Die Masern nahmen ihm alles

Ahnataler ist seit einer Masern-Infektion schwerstbehindert

Teamleiterin Jessica Heinz von der Pflege-Arche steht am Bett von Benjamin Cakal. Der 37-Jährige reagiert noch auf Berührungen und Geräusche. Wie viel er insgesamt noch von seiner Umwelt wahrnimmt, ist unklar. Foto: Alia Shuhaiber

Ahnatal. Benjamin Cakal war ein aufgewecktes und fröhliches Kind. Doch eine Maserninfektion im Säuglingsalter zerstörte von einem auf den anderen Moment sein Leben.

Benjamin hatte keine Chance, sich gegen das Virus zu schützen. Mit acht Monaten war er noch zu jung für die lebensnotwendige Impfung.

Dass eine Kinderkrankheit das Schicksal des heute 37-Jährigen besiegeln sollte, ist für seine Mutter Suleyha Gallitschke bis heute nur schwer zu verstehen. Sie vermutet, dass sich ihr Sohn damals in der Praxis eines Kinderarztes angesteckt hat. „Die Masernerkrankung verlief ganz normal“, erinnert sich die 53-Jährige. Benjamin erholte sich gut von der Infektion – vermeintlich. Denn im Frühjahr 1993 traten plötzlich erste neurologische Ausfälle auf. Der damals zehnjährige Benjamin fiel plötzlich ohne äußeren Grund hin und seine schulischen Leistungen ließen nach. Benjamin hatte Erinnerungslücken – er begann zu vergessen.

Wie die Ärzte nach einer Liquor-Untersuchung diagnostizierten, leidet Benjamin an subakuter sklerosierender Panencephalitis (SSPE) – einer virusbedingten Entzündung des Gehirns, verursacht durch das Masernvirus. Benjamin ist heute blind, bewegungsunfähig und kann sich nicht mehr mitteilen. „Er zeigt leichte Gefühlsregungen, nimmt Geräusche und Berührungen wahr“, sagt seine Pflegerin Jessica Hinz. Benjamin wird 24 Stunden täglich, rund um die Uhr von einem Pflegeteam betreut.

Unser Bild zeigt Benjamin Cakal und Suleyha Gallitschke im Urlaub im Jahr 1995. Damals konnte Benjamin schon nicht mehr alleine stehen. Foto: privat/nh

Obwohl er nichts mehr alleine bewältigen kann, ist der 37-Jährige ein Kämpfer. Im Grundschulalter brach die Krankheit aus. Die Ärzte prognostizierten damals eine Lebenserwartung von maximal drei bis fünf Jahren. Das war im Jahr 1991. Seitdem sind 27 Jahre vergangen, und Benjamin ist noch am leben. Die Degeneration ist vorangeschritten. Lediglich sein Stammhirn funktioniert noch. Es reguliert Körpertemperatur, Herz-Kreislauf-System und die Atmung. Wie lange dieser seit sieben Jahren konstante Zustand noch anhält, ist ungewiss. Es könnten Wochen, Monate oder Jahre sein.

Seine Mutter ist trotz all der Schwierigkeiten im Alltag für jeden Tag mit Benjamin dankbar. „Er ist mein Stern, der mich durch die Dunkelheit begleitet“, sagt die zweifache Mutter, deren Tochter die Universität in Jena besucht.

Freunde und Bekannte sind Suleyha Gallitschke seit Benjamins Erkrankung nur wenige geblieben. Dafür hat sie ein inniges Verhältnis zu den Mitarbeitern der Pflege-Arche. Rund um die Uhr erhält sie Unterstützung. „Ich bin froh, dass ich einen Pflegedienst gefunden habe, der eine 24-Stunden-Assistenz anbietet.“ Denn die Pflege des 1,90 Meter großen Benjamin ist alles andere als einfach. Zwar besitzt Benjamin einen 25 000 Euro teuren E-Rollstuhl, doch nutzen kann er ihn nicht. „Wir haben keine angepasste Sitzschale und keine Kopfstütze“, sagt Heinz. Das Sanitätshaus habe Benjamins Körper zwar vermessen, aber zunächst nur die Grundausstattung bei der Kasse beantragt. Das sei nun zwei Jahre her – seit dem hat sich Benjamins Körper verändert, sodass die genommenen Maße nicht mehr passen. Immerhin wurde die Anpassung des Rollstuhls nun genehmigt, jetzt müssen Benjamin und seine Mutter nur noch auf die Realisierung des Auftrags warten.

Zwei Pikser können Leben retten

Für viele Menschen sind Masern eine harmlose Kinderkrankheit. Doch die Viren können tödlich sein. Trotzdem gibt es immer noch Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) plant, Masern bis 2020 in Europa auszurotten.

Warum sind Masern so gefährlich?

Masern sind hochansteckend. Sie schwächen das Immunsystem und können bei Komplikationen zu schweren Infektionen wie Hirnhautentzündung führen. Diese schwerwiegenden Folgen können auch erst Jahre nach der Ansteckung auftreten.

Welche Symptome treten bei Masern auf?

Zu Beginn fühlen sich Infizierte sehr schlapp wie bei einer Grippe. Typische Symptome sind hohes Fieber, Husten, Entzündungen der Augen und ein geröteter Gaumen und Rachen. Später tritt Hautausschlag mit roten Pusteln auf. Zusätzliche Komplikationen wie Mittelohrentzündung, Bronchitis, Lungenentzündung und Gehirnhautentzündung drohen.

Wie stecke ich mich mit Masern an?

Masernviren werden durch Tröpfcheninfektion (Husten, Niesen, Sprechen) übertragen. Sie werden nur von Mensch zu Mensch weitergegeben. Sogar auf mehrere Meter Entfernung droht eine Ansteckung.

Wie kann ich mich vor Masern schützen?

Am besten schützt man sich durch eine Masernschutzimpfung. Wer geimpft ist, erkrankt nicht nur selbst nicht, sondern kann auch keine anderen Menschen anstecken. Je höher die Impfrate, desto geringer ist die Gefahr einer Infektion. Auch für Kinder, die selbst noch nicht geimpft werden können, erhöht sich dadurch der Schutz.

Ab welchem Alter können Kinder geimpft werden?

In der Regel werden Kinder im Alter zwischen elf und 14 Monaten gegen Masern, Röteln und Mumps geimpft. Doch die erste Spritze reicht nicht für den Schutz aus. Deshalb erfolgt eine zweite Immunisierung im Alter zwischen 15 und 23 Monaten. Diese zweite Impfung haben viele Erwachsene in den 1970er-Jahren nicht erhalten. Für sie wird eine Auffrischung empfohlen.

Ist eine Impfung auch nach Ausbruch der Krankheit noch sinnvoll?

Das Robert-Koch-Institut rät dazu. Zwar dauert es ein bis zwei Wochen, bis der Impfschutz aufgebaut ist. Studien hätten aber belegt, dass die Krankheit bei Geimpften milder verläuft.

Warum gibt es immer noch Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen?

In Impfforen im Internet werden unbegründete Ängste vor der Masernimpfung geschürt. Impfgegner haben zum einen Angst vor Folgeschäden. Zum anderen denken viele Eltern, dass es gut sei, wenn ihre Kinder eine Kinderkrankheit durchstehen, weil eine Infektionskrankheit das Immunsystem stärken soll.

Welche Nebenwirkungen gibt es durch die Impfung?

Laut Gesundheitsamt können sieben bis zwölf Tage nach einer solchen Impfung Symptome wie Fieber, geschwollene Lymphknoten und Hautausschlag (Impfmasern) auftreten. Die Symptome sind in der Regel nach drei Tagen abgeklungen. Auch Fieberkrämpfe und allergische Reaktionen sind möglich.

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