Körper voller Ameisen und Käfer

Als Baby eine Böschung hinunter geworfen und ausgesetzt: Niesterin erzählt von Kindheitstrauma

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Durch einen Zufall am Leben: Zorica Strbac wurde mit neun Tagen von ihrer Mutter am Fluss Lech in Augsburg ausgesetzt und von Passanten gefunden. Für unser Foto zeigt sie ein Bild von sich im Alter von drei Monaten. 

"Für meine Mutter war ich wie Müll". Eine Niesterin wurde als Baby am Fluss ausgesetzt. Ihre Mutter warf sie eine Böschung hinunter. 

„Das ist mein Kindheitstrauma.“ Mit diesem Satz beschreiben Menschen Erlebnisse, die sie mitunter ihr ganzes Leben lang belasten. Von der eigenen Mutter nicht gewollt und ausgesetzt zu werden, ist solch eine Erfahrung. Zorica Strbac aus Nieste hat es am eigenen Leib erfahren.

Neun Tage nach ihrer Geburt wurde ihr Schicksal besiegelt: Ihre Mutter warf die kleine Zorica in einer Tasche eine Böschung am Fluss Lech in Augsburg hinunter. „Sie wollte wohl, dass ich ertrinke.“ Wie durch eine Fügung landete Strbac aber nicht im Wasser, sondern rund einen Meter davon entfernt.

 So müssen Stunden vergangen sein, „denn ich hatte überall Käfer und Ameisen“. Das weiß die 50-Jährige aus Erzählungen ihrer Retter: Eine Mutter und ihr Sohn liefen am Fluss entlang und hörten das Wimmern des Säuglings. „Ohne die beiden wäre ich wohl tot“, sagt Strbac. Sie hielten einen Lkw-Fahrer an und brachten das Baby gemeinsam zur Polizei. Strbac kam dann ins Krankenhaus und schließlich in ein Heim.

Erst Baby ausgesetzt, nach einem Jahr wieder aufgenommen

„Einen Tag nach der Sache fand die Polizei meine Mutter und nahm sie fest.“ Weil die junge Frau Reue zeigte, kam sie nach einem Jahr wieder frei „und nahm mich bei sich auf“. Das sei nicht lange gut gegangen – Strbacs Vater holte sie zu sich, als sie drei Jahre alt war.

Lange wusste sie nicht, was ihre Mutter ihr eigentlich angetan hat. Durch eigene Nachforschungen und die Hilfe der Lokalzeitung Augsburger Allgemeine fand sie Stück für Stück heraus, wer ihre Mutter ist. „2003 habe ich sie über eine Zeitungsannonce in Serbien gefunden und bin hingefahren.“ Nach so vielen Jahren standen sie sich gegenüber: „,Was glotzt du so, erkennst du mich nicht wieder?’ hat sie mich auf serbisch gefragt.“ Das war die letzte Begegnung mit ihrer Mutter. 

Familie hat sie dennoch: ihre Halbschwester, Schwager und die Nichte, mit denen sie in Nieste lebt. „Was mir passiert ist, hat mich jeden Tag stärker gemacht“, sagt die 50-Jährige. Trotzdem liegt auch eine tiefe Traurigkeit in ihren Augen, wenn sie von ihren Erlebnissen erzählt. „Ich kann damit immer mehr abschließen.“ Dass sie wegen ihres traumatischen Lebens heute arbeitsunfähig ist, kann sie nicht ganz ausschließen. 

Nach Kindheitstrauma: "Vielleicht streikt mein Körper auch"

Dennoch: „Ich war Berufskraftfahrerin, die erste Deutschlands, habe hart gearbeitet.“ Nach einem Verkehrsunfall wurde sie zwei Mal an der Bandscheibe operiert, darf nicht mehr schwer heben. „Vielleicht streikt mein Körper auch.“

Strbac ist überzeugt: „Es wäre mir vieles erspart geblieben, hätte sich meine Mutter Hilfe gesucht, statt mich wie Müll wegzuwerfen.“ Es gebe so viele Möglichkeiten, ein Kind in die Obhut anderer zu geben, wenn man damit überfordert ist und es aus irgendwelchen Gründen nicht wolle. „Das Jugendamt hilft und es gibt heutzutage die Babyklappe in Kassel.“ Ihr Appell: „Man sollte sich dringend Hilfe holen!“ Das müsse nicht damit enden, dass man sein Kind weggibt. „Es gibt Wege“, sagt Zorica Strbac hoffnungsvoll.

Kurz gefragt: „Manche wollen ihr Kind doch zurück“

2003 wurde am Kasseler Marienkrankenhaus eine Babyklappe eingerichtet. Wir haben mit Florian Hillenbrand und Barbara Gröger-Schmidt vom Sozialdienst der katholischen Frauen gesprochen, dem Betreiber der Klappe. 

Wie viele Babys wurden bisher in die Babyklappe gelegt und wie funktioniert sie? 

Florian Hillenbrand: Wie viele es sind, möchten wir nicht sagen. Dazu, wie sie funktioniert aber schon. Wenn ein Baby hineingelegt wird, wird im Marienkrankenhaus ein Alarm ausgelöst. Das Kind wird versorgt. Dann versuchen wir zeitnah, das Kind in eine geeignete Adoptivpflegefamilie zu vermitteln. 

Kennen Sie die Umstände, unter denen Eltern ihr Kind in die Klappe legen? 

Hillenbrand: Oft können wir nur mutmaßen. Manche melden sich, nachdem sie das Kind abgegeben haben. Unsere Erfahrung ist, dass unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielen. Es ist eine Lage, die auch aus finanzieller Not entstehen kann. 

Barbara Gröger-Schmidt: Oftmals haben die Menschen das Gefühl, sich niemandem anvertrauen zu können. 

Sie sagen, manche melden sich doch? 

Gröger-Schmidt: Ja, das ist selten. Aber wenn, dann nach etwa drei bis vier Tagen. Manche möchten anonym fragen, wie es ihrem Kind geht, andere möchten ihr Kind zurück. 

Geht das dann noch? 

Gröger-Schmidt: Das kommt darauf an, wie weit die Adoption ist. Aber in jedem Fall stehen ein DNA-Test und viele weitere Schritte an. 

Für Betroffene ist die Klappe der letzte Ausweg, oder?

 Hillenbrand: Sollte sie sein. Man kann sich vorher bei uns melden und wir suchen nach Lösungen. Man kann aber auch anonym entbinden, das Kind zur Adoption freigeben oder beim Jugendamt in Pflege geben. Wichtig ist, sich beraten zu lassen.

Beratungsstellen

In Sachen Erziehungsberatung, Familientherapie und Elterncoaching hilft zum Beispiel die Jugend- und Familienberatung des Landkreises Kassel, Wilhelmshöher Allee 19-21 in Kassel, Tel. 0561/10031580. 

Wenn Frauen und Familien in Not sind, bietet der Sozialdienst katholischer Frauen Hilfe. Der Verein hat einen Sitz in Fulda, Rittergasse 4, und ist telefonisch erreichbar unter Tel. 0661/839410

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