Jeder Tag wird weiterhin notiert

Ewald Griesel war 24 Jahre lang Erster Beigeordneter in Ahnatal

Nutzt den Füller nur noch für private Zwecke: Ewald Griesel (SPD) war 24 Jahre lang Erster Beigeordneter in Ahnatal und hat in der Zeit viele offizielle Dokumente unterschrieben. Jetzt hat er sich aus dem Amt verabschiedet.
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Nutzt den Füller nur noch für private Zwecke: Ewald Griesel (SPD) war 24 Jahre lang Erster Beigeordneter in Ahnatal und hat in der Zeit viele offizielle Dokumente unterschrieben. Jetzt hat er sich aus dem Amt verabschiedet.

Nach 24 Jahren als Erster Beigeordneter in Ahnatal hat Ewald Griesel sein Amt Anfang Mai abgegeben. Trotzdem hat er weiterhin genug mit etlichen weiteren Ehrenämtern zu tun.

Ahnatal – Vermutlich gibt es nicht viele Menschen, die sich an jeden Tag ihres Lebens erinnern können. Auch Ewald Griesel weiß nicht, was er an jedem seiner Lebenstage seit 1962 getan hat, aber er könnte nachschauen. Denn der Ahnataler notiert akribisch seit fast 50 Jahren jeden Tag in einem Taschenkalender was war – beruflich wie privat. „Falls ich mal ein Alibi brauche“, sagt Griesel, der sich Anfang Mai nach 24 Jahren als Erster Beigeordneter in Ahnatal aus dem Amt verabschiedet hat.

Es ist erstaunlich, dass der 74-Jährige in der Lage ist, täglich in nur wenigen Zeilen zu notieren, was er an jenem Tag geschafft hat. Denn es gibt wohl nicht viele, die so aktiv sind wie er, und deren Liste der Ehrenämter so lang ist, dass Griesel selbst darüber eine Liste führt, um nicht den Überblick zu verlieren. „Möglicherweise habe ich eine verschrobene Art“, sagt er.

Zumindest hält der gelernte Diplom-Betriebswirt, der bis zu seinem Ruhestand Direktionsbeauftragter bei der Kasseler Sparkasse war, Dinge gerne schriftlich fest. „Ich habe irgendwie das Gefühl, ich darf in der Geschichte nicht mogeln“, sagt Griesel, der auch die lange Zeit seiner politischen Arbeit in einer separaten Mappe zusammengefasst hat. „Es ist so, als wenn ich den Tag in Besitz nehme durch die Aufzeichnung, der läuft nicht mehr weg.“

Seit 1985 ist Griesel Mitglied im SPD-Ortsverein. Er war acht Jahre Mitglied in der Gemeindevertretung, bis er 1997 zum Ersten Beigeordneten gewählt wurde. Alles, was sich in dieser Zeit politisch ereignet hat aufzubewahren, würde sogar bei Griesel den Rahmen sprengen. „Die Protokolle würden wahrscheinlich bis zur Decke reichen“, sagt er.

Aber natürlich gibt es Themen, die seine politische Laufbahn über Jahre, teilweise Jahrzehnte begleitet haben. Dazu zählen zum Beispiel das neue Feuerwehrhaus, die Umgestaltung des Gemeindezentrums Heckershausen und der Umbau der Stahlbergbaude. Die beiden letzteren Themen werden auch seinen Nachfolger noch beschäftigen.

Dass Entscheidungen gefällt, revidiert und geändert werden, ist normal im politischen Prozess. „Ich bin kein Typ, der aus Protest alles hinschmeißt“, sagt Griesel. Zur Demokratie gehöre eben auch die Notwendigkeit, Kompromisse zu schließen. Auf der Zeitleiste der 24 Jahre als Erster Beigeordneter seien dann aber doch oft Lösungen gefunden worden für strittige Themen. „Unter anderen Voraussetzungen sind Dinge plötzlich wieder möglich, um die man lange gerungen hat“, sagt Griesel.

Begleitet hat ihn all die Jahre sein Füller, mit dem er zum Beispiel rechtsverbindliche Verträge unterzeichnet hat. Aber ausgemustert ist er natürlich noch lange nicht. Es gibt ja weiterhin die Taschenkalender zu beschriften und seit vergangenem Jahr eine neue Beschäftigung, bei der er zum Einsatz kommt. Griesel hat während der Pandemie begonnen, Familienfotos zu sichten, zu ordnen, in Alben zu kleben und zu beschriften. Die Jahre 2000 bis 2011 seien bereits in Alben.

Ein Hobby sei das nicht, versichert Griesel, sondern „eine unbedingte Notwendigkeit, um sie ansehen zu können und ein gemeinsames Erlebnis mit der Familie zu haben“. Morgen könnte er die ersten 51 Alben schon mal aus seinem Archivzimmer holen, denn dann feiert Ewald Griesel seinen 75. Geburtstag. Kleiner, als er es sich gewünscht hätte, aber seine große Liebe und Ehefrau seit 51 Jahren, Marga, sowie die zwei Söhne werden dabei sein und sicher gerne durch die neuen Alben mit alten Familienfotos blättern.(Von Amira El Ahl)

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