Landgericht verhandelt seit Montag über Tat von Lütersheim

Lütersheimer Mordprozess neu aufgerollt: Laut Zeuge soll Alexander G. der Täter sein

Ein Bagger reißt ein vom Feuer zerstörtes Wohnhaus nieder.
+
Ein Jahr nach dem Tötungsdelikt mit anschließender Brandstiftung wurde das moderne Holzhaus des Opfers in Lütersheim abgerissen. Heute steht dort nur noch die zum Haus gehörende Garage. Der Fall wird neu verhandelt.

Wegen Mordes und Brandstiftung ist im Mai 2020 ein heute 41-jähriger Mann aus Fulda zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Nachdem der Bundesgerichtshof (BGH) der Revision von Tino S. stattgegeben hatte, wird der Fall seit Montag, 8. November, neu vor der 6. Strafkammer des Kasseler Landgerichtes verhandelt.

Volkmarsen-Lütersheim – Die Verurteilung wegen Mordes hat laut BGH keinen Bestand, weil die Begründung des Mordmerkmals im ersten Urteil widersprüchlich gewesen sei. Die Kammer des Vorsitzenden Richters Volker Mütze soll nun an den noch drei folgenden Verhandlungstagen klären, ob die Tat zur Verdeckung einer Straftat oder zu ihrer Ermöglichung verübt wurde.

Im ersten Gerichtsverfahren war folgender Tathergang festgestellt worden: Tino S. hatte sich am 19. November 2018 bei Obi in Kassel mit seinem damaligen Lebensgefährten Alexander G. getroffen, gemeinsam fuhren beide nach Volkmarsen-Lütersheim, wo G. vermutlich seit geraumer Zeit eine homoerotische Beziehung zu einem 79-jährigen ehemaligen katholischen Diakon unterhielt.

Der alte Mann wurde erschlagen, möglicherweise mit einem Feuerlöscher und dem Knauf einer Schreckschusspistole. Seine EC- und Kreditkarten wurden ebenso gestohlen wie Computer, Unterhaltungselektronik und sechs Buschtrommeln. Anschließend wurde im Haus und in der Garage an mindestens fünf Stellen Benzin verschüttet und Feuer gelegt. Das inzwischen abgerissene Haus brannte aus, der Schaden wurde auf rund 300.000 Euro geschätzt.

Ursprünglich waren Tino S. und Alexander G. gemeinsam angeklagt, doch das Verfahren gegen den Göttinger G. war abgetrennt worden. Tino S. war drei Wochen später in Fulda festgenommen worden, nachdem er von einem Ladendetektiv erkannt worden war. S. hatte mit den Geldkarten des Opfers in Göttingen und Kassel vergeblich versucht Geld abzuheben und war dabei fotografiert worden, was zum Fahndungsfoto führte. In der Zwischenzeit hatte S. in Tschechien für über 3000 Euro eingekauft, meist nur für Kleinbeträge, für die in Tankstellen und Supermärkten keine Geheimzahl erforderlich war.

Im gesamten ersten Mordprozess vor dem Landgericht hatte der Angeklagte Tino S. eisern zu den Vorwürfen geschwiegen. Nachdem er aber zu lebenslanger Haft wegen Mordes an dem 79-jährigen Renter in Lütersheim verurteilt wurde, hat er offenbar mit einem Zellengenossen im Gefängnis über die Tat gesprochen. Dieser Mann sagte gestern als Zeuge im Revisionsverfahren aus.

Die Geschichte des Zeugen wirft ein völlig neues Licht auf das Geschehen, wobei sich ihr Wahrheitsgehalt erst einmal nicht überprüfen lässt.

Wie Tino S. seinem Knastkumpan erzählte, war er mit seinem Partner Alexander G. am Tattag nach Lütersheim gefahren. G. habe gesagt, dort könne er Geld erhalten. Das spätere Opfer, das möglicherweise eine homoerotische Beziehung zu G. unterhielt, habe beiden Männern trotz der späten Stunde freundlich die Tür geöffnet, sie ins Haus gebeten und ins Wohnzimmer geführt. G. habe dem Rentner dann das Foto eines im Bett liegenden nackten jungen Mannes gezeigt und ihn gleichzeitig gebeten, ihm 20.000 Euro zu „leihen“.

Dann, sagt der Angeklagte, sei es zwischen G. und dem Renter zu einem Streit und Gerangel gekommen, in dessen Verlauf der alte Mann zu Boden gefallen sei. G. habe dann mit einem Tisch oder Stuhl auf den Renter eingeschlagen, bis der tot war.

Anschließend habe man das Diebesgut zusammengeklaubt und mit einer Schubkarre zum Auto gebracht. Nachdem er die Geldkarten eingesteckt hatte, wurde Benzin im Haus verschüttet, um durch den Brand Spuren zu beseitigen.

Warum der Angeklagte diese Aussage denn schon nicht im ersten Verfahren gemacht habe, wollte Staatsanwältin Anna Böhme von dem Zeugen wissen.

Dessen Antwort: Tino habe mit Alexander seit geraumer Zeit eine Beziehung gehabt und seinen Partner nicht reinhängen wollen. Er habe sich nicht vorstellen können, dass er für die Tat verurteilt werden könnte.

Alexander G. war im ersten Verfahren mehrmals als Zeuge geladen worden, aber nie erschienen. Auch als das Gericht eine polizeiliche Vorführung anordnete, konnte er in seinem Wohnort Göttingen nicht aufgegriffen werden.

Inzwischen sitze G. wegen einer anderen Strafsache im Gefängnis, sagt Andreas Thöne, Sprecher der Kasseler Staatsanwaltschaft. Anklage wegen des Tötungsdeliktes in Lütersheim sei bislang nicht erhoben worden, weil das Ergebnis des Revisionsverfahrens gegen Tino S. abgewartet werden sollte.

Das jetzt begonnene Verfahren stellt auch gestandene Juristen vor Herausforderungen: Das eigentliche Tatgeschehen nämlich wurde vom Bundesgerichtshof als rechtskräftig anerkannt. Das Urteil der 10. Strafkammer bindet in soweit auch jetzt die 6. Strafkammer, weil sich die Revision lediglich auf die Begründung des Mordvorwurfes erstreckt.

Warum aus der im ersten Prozess ausgeurteilten besonders schweren Brandstiftung vom BGH eine einfache Brandstiftung gemacht wurde, ist auch nur durch juristische Feinarbeit zu erklären: Schwere Brandstiftung ist es dann, wenn in dem Haus Menschen leben. Der Rentner war aber bereits tot, als das Feuer gelegt wurde, also lebte kein Mensch mehr in dem Haus, also war es nur einfache Brandstiftung.

Das Verfahren vor der 6. Strafkammer wird am Montag, 22. November, um 9 Uhr im Saal D 130 fortgesetzt. Dann soll der Kriminalpolizist gehört werden, der die Ermittlungen leitete. (Tom Stier)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.