Aufruhr um Kandidaten der Kreis-AfD

Kommunalwahl in Hessen: Neonazi kandidiert für die AfD in Kassel - Kandidatur sorgt für Entsetzen

Auch Aufmärsche von Rechtsextremen und ein Neonazi-Szenetreffen im Jahr 2019 beschäftigen den Kreis. 
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Der langjährige Neonazi-Anführer Christian Wenzel aus Helsa tritt bei der hessischen Kommunalwahl im Landkreis Kassel für die AfD an. (Symbolbild)

Christian Wenzel aus Helsa tritt bei der hessischen Kommunalwahl für die AfD im Landkreis Kassel an. Der Neonazi soll seit vielen Jahren in der rechten Szene aktiv sein.

  • Für die Kommunalwahl in Hessen stellt die AfD Kassel-Land einen ehemaligen Neonazi-Anführer aus Helsa auf.
  • Empörung über die AfD-Kandidatur von Christian Wenzel bei der Kommunalwahl in Hessen.
  • Der hessische AfD-Landesverband hat Wenzels Mitgliedschaft zwar annulliert, sein Name bleibt jedoch auf der Kreistagsliste der AfD Kassel-Land.

Kreis Kassel – Die Kandidatur von Christian Wenzel für die AfD im Landkreis Kassel hat eine Welle der Empörung ausgelöst. Bei dem Lokführer aus Helsa soll es sich um einen bekannten Kasseler Neonazi handeln, wie Recherchen der Antifa Kassel ergeben haben. Dass Wenzel in der rechtsextremen Szene einschlägig bekannt ist, soll der AfD nach eigenen Angaben bis gestern nicht bekannt gewesen sein.

Mittlerweile soll der AfD-Landesverband aber reagiert und Wenzels Mitgliedschaft annulliert haben. Der Vorsitzende der AfD Kassel-Land wollte sich auf HNA-Anfrage nicht zu den Vorwürfen äußern. „Ich kann nur sagen, dass die AfD-Fraktion im Kreistag auf gar keinen Fall jemanden wie Herrn Wenzel aufnehmen würde.

Das ist ausgeschlossen“, teilt Florian Kohlweg auf HNA-Anfrage mit. Der AfD-Landtagsabgeordnete Volker Richter aus Fuldabrück war bis Redaktionsschluss nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Kommunalwahl in Hessen: AfD distanziert sich von Neonazi Wenzel - Aber sein Name bleibt auf der Liste

Auch wenn die AfD sich jetzt von Wenzel distanziert, auf der Kommunalwahlliste wird er trotzdem bleiben*. „Für einen Rückzug der Kandidatur ist es nun zu spät“, sagt Kreissprecher Harald Kühlborn auf HNA-Anfrage. Der Wahlvorschlag sei durch den Wahlausschuss des Landkreises zugelassen und nicht mehr veränderbar.

Wenzel werde also weiterhin den Listenplatz 15 der AfD Kassel-Land besetzen. Dazu sei ohnehin keine Parteizugehörigkeit nötig. Ein Rückzug der Kandidatur wäre noch bis zum 14. Januar möglich gewesen. Mittlerweile befänden sich die Wahlzettel allerdings im Druck – Anfang Februar würden die Wahlunterlagen versendet.

Kommunalwahl in Hessen: Vorwürfe gegen AfD-Kandidaten - Neonazi Wenzel in Szene bekannt

Wenzel soll sich laut Antifa-Recherche seit Jahrzehnten in der Kasseler Neonaziszene bewegen, im Netzwerk „Blood&Honour“ sowie im „Freien Widerstand Kassel“ aktiv gewesen sein. Als Anführer der „Kameradschaft Kassel“ habe Wenzel seit Anfang der 2000er-Jahre auch Kontakt zum mutmaßlichen Lübcke-Mörder Stephan Ernst gehabt. Wenzel soll die Bekanntschaft auch nach Ernsts Inhaftierung im Juni 2019 weiter gepflegt und ihm einen Brief ins Gefängnis geschickt haben.

Im NSU-Ausschuss tauchte Wenzel 2017 im Zusammenhang mit seinem Stiefbruder Benjamin G. auf. Der soll ebenfalls in der Neonaziszene aktiv gewesen und für das hessische Landesamt für Verfassungsschutz gearbeitet haben. Als V-Mann „Gemüse“ soll er für den früheren Verfassungsschützer Andreas Temme tätig gewesen sein. Der hatte sich wiederum am 6. April 2006 zum Zeitpunkt des Mordes an Halit Yozgat in dessen Internet-Café befunden und soll mit G. telefoniert haben. Temme bestreitet bis heute, etwas von dem Mord an Halit Yozgat mitbekommen zu haben.

AfD-Kandidat bei Kommunalwahl: Wenzel als Teil des Neonazi-Skandals in Kassel

2011 war Wenzel zudem Teil des Neonazi-Skandals um die Freiwillige Feuerwehr Bettenhausen-Forstfeld. Ab 2014 soll er gemeinsam mit der AfD und Neonazis bei Kagida-Demonstrationen mitgelaufen sein.

Der hessische AfD-Landesverband hat Christian Wenzels Mitgliedschaft nach eigenen Angaben zwar annulliert. Damit verschwindet sein Name aber nicht von der Kreistagsliste der AfD Kassel-Land. Der Name wird auf dem Stimmzettel trotzdem auf Listenplatz 15 stehen. (Symbolbild)

Die AfD Kassel-Stadt und Kassel-Land zeigen nach Auffassung der Antifa wie es um ihr politisches Profil bestellt ist. „Mit der Nominierung von Christian Wenzel, einem langjährigen Weggefährten von Stephan Ernst, geben sie überzeugten und gewalttätigen Neonazis eine politische Heimat.“ Jede Abgrenzung der AfD gegen Neonazis sei eine Farce. Diesen faschistischen Umtrieben müsse ein Ende gesetzt werden.

Kommunalwahl: AfD-Kandidatur eines Neonazis löst Entsetzen im Hessischen Landtag aus

Der SPD-Bundestagabgeordnete Timon Gremmels sagt: „Es zeigt sich erneut, dass die AfD im Kern eine rechte Partei ist.“ Wenn es noch eines Beweises bedurft habe, um die AfD vom Verfassungsschutz überwachen zu lassen, dann hätte die AfD im Landkreis diesen jetzt geliefert. Gremmels ist überzeugt, dass Wenzels Vergangenheit bekannt gewesen ist. „Ich kann mir nicht vorstellen, das man das nicht wusste.“ Zudem müsse die AfD im Vorfeld prüfen, wer für sie kandidiere. Schließlich sei bekannt, dass die Partei Menschen mit rechter Gesinnung anziehe.

Auch die Linken im Landkreis Kassel haben eine klare Meinung zu Wenzel. „Mit der Nominierung eines aktiven Neonazi-Kaders lässt die AfD endgültig ihre bürgerliche Maske fallen“, sagt Jürgen Kehr, Landratskandidat der Linken. Dass Wenzel fest in den Neonazistrukturen Nordhessens verankert sei, dürfe der AfD nicht unbekannt gewesen sein. Die AfD biete mit der Kandidatur Wenzels dem organisierten Rechtsextremismus Nordhessens eine Heimat.

AfD-Kandidat für Kassel: Enge Beziehungen zum mutmaßlichen Mörder von Walter Lübcke

Torsten Felstehausen, Sprecher des Kreisverbands und Mitglied im Untersuchungsausschuss zum Mord an Dr. Walter Lübcke im Hessischen Landtag ergänzt: „Wenzel ist den Sicherheitsbehörden mehrfach durch seine militante Haltung, seinen Kontakt zum NSU-Unterstützerkreis und seine engen Beziehungen zu Stephan Ernst, dem mutmaßlichen Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten aufgefallen.“ Wenzel zähle zu den ideologischen Köpfen der nordhessischen Neonaziszene.

Der AfD-Kreisverband sei mehrfach durch Kontakte ins militant-rechtsextreme Lager aufgefallen.

Offensichtlich sei es der nordhessischen Kameradschafts- und Neonaziszene inzwischen gelungen, auf Programmatik und Kandidatenauswahl der AfD auf Kreisebene entscheidenden Einfluss auszuüben, so Felstehausen. (Alia Shuhaiber) *fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

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