Angeblich wurden Opfer 25.000 Euro Schweigegeld geboten

War es Blutrache? Nach Attacke mit Baseballschlägern in Vellmar klagt Student Afghanen an

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Leidet bis heute unter den Folgen: Omed Ahmad, Opfer der Gewaltat, sitzt mit einem Aktenordner in der Pizzeria seiner Eltern in Ahnatal. 

Bei einem Überfall wurde Omed Ahmad aus Ahnatal schwer verletzt. Familienmitglieder seiner Ex-Freundin sollen die Tat in Vellmar begangen haben. Jetzt stehen sie vor Gericht. 

Die Liebesbeziehung zwischen Omed Ahmad und seiner Freundin ist eine Geschichte, die an Dramatik kaum zu überbieten ist und im Herbst 2016 ein trauriges Ende nahm. Jetzt, über zwei Jahre später, müssen sich drei junge Männer im Alter zwischen 22 und 29 Jahren vor dem Amtsgericht Kassel wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Sie sollen Ahmad in Vellmar aufgelauert und mit Baseballschlägern auf ihn eingeschlagen haben.

Am Abend des 2. November 2016, erinnert sich Ahmad, war er als Auslieferungsfahrer für die Pizzeria seiner Eltern in Vellmar unterwegs. „Ich wurde auf der Straße angesprochen und gefragt, ob ich Omed bin“, erzählt er. Einer der Täter habe mit einem Baseballschläger auf seinen Kopf eingeschlagen. Er sei zu Boden gegangen. „Danach haben alle vier auf mich eingedroschen“, erinnert er sich und erzählt weiter: „Ich habe instinktiv meinen Kopf mit meinen Armen geschützt.“ Irgendwie sei es ihm gelungen, aufzustehen und zu flüchten. Der Student wurde bei dem Überfall schwer verletzt.

Angriff in Vellmar: Blutrache?

Laut Klinikbericht zog er sich eine Jochbeinverletzung, eine gebrochene Hand und Prellungen an Armen und Beinen zu. „Ich wurde operiert und habe noch heute Schmerzen und Taubheitsgefühle in der Hand.“ Für ihn ist klar, dass es sich bei dem Übergriff um ein versuchtes Tötungsdelikt handelt.

Die Staatsanwaltschaft Kassel hat ermittelt und ein Strafverfahren wegen schwerer Körperverletzung eingeleitet. Sollte während des Verfahrens der Verdacht entstehen, dass es sich um ein versuchtes Tötungsdelikt handelt, könnte die Staatsanwaltschaft noch umschwenken. „Das ist aber eher unwahrscheinlich“, sagt Andreas Thöne, Sprecher der Staatsanwaltschaft auf Anfrage.

„Das war Blutrache“, meint Ahmad. Denn die mutmaßlichen Täter und Angeklagten sind ein jüngerer Bruder und zwei Cousins seiner ehemaligen Freundin. Der vierte Täter konnte bislang nicht von den Behörden ermittelt werden. „Die decken ihn und verweigern die Aussage“, sagt Ahmad. Doch warum kam es überhaupt zu dem gewalttätigen Übergriff?

Laut Ahmads Schilderungen hatte sich seine damalige Freundin, eine junge Afghanin, kurz vor der Tat von ihm getrennt, den Kontakt abgebrochen und ihn wegen sexueller Nötigung und versuchter Vergewaltigung angezeigt. Den Tatvorwurf konnte der Ahnataler aber mithilfe von Fotos und Chatverläufen bei der Polizei widerlegen.

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Student aus Vellmar bekam 25.000 Euro Blutgeld für Schweigen geboten

Ahmad vermutet, dass die Familie seiner Ex-Freundin von der Liebesbeziehung erfahren hatte und die junge Frau daraufhin massiv unter Druck setzte. Das Paar soll sich seit der Schulzeit kennen und die Beziehung fünf Jahre lang geheim gehalten haben. Das bestätigen auch Ahmads Eltern. Sie können bis heute nicht verstehen, was passiert ist. Die junge Frau sei oft bei ihnen zu Besuch gewesen. Immer wieder habe es Bemühungen gegeben, ein Treffen mit ihren Eltern zu arrangieren. Doch die junge Frau soll dies aufgrund unterschiedlicher Ethnien stets abgelehnt haben. 

Während die Ahmads sich als persisch (Dari) bezeichnen, sollen die Familienmitglieder seiner Ex-Freundin Paschtunen sein. „Unsere Beziehung wäre für ihre streng muslimische Familie undenkbar gewesen, dabei wollte ich sie doch heiraten“, sagt Ahmad, der sich und seine Familie als modern und weltoffen bezeichnet. Gesehen hat er seine Ex-Freundin seit dem Vorfall nicht mehr. Aber mit den mutmaßlichen Tätern und weiteren Familienmitgliedern soll es mehrere Begegnungen gegeben haben. Auch seine Eltern seien bedroht worden.

Der junge Mann will sich aber nicht verstecken und seine Geschichte öffentlich machen. „Sie haben mir 25.000 Euro Blutgeld für mein Schweigen geboten und mir gedroht.“ Doch das archaische und für einige konservative Afghanen typische Verhalten will er nicht akzeptieren. „Wir leben in Deutschland und müssen uns an die Gesetze halten.“ Deshalb habe er sein Schweigen gebrochen. „So ein Verhalten darf nicht akzeptiert werden.“

Die Verhandlung findet am 7. Februar im Kasseler Amtsgericht statt.

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Viele Ethnien und Sprachen in Afghanistan

In Afghanistan werden knapp 50 Sprachen und über 200 verschiedene Dialekte gesprochen. Paschto ist die Sprache der Paschtunen und wird von etwa einem Drittel der Bevölkerung gesprochen. Die Nationalhymne wird in Paschto gesungen. Trotzdem konnte sich Paschto nicht als Verwaltungssprache durchsetzen und hat diesen Status nur in den paschtunischen Stammesgebieten. 

Dari ist die offizielle afghanische Bezeichnung für das Persische und die Amtssprache. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung spricht einen Dialekt des Persischen. Die Bevölkerung fühlt sich einer Vielzahl von Ethnien zugehörig. Neben Paschtunen gibt es Durrani, Ghilzai, Kutschi, Tadschiken, Aimaken, Hazara, Usbeken, Turkmenen, Belutschen, Nuristani, Mudschaheddin und zahlreiche weitere Ethnien.

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