahrt beim Rosenmontagszug am 24. Februar 2020.

Nach rund zwei Dutzend Verhandlungstagen ist am Donnerstag, 18. November, im Strafverfahren zur Amokfahrt von Volkmarsen die Beweisaufnahme geschlossen worden. Damit rückt in dem Mammutverfahren ein Urteilsspruch noch vor Weihnachten in greifbare Nähe.

Volkmarsen/Kassel – Der Vorsitzende Richter der sechsten großen Strafkammer, Volker Mütze, hatte die Verfahrensbeteiligten, Staatsanwalt, Verteidiger und die drei Nebenklagevertreter, schon vor Wochen gebeten, weitere Zeugen zu benennen, die noch gehört werden müssten.

Weil auch nach den beiden jüngsten Verhandlungstagen am 11. und 18. November keine weiteren Zeugen mehr benannt wurden, konnte gestern dann offiziell die Beweisaufnahme beendet werden.

Juristische Spitzfindigkeiten

Kurz zuvor wurden die angeklagten 91 Mordversuche von der Staatsanwaltschaft um ein drittes Mordmerkmal ergänzt. Gleichzeitig wurde die Zahl der Opfer aus verfahrenstechnischen Gründen um zwei nach unten korrigiert. Jetzt beginnt das juristische Hickhack.

Konkret ist nun der Weg frei für die Plädoyers von Anklage und Nebenklage am 2. Dezember. Die Verteidigung wird dann voraussichtlich am 9. Dezember das letzte Wort haben.

Terminplanung erstaunlich exakt

Die Strafkammer hat angekündigt, dass sie am 16. Dezember das Urteil sprechen wird. Damit würde die Kammer quasi eine terminliche Punktlandung hinlegen. Im April hatte das Landgericht nämlich eine Terminplanung vorgelegt, die vom 3. Mai. bis zum 16. Dezember reichte.

Er hält die Fäden im Mammutprozess in der Hand: Der Vorsitzende Richter der sechsten Großen Strafkammer des Landgerichts Kassel, Volker Mütze.

Zwischenzeitlich hatte der Vorsitzende Richter schon darum gebeten, vorsorglich den 23. Dezember sowie die Donnerstage im Januar und Februar zu reservieren. Diese „Vorwarnung“ erfolgte jedoch im Sommer, als noch nicht absehbar war, wie viele der insgesamt 450 von Polizei und Staatsanwaltschaft befragten Zeugen tatsächlich vor Gericht angehört werden müssten.

Verhandlungssäle dem Publikumsinteresse angepasst

So erhielten in den vergangenen Monaten schätzungsweise rund 150 Zeugen eine Ladung. Darunter waren die 91 unmittelbar verletzten Opfer der Amokfahrt beim Rosenmontagszug im Februar 2020 in Volkmarsen.

Rechtsanwalt Frank Scheffler aus Warburg vertritt ein verletztes Opfer.

Der Prozessauftakt fand wegen des großen Medieninteresses in den Kasseler Messehallen statt. Im Sommer tagte das Gericht über mehrere Wochen im Kasseler Kulturbahnhof, zuletzt dann im Gerichtsgebäude an der Frankfurter Straße. Für die nächsten drei Sitzungen ist die Kasseler Stadthalle angemietet.

Martin Knobloch aus Wolfhagen vertritt ein verletztes Opfer.

Viele Dutzend Verletzte jeden Alters

Die 172 Seiten umfassende Anklageschrift wirft dem 30-jährigen Angeklagten Maurice P. versuchten Mord in 91 tateinheitlichen Fällen und gefährliche Körperverletzung in 90 tateinheitlichen Fällen vor. Wie durch ein Wunder kam bei der Amokfahrt niemand zu Tode.

Klemens Wirth aus Borchen vertritt ein verletztes Opfer.

Unter den Verletzten waren Festzugteilnehmer und Zuschauer jeden Alters. Für die ganze Kleinen kamen im Prozess deren Eltern zu Wort. Außerdem wurden Dutzende von Arztberichten verlesen. Befragt wurden vor Gericht darüber hinaus die Polizeibeamten, die als Erste vor waren und den mutmaßlichen Täter am Lenkrad seines Wagens Festnahmen sowie Beamte, die den Einsatz leiteten, den Festgenommenen bewachten, und Ärzte, die ihn nach der Festnahme untersuchten.

Angeklagter verweigerte psychiatrische Gespräche

Besonderes Gewicht kam der psychiatrischen Gutachterin zu, die aus vielen kleinen Einzelberichten und Beobachtungen ihre Einschätzung über die Schulfähigkeit des Angeklagten formulierte: Die Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, Birgit von Hecker, bescheinigte Maurice P. eine kombinierte Persönlichkeitsstörung. An seiner Schuld- und Einsichtsfähigkeit in seine Tat habe sie keine Zweifel.

Birgit von Hecker ist Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie an der Vitos-Klinik für Forensische Psychiatrie in Bad Emstal.

Weil eine Wiederholungsgefahr nicht auszuschließen sei, hält sie eine Sicherungsverwahrung nach verbüßter Strafe für angeraten.

In ihr Gutachten konnte keine tiefere Exploration des Angeklagten einfließen, weil sich der junge Mann weigerte, mit der Gutachterin weitergehende Gespräche zu führen. So erhielten die wiederkehrenden Beobachtungen von Supermarkt-Mitarbeitern ein ungewohnt großes Gewicht bei der Beurteilung des ungewöhnlichen Verhaltens des Angeklagten.

Angeklagter stets regungslos wie eine Sphinx

Der junge Mann, der bei den Verhandlungstagen in Messehalle 5 und im Kulturbahnhof stets mit Fußfesseln vorgeführt wurde, wirkte bei den Verhandlungstagen meist anteilnahmslos, selbst wenn die Opfer der Amokfahrt viele schlimme Details ihrer Verletzungen und der teilweise monatelangen Heilungsphase berichteten. Mehrfach wurde er von den Opfern persönlich angesprochen und nach seinen Beweggründen für die Tat gefragt. Der Angeklagte blieb stumm und ohne Reaktion.

Seine einzige menschliche Regung, die während der vielen Prozesstage wahrzunehmen war, erfolgte im Anschluss an das Gutachten zu seiner psychischen Verfassung.

Anklage um drittes Mordmotiv erweitert

Die Gutachterin hatte da gerade dem Gericht eine spätere Sicherungsverwahrung für den Angeklagten empfohlen. Es war das einzige Mal, dass der Angeklagte im Gerichtssaal aktiv das Gespräch mit seiner Verteidigerin Susanne Leyhe suchte.

Staatsanwalt Dr. Tobias Wipplinger hat zum Ende der Beweisaufnahme im Prozess um die Amokfahrt von Volkmarsen eine Ausweitung der Anklage beantragt.

Zwei Staatsanwälte vertreten die Anklage: Dr. Tobias Wipplinger von der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt und Melike Aydogdu von der Staatsanwaltschaft Kassel.

Gemeingefährlich, heimtückisch, niedere Beweggründe

Konkret forderte er einen rechtlichen Hinweis, dass die angeklagten, versuchten Tötungsdelikte auch als Mord aus niederen Beweggründen verurteilt werden könnten. Bisher waren nur Heimtücke und gemeingefährliche Begehungsweise als Mordmotiv angeklagt.

Heimtücke liegt immer dann vor, wenn das Opfer wehr- und arglos war und nicht mit einem Angriff gerechnet hat.

Gemeingefährlich ist eine Tat, wenn sie eine unbestimmte Zahl von Opfern betrifft.

Als niedere Beweggründe nannte Dr. Wipplinger die möglichen Tatmotive des Angeklagten. Aus seiner Sicht kämen nur drei Motive in Frage, nämlich erstens der Angeklagte wollte seinen allgemeinen Lebensfrust an unschuldigen Menschen abreagieren, oder zweitens er wollte auch einmal im Licht der Öffentlichkeit stehen oder aber drittens es sei ihm auf den Nervenkitzel und den adrenalinkick in seinem ansonsten eher langweiligen Leben angekommen.

Kommentar von Verteidiger Bernd Pfläging: „Die Staatsanwaltschaft geht von einer vorsätzlichen Begehung aus und spekuliert über die Motive.“ Schließlich habe sich der Angeklagte ja noch nicht geäußert.

Die Strafverteidiger Bernd Pfläging und Susanne Leyhe sorgen dafür, dass der Angeklagten Maurice P. ein faires Verfahren erhält.

Zum Ende der Beweisaufnahme hat der Vorsitzende Richter Volker Mütze die umfangreiche Anklageschrift in einigen Details korrigiert. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft wurde auch die Zahl der angeklagten Straftaten reduziert, weil im Einzelfall nicht genau nachzuvollziehen war, welches Opfer exakt in der Gefahrenzone des herannahenden Autos stand und welche Verletzung wie genau entstanden ist.

Zahl der Geschädigten um zwei reduziert

Danach sind jetzt nicht mehr 91, sondern 89 Fälle von versuchtem Mord und gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr angeklagt sowie 88 Fälle von gefährlicher Körperverletzung. Eine Person im Fahrtweg wurde nämlich nicht verletzt.  - Juristische Spitzfindigkeiten, die zwar wichtig sind, am Ende aber wohl nicht mit ins Urteil einfließen werden. (Elmar Schulten)

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