"A44-Neubau kommt deutlich zu spät"

Planungs- und Bauzeit von über 40 Jahren: Darum wird die A44 erst 2032 fertig sein

Der A 44-Neubau von Kassel nach Herleshausen bei Eisenach (A 4) wird über 2,4 Milliarden Euro kosten. Das 70 Kilometer lange Autobahnstück wird schon lange geplant.

  • Die A44 zwischen Kassel und Herleshausen wird über 40 Jahre lange geplant und gebaut.
  • Das letzte Teilstück wird voraussichtlich 2032 fertig sein.
  • Experte Rainer Böhm: Der A44-Neubau kommt deutlich zu spät.

Herr Böhm, 2,4 Milliarden Euro für die A 44 von Kassel nach Herleshausen ist eine Menge Geld. Warum ist die Autobahn so teuer?

Hauptgrund wird die unfassbar lange Planungs- und Bauzeit von über 40 Jahren sein. Am 9. April 1991 wurde die A 44 vom Bundeskabinett als Verkehrsprojekt Deutsche Einheit, kurz VDE, beschlossen, voraussichtlich 2032 wird das letzte Teilstück zwischen Kassel und Helsa fertig werden. In diesen 40 Jahren steigt der Baupreisindex natürlich enorm an.

Kritiker äußern oft, dass Klagen von Umweltverbänden den A 44-Bau so verzögert und damit so teuer gemacht haben.

Umweltverbände reichen so gut wie immer Klagen gegen Autobahnprojekte ein, was deren gutes Recht ist und auch ein wichtiges Korrektiv darstellt. Geklagt wurde auch gegen die 323 Kilometer lange VDE-Ostseeautobahn A 20, dennoch wurde sie in elf Jahren von 1994 bis 2005 realisiert. Klagen sind mit ein Grund für Verzögerungen, aber nicht nur.

Im April 1991 hatte sich die rot-grüne Landesregierung unter Hans Eichel und Joschka Fischer gegen die A 44 ausgesprochen. Hat das die Planungen behindert?

Der Koalitionsvertrag der rot-grünen Landesregierung lehnte das Projekt als Autobahn ab. Es sollte dreispurige Ortsumgehungen im Verlauf der B 7 geben. Der Bund aber ließ das nicht mit sich machen. 1993 wurde im Gespräch zwischen Bundesverkehrsminister Günther Krause und Ministerpräsident Hans Eichel die Grundsatzentscheidung getroffen, die A 44 an den Verlauf der B 7, also relativ nahe an den Ortslagen vorbei, anzupassen.

Waren damit ortsferne Varianten auf direkter Linie praktisch ausgeschieden?

Ja. Frühere Planungen der Autobahn aus den 1930er- und ab dem Ende der 1960er-Jahre sahen die viel kürzere und geradlinigere Söhre-Ringgau-Trasse vor. Noch heute steht in der Söhre mitten im Wald ein 80 Jahre altes Brückengewölbe. Es markiert die alte Linie der A 44, die nie fertig gebaut wurde.

Hat also die Neuplanung der A 44 auf der jetzigen Linie Losse-Wehre-Sontra die Verzögerungen zur Ursache?

Nein, zu Verzögerungen kam es schon vor der Bestimmung des Vorzugskorridors Losse-Wehre-Sontra. Zunächst konnte die Straßenbauverwaltung wegen der Koalitionsvereinbarung von 1991 nicht gegen die Interessen der Landesregierung eine vom Ingenieurverstand geprägte A 44-Trasse planen. Das war erst nach der Grundsatzentscheidung von 1993 möglich und brachte zwei Jahre Zeitverlust.

Wie ging es dann weiter?

Die folgenden Planungen ergaben bei der Bewertung von etwa 35 Linien-Varianten einen Vorzugskorridor entlang der Losse-Wehre-Sontra-Linie, der aber auch Abschnitte abseits der Siedlungsräume zuließ – einer davon war die Söhre. Weil aber im Lossetal durch die Besiedlung weniger Naturschutzbedenken bestanden und weil eine dort verlaufende A 44 auch die höhere Verkehrsmenge erhalten würde, wurde dieser Bereich für die weitere Planung gewählt. Das war Ende 1994.

Und als es dann um die genaue Linienbestimmung ging?

Auch die Festlegung der genauen Vorzugslinie innerhalb des Losse-Wehre-Sontra-Korridors, war von den getroffenen politischen Vorgaben beeinflusst. Dabei hatte eine volkswirtschaftliche Vergleichsuntersuchung von 1995 für die nur 58 Kilometer lange Söhre-Ringgau-Linie den höchsten Nutzwert ergeben. Dennoch wurde die Linie Losse-Wehre-Sontra 1998 dann vom Bundesverkehrsminister nach dem Fernstraßengesetz bestimmt.

Und was war nach dem Regierungswechsel in Hessen im Jahr 1999?

Tatsächlich hatte die neue CDU/FDP-Landesregierung die A 44-Trasse zunächst wieder aus den Tallagen herausholen wollten. Das wurde dann aber wegen der befürchteten Zeitverluste für die erneuten Planverfahren nicht weiter verfolgt.

Hat also letztlich die Politik etwas mit den heutigen Verzögerungen zu tun?

Durchaus. Wäre die A 44 überwiegend mit Ingenieurverstand und dem Rückhalt der Landesregierung realisiert worden, dann wäre sie heute, wie andere VDE-Projekte auch, womöglich schon fertig.

Aber dann eben auf der Linie Söhre-Ringgau?

Genau, einfach weil sie deutlich weniger umständlich ist. Tatsächlich sieht die jetzige Planung ja 13 Tunnel sowie 15 Talbrücken vor. 21 Kilometer werden dabei alleine über Tunnel bewältigt. Und diese Bauwerke verschlingen enorm viel Geld.

Was halten Sie persönlich schlussendlich von dem A 44-Projekt?

Die A 44 kommt deutlich zu spät für die weitere wirtschaftliche Entwicklung der Region entlang der Trasse.

Die Sanierung einer A44-Brücke wird erst später als geplant fertig sein. Der Grund sind mehrere Baupannen

Von Boris Naumann

Rubriklistenbild: © Thomas Meder

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