Wildpferde werden in 100 Tagen ausgebildet

Die Pferdeflüsterin: Sina Lippe trainiert in Ahnatal wilde Mustangs

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Hört aufs Wort: Sina Lippe mit dem Mustang Harry (links), den sie auf dem Reiterhof Brückenmühle in Ahnatal trainiert. Er liebt Streicheleinheiten und lernt durch Körpersprache, Kommandos zu befolgen. 

Sina Lippe hat es in 100 Tagen geschafft, den wilden amerikanischen Mustang Harry zu trainieren und eine vertrauensvolle Beziehung zu ihm aufzubauen.

 Wir haben die 30-jährige Pferdetrainerin bei ihrer Arbeit mit Harry in Ahnatal begleitet.

Harry hört aufs Wort. Dabei ist er kein gut trainierter Hund, sondern ein Wildpferd, das bis vor gut einem Jahr noch durch die Weiten des amerikanischen Bundesstaates Oregon galoppiert ist, ohne jemals von einem Menschen berührt worden zu sein. Der Mustang wird seit zehn Monaten von Sina Lippe trainiert, derzeit auf dem Reiterhof Brückenmühle in Ahnatal. Wenn die 30-jährige Pferdetrainerin mit Händen und Schnalztönen Kommandos gibt, könnte man meinen, als verbinde die zierliche Frau und den Mustang ein unsichtbares Band. Sina Lippe reicht ihre Körpersprache, um mit ihren Pferden zu kommunizieren.

Mustangs: Wildpferde sind sehr intelligent

„Das Faszinierende an Mustangs ist: Wenn man sie einmal für sich gewonnen hat, machen sie alles für einen”, sagt Lippe. Die Wildpferde werden als ausgesprochen intelligent und mit ausgeprägtem Sozialverhalten beschrieben – Qualitäten, die ein Pferd in der Wildnis zum Überleben benötigt. Doch der Mustang ist gefährdet. Anfang der 1970er-Jahre wurde das amerikanische Wildpferd unter Schutz gestellt. Seither wächst die Population wieder. Doch mittlerweile sind die Herden so groß geworden, dass die Regierung Tiere zu deren Schutz einfängt und in Auffangstationen bringt. Alleine dort leben knapp 4. 000 Wildpferde, die auf ein neues Zuhause warten. Denn eine Idee, um den Mustang zu schützen, ist, ihn zur Adoption freizugeben. Sina Lippes Mustang Harry ist eines dieser Tiere.

Sina Lippe mit Mustang Harry.

Im vergangenen Jahr nahm die Pferdetrainerin an der Mustang-Makeover-Trainer-Challenge teil, bei der sie 100 Tage Zeit hatte, um den Mustang zu trainieren und ihn dann beim Finale in Aachen zu präsentieren. Die Veranstaltung soll auf die Situation der Mustangs aufmerksam machen und deren Bekanntheit erhöhen. Bewertet wurde am Ende nicht, wie viel ein Pferd gelernt hatte, sondern wie groß die Harmonie und das Vertrauen zwischen Trainer und Mustang war. Bei Sina Lippe und Harry stimmte die Chemie von Beginn an. Bei der Abschlussveranstaltung in Aachen überzeugte das Paar auch die Jury. Sie belegten bei den Jungpferden den zweiten Platz.

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Natural Horsemanship Training mit Mustangs

Seit vier Jahren ist Sina Lippe Natural-Horsemanship-Trainerin. „Alles was ich mache, ist pro Pferd“, sagt Lippe. Das Ziel dieses Pferdetrainings sei, einen harmonischen und gewaltfreien Umgang mit dem Pferd zu erreichen und sein volles Vertrauen zu gewinnen. Sie ist eine Pferdeflüsterin, die die Körpersprache des Pferdes liest.

Harry ist mittlerweile drei Jahre alt und auf dem Stand eines normalen Jungpferdes, sagt Lippe, der demnächst an Sattel und Reiter gewöhnt wird. „Es war mir wichtig, dass er alles kann, was er braucht, wenn er eingeritten wird.“ Schließlich wusste sie im Mai noch nicht, was nach den 100 Tagen passieren würde, die sie Zeit hatte, den Mustang zu trainieren. Alle 22 Mustangs wurden nach der Abschlussveranstaltung versteigert.

Obwohl sie Harry nicht selbst ersteigern konnte, durfte Sina Lippe ihn behalten. Auf Zeit. Der jetzige Besitzer hatte schon im Vorfeld mit ihr besprochen, dass sie den Mustang so lange trainieren soll, bis er zugeritten ist, falls er den Zuschlag bekommen sollte. Bekam er, und Sina Lippe war erleichtert. „Harry ist mir in der Zeit sehr ans Herz gewachsen.“

Haben ein enges Verhältnis zueinander aufgebaut: Sina Lippe mit Mustang Harry.

Ihr Enthusiasmus für die Wildpferde hat sie nun dazu gebracht, sich auch in diesem Jahr wieder für die Challenge zu bewerben. Ab Mai wird sie mit einem neuen Mustang arbeiten, den sie noch nie gesehen hat. Die große Herausforderung in diesem Jahr: Es wird kein Jungpferd sein wie Harry, sondern ein ausgewachsenes Wildpferd, das noch nie berührt wurde. Wieder hat sie 100 Tage Zeit, um das Vertrauen des Pferdes zu gewinnen. „Aber dieses Mal muss ich es unter den Sattel bringen“, erklärt Lippe. Kein leichtes Unterfangen, aber für die Pferdeflüsterin eine schöne Herausforderung.

So bildet Lippe in 100 Tagen ein Wildpferd  harmonisch und fair aus

Beim Mustang Makeover geht es darum, fast rohe Mustangs innerhalb von 100 Tagen pferdegerecht, harmonisch und fair auszubilden, heißt es auf der Webseite des Veranstalters American Mustang Germany. Teilnehmende Trainer, die nach einem Bewerbungsverfahren ausgewählt werden, dokumentieren ihre Arbeit mit Video- und Fotobeiträgen und sollen so dazu beitragen, den Wissensstand rund um die Pferdearbeit zu verbessern. 

Die große Abschlussveranstaltung ist nach Angaben der Organisatoren eine Wissensplattform und ein Erlebnis. Mit der Veranstaltung möchte American Mustang Germany auf diese besonderen Pferde aufmerksam machen, zu ihrem Schutz beitragen und gleichzeitig vermitteln, dass Mustangs ausgezeichnete Kameraden und Partner sind. 

Im vergangenen Jahr war Sina Lippe eine von 22 Trainern, die am Mustang Makeover teilgenommen haben. Sie wurde unter 100 Bewerbern ausgewählt. Auch in diesem Jahr ist sie wieder dabei. Dieses Mal sind es 15 Trainer, die einen ausgewachsenen Mustang in 100 Tagen zureiten sollen.

Zur Person: Sina Lippe (30)

Sina Lippe ist gelernte Versicherungskauffrau, arbeitet aber seit vier Jahren als selbstständige Pferdetrainerin. Sie hat eine zweijährige Ausbildung zum Horsemanship-Trainer gemacht. Sie gibt Reitunterricht, trainiert Pferde und gibt Kurse in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie lebt in Neuenbrunslar.

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