Teuerste Autobahn der Welt

A44-Bau wird immer teurer - 2,4 Milliarden Euro für 70 Kilometer Autobahn

Noch immer in Planung ist der A44-Abschnitt zwischen Kassel-Ost und Helsa-Ost. Das Planfeststellungsverfahren soll in der zweiten Jahreshälfte 2020 beginnen. Bisher geschätzte Kosten: 304 Millionen Euro. Die Grafik zeigt im Hintergrund Papierfabrik, rechts im Vordergrund Niederkaufungen.
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Noch immer in Planung ist der A44-Abschnitt zwischen Kassel-Ost und Helsa-Ost. Das Planfeststellungsverfahren soll in der zweiten Jahreshälfte 2020 beginnen. Bisher geschätzte Kosten: 304 Millionen Euro. Die Grafik zeigt im Hintergrund Papierfabrik, rechts im Vordergrund Niederkaufungen.

Der Weiterbau der A44 von Kassel bis zum A4-Anschluss nach Herleshausen-Wommen wird sich weiter deutlich verteuern.

  • Bau der A44 von Kassel nach Eisenach wird teurer als bisher kalkuliert.
  • Um etwa 600 Millionen auf 2,4 Milliarden Euro steigen die Baukosten.
  • Weitere Kostensteigerungen nicht ausgeschlossen - die A44 wird die teuerste Autobahn der Welt*.

Kreis Kassel – War in jüngster Zeit von Gesamtbaukosten in Höhe von 1,8 Milliarden Euro die Rede gewesen, werden es nun mindestens 2,4 Milliarden Euro sein – also 600 Millionen Euro mehr als bislang kalkuliert. 

Summe geht aus Liste der Kostenfortschreibungen der zwölf Bauabschnitte hervor

Diese Summe geht aus einer der HNA* vorliegenden Liste von Kostenfortschreibungen der insgesamt zwölf Bauabschnitte der Autobahn hervor. Die Zahlen stammen sowohl von Hessen Mobil als auch von der Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH (Deges)

Während Hessen Mobil für die Realisierung der A44 von Kassel bis zur Anschlussstelle Waldkappel zuständig ist, setzt die Deges die Teilstücke von Waldkappel bis hin zum Autobahndreieck Herleshausen-Wommen (A4) um. 

Keine aktuelle Kostenkalkulation: Kostet die A44 am Ende 2,5 Milliarden Euro

Bemerkenswert dabei: Die Liste umfasst mit Blick auf die einzelnen Bauabschnitte noch nicht einmal immer die aktuellsten Kalkulationen. Es ist daher mit weiteren Kostensteigerungen zu rechnen. Unter Berücksichtigung noch zu leistender Planungs- und Bauarbeiten an einzelnen Bauabschnitten sowie zu erwartender Preissteigerungen in den kommenden Jahren, „wird die Autobahn bis zu ihrer Fertigstellung gut und gerne 2,5 Milliarden Euro gekostet haben“, schätzt Rainer Böhm, ehemals Leiter des Amts für Straßen- und Verkehrswesen der Stadt Kassel, die Situation ein. 

Blick auf die Wehretalbrücke: Die rund 700 Meter lange A44-Talbrücke ist das markanteste Bauwerk zwischen Waldkappel und Ringgau. Die Baukosten für diesen 7,2 Kilometer langen Abschnitt mussten von 2011 bis 2018 von 258,4 Millionen Euro auf 388 Millionen Euro korrigiert werden.

A44: Bau wird teurer - Bis zu 35,7 Millionen für einen Autobahnkilometer

Das sind umgerechnet im Schnitt 35,7 Millionen Euro für einen Autobahnkilometer – fünf- bis sechsmal mehr als normal. 

Bis heute gilt der 70 Kilometer lange Abschnitt zwischen Kassel und Herleshausen als eine der teuersten Autobahnen der Welt. Ex-Verkehrsminister Günther Krause (CDU) hatte Anfang der 1990er-Jahre die Autobahn per Maßnahmengesetz durch den Bundestag gebracht. Damals wurden die Kosten noch auf unter eine Milliarde Euro geschätzt. 

Bau der A44: Kostenkalkulationen nicht auf dem aktuellsten Stand

Die zuletzt von Hessen Mobil und der Deges genannten 1,8 Milliarden Euro sind noch das Ergebnis von Kalkulationen vor allem aus den Jahren 2010, 2011 und 2012. Aktuellere Berechnungen liegen vor allem der Deges vor. Hessen Mobil kann bislang nur zu den bereits 2005 und 2014 fertiggestellten A44-Teilabschnitten genaue Zahlen liefern (Hessisch Lichtenau-Mitte bis -Ost beziehungsweise Hessisch Lichtenau-West bis -Mitte). Zu allen übrigen Abschnitten gibt es noch keine Endabrechnungen oder genehmigte Kostenfortschreibungen.

Die Bauabschnitte der A44 von Kassel bis Herleshausen

Grund für den enormen Kostenanstieg beim A44-Bau: Brücken und Tunnel

Die Gründe für den enormen Kostenanstieg beim Bau der A44 von Kassel nach Herleshausen-Wommen bei Eisenach sind vielfältig. Hessen Mobil wie auch die Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH (Deges) benennen aufwendige Planungsarbeiten, komplexe Bauwerke wie Tunnel und Talbrücken, unerwartet auftauchende Schwierigkeiten bei den Bauarbeiten sowie allgemeine Preissteigerungen als Hauptursachen.

A44: Insgesamt 13 Tunnel und 15 Talbrücken auf 70 Kilometern

Vor allem die erforderlichen Brücken- und Tunnelbauten schlagen ins Kontor. Auf der Strecke befinden sich insgesamt 13 Tunnel sowie 15 Talbrücken. „Die Bauwerkskosten machen drei Viertel der Gesamtkosten aus“, sagt Deges-Sprecher Lutz Günther. Die Ausarbeitung der Bauwerksentwürfe laufe bereits seit 2011. „Anpassungen an neue technische Anforderungen sowie an aktuelle Kostenansätze waren und sind immer noch erforderlich.“

Die einzelnen Abschnitte der A44 im Überblick

A44: Einige Kostenberechnungen beruhen noch auf Plänen aus den 1990er-Jahren

Gleiches gilt für freie Streckenabschnitte. So basierten die Ausführungsplanungen einzelner Trassenabschnitte mit Blick auf den Erd- und Deckenbau zunächst noch auf technischen Grundlagen aus den 1990er-Jahren. Allein in diesem Zusammenhang seien Kostenkorrekturen nach oben von bis zu 80 Prozent notwendig geworden.

Besonders deutlich fällt dieser Kostenanstieg beim Bau des 7,7 Kilometer langen Abschnitts zwischen Sontra-West bis zur Talbrücke Riedmühle aus. Allein auf diesem Streckenabschnitt entstehen drei Tunnel. Waren hier zunächst 248,1 Millionen Euro veranschlagt gewesen, sind es nun 436 Millionen Euro.

A44: Geologische Abweichungen stellen Bauarbeiten vor teure  Herausforderungen

„Zudem ergeben sich während des Baus lokal immer wieder geologische Abweichungen gegenüber der Prognose“, sagt Günther. Trotz engmaschiger Baugrunderkundungen im Vorfeld sei dies unvermeidbar. Tatsächlich werde die A44 in einem Bereich intensiver geotektonischer Beanspruchung und geologischer Störungszonen gebaut. „Besonders teuer wird es dann, wenn aus geologischer Sicht unvorhergesehene Dinge passieren – vor allem beim Tunnelbau“.

Video: A44: Abschnitt bis Waldkappel eröffnet - freie Fahrt auf 17,4 Kilometern

A44-Bau: Böse Überraschung beim Tunnelbau in Küchen - Risse in Wohnhäusern

Auch Hessen Mobil hat hier schon böse Überraschungen erlebt – wie beim Tunnel Küchen im Bauabschnitt zwischen Hessisch Lichtenau-Ost bis Waldkappel-Hasselbach: Wegen komplexer geologischer Verhältnisse im Berg verursachte der Tunnelvortrieb in den Jahren 2013 und 2014 unerwartet hohe Mehrkosten – nicht nur beim Bau.

Auch kam es zu bedenklichen Bodenabsenkungen, die zu Schäden an insgesamt 38 Gebäuden in Küchen führten. Allein vier irreparabel geschädigte Wohnhäuser musste Hessen Mobil für damals 700.000 Euro aufkaufen.

A44-Tunnel Küchen: Baukosten bis heute nicht genau bekannt

In der Folge stiegen die Baukosten für den Tunnel Küchen von 120,5 Millionen Euro (Kalkulation 2011) auf zunächst 140,9 Millionen Euro (Kalkulation 2015) an. Eine aktuelle Endabrechnung für den im April 2018 freigegebenen Tunnel Küchen liegt bis heute nicht vor.

A44-Abschnitt Kassel nach Helsa: Rund 100 Millionen Euro Mehrkosten

Um rund 100 Millionen Euro teurer wird auch der letzte, immer noch in Planung befindliche Bauabschnitt von Kassel-Ost vorbei an Kaufungen bis Helsa-Ost. „Hier sind es Planänderungen, die sich aus dem Dialogverfahren ergeben haben, allgemeine Kostensteigerungen sowie neue gesetzliche Auflagen bei der Tunnelausstattung, die die Kosten von 204,7 Millionen auf jetzt 304 Millionen Euro haben steigen lassen“, sagt Hessen Mobil-Sprecher Marco Lingemann. Das Planfeststellungsverfahren für den Abschnitt soll in der zweiten Jahreshälfte 2020 beginnen.

Weiterer Grund für Kostensteigerung: Entwicklung der Marktpreise im Baugewerbe

Wesentliche Kostensteigerungen sind aktuell auch durch die Entwicklung der Marktpreise zu verzeichnen. „Seit etwa zwei bis drei Jahren steigen die Baukosten jährlich um etwa 5 bis 10 Prozent im Mittel, für Einzelgewerke auch deutlich mehr“, teilt Günther mit. 

Dieser Effekt wirke sich somit weniger auf die bereits früher begonnenen Bauabschnitte und stärker auf die noch zu vergebenden Bauleistungen aus.

Die A44 - ein aufwendiges Deutsche-Einheit-Projekt

Der A44-Abschnitt von Kassel nach Herleshausen ist Bestandteil des 1991 verabschiedeten Verkehrsprojekts Deutsche Einheit (VDE). Von vorn herein gestalteten sich die Planungen schwierig. So gab es wiederholt Konflikte mit dem Naturschutz. Auch erwies sich die Trassenplanung sowie ihr Bau durch ein geologisch wie topografisch komplexes Gebiet als sehr aufwendig. Tatsächlich macht die Linienführung den Bau von 13 Tunneln und 15 Talbrücken notwendig.

Erst im November 2019 wurden wieder Proteste gegen ddie A44 laut: Die Kaufunger wollen sich wieder mehr gegen den Ausbau der A44 wehren*.

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Von Boris Naumann

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