Grundwasser-Defizit bleibt aber bestehen – Keine Engpässe beim Trinkwasser

2021 brachte wieder normal Regen für Nordhessen

Das Bild zeigt ein aufziehendes Gewitter mit Blitz über einer Hügellandschaft. Im Hintergrund ist ein See zu erkennen. Links im Bild ist das Schloss Waldeck zu sehen.
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Das Jahr 2021 brachte wieder deutlich mehr Niederschläge als die drei sehr trockenen Jahre zuvor. Dennoch vermochten Schnee und Regen die Defizite der Vorjahre nicht auszugleichen. Unser Leserfoto vom 29. Juni 2021 zeigt ein aufziehendes Gewitter über dem Edersee. Links ist das Schloss Waldeck zu erkennen.

Kreis Kassel – Verschnaufpause vom Klimawandel: Nach den drei sehr trockenen Jahren 2018, 2019 und 2020 war das Jahr 2021 wieder normal regenreich.

Kreis Kassel - So fiel rund um Kassel eine Niederschlagsmenge, die etwa dem Durchschnitt der vergangenen 30 Jahre entspricht. „Das aber nur knapp“, sagt Jürgen Schmidt, Chef-Meteorologe bei der Onlineplattform Wetterkontor. Schmidt zieht seine Daten für Kassel aus der Wetterstation Schauenburg-Elgershausen. Von 1991 bis 2020 fielen dort im Schnitt 717 Liter pro Jahr und Quadratmeter. 2021 waren es 679 Liter, also ein Wert knapp darunter. „Noch nicht einmal der schneereiche Winter 2021 brachte die durchschnittliche Niederschlagsmenge“, sagt Schmidt. Auch der Herbst sei deutlich zu trocken ausgefallen. Allein der Sommer 2021 war nasser gewesen als im 30-Jahre-Durchschnitt.

Doch hat sich damit die Dürre der vergangenen Jahre erledigt? Und vor allem: Wie sieht es mit der Neubildung von Grundwasser aus – jener Größe, die letztlich auch darüber entscheidet, ob langfristig ausreichend Trinkwasser aus Quellen und Brunnen gefördert werden kann?

Tatsächlich sei die Grundwasserneubildung in den Jahren 2018, 2019 und 2020 „deutlich unterdurchschnittlich ausgefallen“, sagt Dieter Kämmerer, Dezernatsleiter beim Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie. 2018 lag das Defizit sogar bei 52 Prozent, 2019 bei 41 Prozent und 2020 bei 43 Prozent. Das habe hessenweit verbreitet zu sinkenden Grundwasserständen und abnehmenden Quellschüttungen geführt.

„Daher stellt auch der regenreiche Sommer noch keine Trendumkehr dar“, sagt Kämmerer. Die Defizite im Grundwasser seien noch nicht wieder ausgeglichen. „Für eine nachhaltige Erholung wären weitere ergiebige Niederschläge über einen längen Zeitraum notwendig.“ Dennoch sei es trotz niedriger Grundwasserstände in den Jahren 2018 bis 2020 zu keinen flächenhaften Problemen mit der Trinkwasserversorgung gekommen. Lokale Versorgungsengpässe waren begrenzt auf vereinzelte Mittelgebirgsregionen wie im Taunus oder im Odenwald, was aber der Versorgungsinfrastruktur geschuldet war.

Auch im Raum Kassel hat es bislang keine Probleme mit der Trinkwasserversorgung gegeben. Grund dafür ist, dass zwischen 70 und 80 Prozent des Trinkwassers aus 50 bis 400 Meter tiefen Brunnen gewonnen wird. Das Wasser stammt von Regenfällen, die vor mehreren Hundert bis Tausend Jahren auf Nordhessen niedergegangen und dann in tiefere Schichten durchgesickert sind. Diese Reserve tief im Boden reagiert erst mit großer Zeitverzögerung auf Dürreperioden.

Deutlich anfälliger für Trockenheit sind dagegen Quellfassungen, aus denen oberflächennahes Trinkwasser gewonnen wird. Zwischen 20 und 30 Prozent des Trinkwassers für Kassel und Vellmar stammt aus solchen Quellen. Das obere Niestetal spielt dabei eine große Rolle. Doch auch hier habe es während der trockenen Jahre keine Förderengpässe gegeben, sagt Ingo Pijanka, Sprecher der Städtischen Werke. „Zwar gehen bei Trockenheit Quellschüttungen zurück oder fallen ganz aus. Das aber kann jederzeit durch die Nutzung von Tiefbrunnen ausgeglichen werden.“

Was der Mensch mit seinen Tiefbrunnen schafft, bleibt allerdings Pflanzen verwehrt. Vor allem Bäume leiden weiter unter der anhaltenden Trockenheit im Boden bis in etwa 1,80 Meter Tiefe. Zwar hat sich der Dürrezustand 2021 leicht abgemildert. „Ein regen- und schneereicher Winter wäre für den Wald und den Wasserspeicher Boden aber weiterhin wichtig“, sagt Hessen Forst-Sprecherin Michelle Sundermann.

Noch deutlicher sagt es Stefan Steinmetz. „Der Boden ist in ein bis zwei Metern Tiefe immer noch viel zu trocken“, sagt der Hydrogeologe und Geschäftsführer der Geonik GmbH in Niestetal. Das sei letztlich für die Grundwasser- und damit auch für die Trinkwasserneubildung ein wichtiger Faktor. „Denn Grundwasserneubildung funktioniert erst, wenn der Boden gesättigt ist und Wasser in tiefere Schichten einsickern kann.“

So sei aktuell zu vermuten, dass das in den Jahren 2018, 2019 und 2020 angehäufte Defizit wohl nicht mehr aufzufangen ist. „Man kann sich ja weitere ergiebige Niederschläge wünschen. Ob die mit Blick auf den Klimawandel aber auch tatsächlich kommen, steht auf einem anderen Blatt.“

Von Boris Naumann

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