Heute Abend entscheidet das Los in Ahnatal

Nur bei Unregelmäßigkeiten wird noch einmal ausgezählt

Wollen Bürgermeister in Ahnatal werden: Michael Aufenanger (CDU) und Stephan Hänes (SPD)
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Wollen Bürgermeister in Ahnatal werden: Michael Aufenanger (CDU) und Stephan Hänes (SPD)

Aller Voraussicht nach entscheidet heute Abend das Los in Ahnatal, wer der nächste Bürgermeister der Gemeinde wird. Bei der Stichwahl erhielten beide Kandidaten je exakt 2106 Stimmen.

Ahnatal – Um kurz vor 21 Uhr am Sonntag schaut der SPD-Bundestagsabgeordnete Timon Gremmels gerade „Tatort“, als dort eine Dame sagt, ihr Sohn wohne in Ahnatal. „Im Tatort-Krimi indirekt auf den Wahlkrimi in Ahnatal Bezug nehmen. Chapeau!”, schreibt Gremmels kurze Zeit später auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Denn tatsächlich fand der wahre Krimi am Sonntagabend nicht in der ARD statt, sondern in Ahnatal.

Um kurz vor 19 Uhr ist dort bereits klar, dass auch die Stichwahl zwischen Amtsinhaber Michael Aufenanger (CDU) und Herausforderer Stephan Hänes (SPD) kein klares Ergebnis gebracht hat. Im Gegenteil. Die Gemeinde scheint gespalten wie nie zuvor. Je 2106 Stimmen bekommen die Kandidaten, damit gibt es ein Patt. Wer Bürgermeister werden wird, muss nun möglicherweise heute Abend das Los entscheiden. Es ist ein historischer Moment, sagen viele nach der Auszählung, denn auch langjährige Politik-Profis kennen diese Situation nicht.

Der HSGB

„Das ist ein sehr seltenes Ereignis. Das habe ich noch nie erlebt”, sagt Johannes Heger, Geschäftsführer des Hessischen Städte und Gemeindebundes (HSGB). Das Prozedere sieht vor, dass der Wahlausschuss heute Abend die Wahlunterlagen prüft, und schaut, ob rechnerisch alles richtig ist, erklärt Heger. Eine Nachzählung ist im Gesetz nicht vorgesehen. „Die HGO sieht kein Nachzählen vor, nur weil es knapp ist“, sagt Heger. Herr des Verfahrens sei der Wahlausschuss. Am Ende entscheidet das Los, so steht es in Paragraf 39, Absatz 1d der Hessischen Gemeindeordnung (HGO). Das Los ziehen muss der Wahlleiter.

Die Fraktionen

„Ich halte das Los-Verfahren für ungerecht“, sagt CDU-Fraktionsvorsitzender Rüdiger Reedwisch. Er selbst ist seit 30 Jahren Wahlvorsteher und seine Erfahrung zeige, dass es immer mal Fehlerquellen gebe und zum Beispiel Zettel falsch einsortiert würden. Auch bei nur einer Stimme Unterschied sei der Wählerwille klar erkennbar.

Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Torben Schawer sieht das anders. „Keiner hat einen klaren Auftrag erhalten.“ Der nächste Bürgermeister müsse viel Arbeit leisten, um Ahnatal wieder zusammenzuführen. Dass die Grünen keine Wahlempfehlung abgegeben haben, hält er für richtig. „Wenn man Bürgermeister werden will, dann muss man mit seiner eigenen Politik Mehrheiten schaffen und Wähler überzeugen“, betont Schawer.

Ähnlich sieht es der Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler. „Das Ergebnis zeigt, wie die Situation gerade in Ahnatal ist, und da muss sich jeder an die eigene Nase packen“, sagt Sven Makoschey. Das Ergebnis spiegele die zwei Fronten in Ahnatal. Der Bürgermeister müsse diese wieder zueinanderführen und das Vertrauen der Bürger zurückgewinnen.

„Egal, wer jetzt gewinnt, die große Aufgabe wird sein, das Gemeinsame in dem stark Polarisierten herbeizuführen“, sagt auch Thomas Dittrich-Mohrmann, Fraktionsvorsitzender der SPD. Das Ergebnis sei auch ein Lehrstück dafür, wie wichtig jede einzelne Stimme ist. „Es lohnt sich, zur Wahl zu gehen.“ Er geht davon aus, dass es keine Beanstandungen der Wahl geben wird und das Los entscheidet. „Glücklich ist damit am Ende wohl keiner“, sagt Dittrich-Mohrmann. Als Sieger könne man sich nicht bezeichnen, „aber wir sind stolz auf unser Ergebnis.“

Die Kandidaten

Dass keiner der beiden Kandidaten die Mehrheit von seiner Politik überzeugen konnte, ist auch eine Bürde. Die geht einher mit der Verantwortung, die Gemeinde wieder zu einen, darüber sind sich beide Kandidaten einig.

„Egal, wer am Ende als Sieger durchs Ziel geht, wir müssen uns darauf verständigen, wie wir die anderen 50 Prozent wieder ins Boot bekommen”, sagt Stephan Hänes. Er sei bereit, Aufenanger bei einem Sieg zu unterstützen. „Es wird unsere Aufgabe sein, die Gemeinde wieder zu einen.” Es sei egal, ob ein Losverfahren nun gerecht sei. „Wenn der Gesetzgeber das vorgibt, dann haben wir das umzusetzen”, betont Hänes.

Auch Michael Aufenanger setzt nicht auf eine Neuauszählung. Egal, wie es ausgehe, „mir ist es wichtig, allen die Hand zu reichen und auf einer sachlichen Ebene zu arbeiten.“ Mit dem erzielten Ergebnis könne sich niemand wie ein Sieger oder Verlierer fühlen. „Egal, wer im Rathaus sitzt, er wird einen schweren Job zu verrichten haben“, sagt Aufenanger, denn die Gemeinde stehe nicht nur vor großen finanziellen, sondern als Gemeinschaft auch vor großen emotionalen Herausforderungen. (Amira Sayed El Ahl)

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