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Inflation und Preissteigerungen bringen Menschen im Landkreis in Not

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Von: Moritz Gorny

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Freut sich an seinem Garten, weiß aber noch nicht, wie er über den Winter kommen soll: Der 57-jährige Karl-Heinz Alvarez vor seinem Haus in Espenau-Hohenkirchen. Er ist gelernter Koch und Krankenpfleger.
Freut sich an seinem Garten, weiß aber noch nicht, wie er über den Winter kommen soll: Der 57-jährige Karl-Heinz Alvarez vor seinem Haus in Espenau-Hohenkirchen. Er ist gelernter Koch und Krankenpfleger. © Moritz Gorny

Fast jeder fünfte Hesse war im vergangenen Jahr von Armut betroffen. Das geht aus dem aktuellen Bericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands hervor. Auch der Landkreis Kassel verzeichnet einen Anstieg derer, die aus eigener Kraft ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können.

Kreis Kassel – Wer das rund 890 Quadratmeter große Grundstück von Karl-Heinz Alvarez betritt, bekommt den Eindruck einer heilen Welt vermittelt. Umgeben von Einfamilienhäusern liegt es idyllisch in Espenau-Hohenkirchen. Lilien blühen im Garten des 100-Quadratmeter-Hauses, Bäume spenden wohltuenden Schatten.

Doch so richtig froh sein kann Alvarez nicht. Seit sein Vertrag bei einem kommunalen Arbeitgeber im April nicht verlängert wurde, ist der 57-Jährige ohne Job und bekommt Krankengeld, wie er sagt. Rund 800 Euro monatlich. Was er braucht, um den Abtrag für sein Haus zu bezahlen und über die Runden zu kommen, spart sich der gelernte Koch und Krankenpfleger vom Mund ab. Arbeiten würde er gern, aber mehrere schwere Erkrankungen wie ein Schlaganfall, ein Herzinfarkt und zwei Lungenentzündungen in diesem Jahr fordern ihren Tribut.

Mit dem Geld seines Verlobten, der auch krankheitsbedingt nicht arbeiten kann, stehen monatlich rund 1100 Euro zur Verfügung. Noch sind Strom- und Gaspreiserhöhungen nicht durchgeschlagen. Aber demnächst soll Alvarez eigenen Angaben zufolge monatlich rund 200 Euro mehr dafür zahlen. „Das kann ich nicht“, sagt er. Eventuell müsse er das Haus verkaufen.

Ein Job könnte sein Problem lösen, glaubt er, „aber ich habe mich noch nicht wieder vollständig erholt, das wird wohl dauern“. Dann schwebt da noch eine Frage über allem: „Wer nimmt einen 57-Jährigen mit so vielen Vorerkrankungen?“

Karl-Heinz Alvarez aus Espenau-Hohenkirchen hat etwas gemeinsam mit Angelika Freudenstein aus Immenhausen-Holzhausen. Beide nutzen den Essensverteiler von Tamara Draht in Espenau. Hier können sich Bedürftige gespendete Lebensmittel umsonst abholen.

Freudenstein lebt mit ihrem Mann und vier Kindern im Alter von 9 bis 27 Jahren in einem Einfamilienhaus. Die 48-Jährige ist Hausfrau, wie sie erläutert, ihr Mann arbeitet seit rund einem Monat wieder als Lastwagenfahrer. Zuvor war er ein Jahr lang arbeitslos.

Am Monatsanfang, sagt die Holzhäuserin, hat sie rund 2000 Euro zum Leben. Sie ist es gewohnt, mit wenig auszukommen. Die steigenden Preise machen ihr dennoch Sorgen. „Wo soll das noch hinführen?“, fragt Freudenstein. Nicht nur Lebensmittel, Strom, Gas und Kleidung werden teurer, auch die Kosten für die Schule steigen laut der 48-Jährigen. „Wenn man für drei Kinder Arbeitshefte, Stifte und Blöcke kauft, kommt viel zusammen, von Klassenfahrten ganz zu schweigen.“ Der 27 Jahre alte Sohn verdiene als Gärtner sein eigenes Geld. Zuletzt wollte die Familie ein Ofenrohr für einen Kamin im Haus installieren lassen, um günstiger zu heizen. „Dann ging das Auto kaputt und wir mussten uns entscheiden. Mobil zu sein war wichtiger.“ (Moritz Gorny)

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