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Risse in den Fassaden: Anwohner in Ihringshausen sorgen sich um ihre Häuser

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Von: Amira Sayed El Ahl

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Die Risse sind deutlich zu erkennen: Das Haus von Alexander Brunsch und seine Frau Stefanie Brunsch steht nur etwa 35 Meter von der Bahnstrecke entfernt. Auch Frank Hellwig (links) hat Risse im Haus. Sie befürchten weitere Schäden, sollte die Kurve Kassel ohne zusätzlichen Erschütterungsschutz gebaut werden.
Die Risse sind deutlich zu erkennen: Das Haus von Alexander Brunsch und seine Frau Stefanie Brunsch steht nur etwa 35 Meter von der Bahnstrecke entfernt. Auch Frank Hellwig (links) hat Risse im Haus. Sie befürchten weitere Schäden, sollte die Kurve Kassel ohne zusätzlichen Erschütterungsschutz gebaut werden. © Amira El Ahl

Risse in den Fassaden: Anwohner in Ihringshausen sorgen sich um ihre Häuser an der Bahnstrecke in Ihringshausen. Dort sollen künftig 40 weitere Güterzüge verkehren.

Fuldatal – Der Güterzug, der nachts um 00.04 Uhr durch Ihringshausen donnert, ist der Schlimmste. Da sind sich Frank Hellwig und Alexander Brunsch einig. Beide haben ein Haus in der Lessingstraße, die parallel der Bahnstrecke verläuft. Wenn dort nachts die Güterzüge entlangfahren, dann bekommen das die Anwohner – und auch ihre Haustiere – zu spüren. Neulich nachts, erzählt Brunsch, seien die neugebornen Meerschweinchen in ihrem Käfig im Wohnzimmer abgehoben, als der Zug kurz nach Mitternacht durchdonnerte.

Was sich als Anekdote lustig erzählen lässt, ist für die Anwohner der Bahnstrecke bitterer Alltag. Doch die Perspektive, dass mit dem Bau der Neubaustrecke Kurve Kassel täglich 40 Güterzüge mehr an ihrem Haus vorbeifahren, finden Hellwig und Brunsch weniger lustig. Denn schon jetzt sind die Spuren der Erschütterungen in und an ihren Häusern und auf ihren Grundstücken zu sehen.

Alexander Brunsch und seine Frau Stefanie wohnen seit sieben Jahren in der Lessingstraße 9. Sie haben das Haus, das 1920 gebaut wurde, dem Großvater von Stefanie Brunsch abgekauft. „Er ist hier aufgewachsen“, sagt Stefanie Brunsch.

Schon der Großvater hatte in den 1980er-Jahren vor dem Bau der ICE-Strecke durch Ihringshausen Bedenken, das weitere Erschütterungen die Substanz des Hauses angreifen könnten. Deshalb wurde ihm von der Deutschen Bahn ein Gutachten zu Erschütterungsmessungen an den beiden Bestandsstrecken zugesagt. Das Gutachten liegt Familie Brunsch noch vor, allerdings ist kein Ergebnis ersichtlich. Gebaut wurde die ICE-Strecke bekanntlich trotzdem und eine Entschädigung gab es laut Brunsch für den Großvater auch nicht.

Grund könnte sein, dass in Ihringshausen, unweit des Wohngebiets entlang der Bahnstrecke, bis in die 60er-Jahre Braunkohle abgebaut wurde. Noch heute gilt das Gebiet als Bergsenkungsgebiet. Deshalb haben die Erschütterungen nicht zwangsläufig nur mit der Bahnstrecke zu tun, erklärt Dirk Schütz von der DB Netz AG und Projektleiter der Kurve Kassel. „Da es auch fernab der Strecke zu Schäden gekommen ist, liegt nahe, dass es verschiedene Ursachen dafür geben muss“, sagt Schütz. Hier spielten der Untergrund und die geologischen Verhältnisse eine wesentliche Rolle. Risse in der Fassade des Hauses und der Garage von Familie Brunsch sind heute mit bloßem Auge zu sehen, ebenso wie die unebenen Platten auf der Terrasse. Auch die Setzungen im Garten, der direkt an die Bahnstrecke grenzt, sind laut Alexander Brunsch offensichtlich. „Die Unebenheiten werden von Jahr zu Jahr schlimmer.“

Auch Frank Hellwig, der seit 13 Jahren in der Lessingstraße 26 wohnt, hat Risse im Haus. Das ganze Baugebiet sei in seiner Substanz gefährdet, sagt Hellwig. „Wenn man ein Baugebiet an solch einer Stelle genehmigt, dann muss gewährleistet sein, dass nicht noch etwas dazukommt, dass die Bausubstanz gefährdet, so wie eine Bahnstrecke.“

Dass sich der Bau der Kurve Kassel noch abwenden lässt, davon geht Hellwig nicht aus. „Wir sind uns alle bewusst, dass wir um die Strecke nicht drumherum kommen.“ Darum ginge es auch nicht, sondern darum, die Auswirkungen zu mildern. Deshalb fordern die Anwohner der Bahnstrecke Lärm- sowie Erschütterungsschutz in Ihringshausen. Denn den wird es beim Bau der Neubautrasse nur an ebenjener geben, und nicht an den Bestandsstrecken wie der in Ihringshausen.

Die Ihringshäuser müssen nun darauf hoffen, im Bundestag eine Mehrheit für zusätzliche Maßnahmen in der Ortsdurchfahrt zu erwirken. Bei ihrem letzten Treffen hatten sich die Mitglieder des von der Deutschen Bahn initiierten Runden Tisches Kurve Kassel auf drei regionale Kernforderungen geeinigt, die Anfang 2023 in Berlin eingereicht werden sollen. Zu denen gehört für die Bestandsstrecken Lärmschutz und für Ihringshausen zusätzlich Erschütterungsschutz.

Hellwig und Brunsch sind zuversichtlich, dass der zusätzliche Schutz kommen wird. „Ich glaube an das Gute im Menschen“, sagt Hellwig. Und Brunsch hofft, dass in vielen Jahrzehnten noch seine Kinder in diesem Haus leben können.

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