„Bahngleise sind kein Spielplatz“

Bundespolizei warnt vor Leichtsinn auf Gleisanlagen

ICE am Fahren.
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Moderne Züge nähern sich fast lautlos: Wenn sich Menschen verbotenerweise auf Gleisen aufhalten, wird ein herannahender Zug oft zu spät bemerkt. Auf diese Weise können schwere Unfälle entstehen.

Riesiges Glück hatte eine 67-jährige Kasselerin, als sie am 19. Juli die Gleise am Bahnhof Rengershausen überquerte. Nur Zentimeter fehlten, und ein vorbeifahrender Güterzug hätte sie erfasst.

Aber auch Kinder und Jugendliche werden immer wieder bei gefährlichen Spielereien auf Gleisen von der Bundespolizei aufgegriffen. Hier Fragen und Antworten, weshalb solche Dinge immer wieder passieren.

Wie viele Fälle von gefährlicher Gleisbetretung hat es in diesem Jahr im Raum Kassel schon gegeben?

In Stadt und Landkreis Kassel hat es im Juni und Juli etwa zehn Fälle von unerlaubten Gleisüberschreitungen gegeben, teilt Klaus Arend, Sprecher der Bundespolizei Kassel mit. „Zum Glück ist es dabei nie zu Unfällen mit Personen- oder Sachschäden gekommen.“ Im gesamten Zuständigkeitsbereich der Bundespolizeiinspektion Kassel (Nord-, Ost- und Mittelhessen) sei die Zahl von Ermittlungen wegen des Verdachts eines gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr leicht angestiegen. Gab es im ersten Halbjahr 2020 rund 30 Fälle, waren es im ersten Halbjahr 2021 schon 20 Fälle mehr.

Was machen Kinder und Jugendliche auf Gleisen?

Wenn Kinder und Jugendliche Gleise betreten, ist es meist eine Mutprobe. „Dabei sind Bahnanlagen definitiv kein Kinderspielplatz“, sagt Arend. Eltern sollten eindringlich über die Gefahren an Bahnanlagen aufklären.

Was machen Erwachsene auf den Bahngleisen?

Tatsächlich überschreiten oft Erwachsene Gleise an nicht dafür vorgesehenen Stellen, zum Beispiel, um Zeit zu sparen. Wer zu spät dran ist, der nimmt schon mal den direkten Weg, um seinen Zug noch zu erreichen. „Von solchen Handlungen raten wir dringend ab“, sagt Arend. „Lieber mehr Zeit in die eigene Sicherheit investieren und einen sicheren Weg wählen. Es gibt Brücken sowie Bahnüber- oder -unterführungen.“

Warum ist es so gefährlich, Gegenstände wie Steine auf Gleise zu legen?

„Werden Steine, die zuvor auf Gleise gelegt wurden, von Zügen überrollt, zerplatzen sie“, erklärt Arend. Steinsplitter werden so zu gefährlichen Geschossen und können bei umherstehenden Menschen zu erheblichen Verletzungen führen. Aber eben auch bei jenen – meist Kinder –, die Steine dorthin gelegt haben. Denn die schauen aus ihrem Versteck gerne dabei zu, was mit den Steinen passiert, wenn der Zug drüberfährt. „Ein sehr gefährliches Spiel“.

Reicht ein Stein oder eine Getränkedose schon aus, um einen Zug zum Entgleisen zu bringen?

„Die Frage, ob Züge durch das Auflegen von Steinen entgleisen können, lässt sich generell mit ja beantworten“, sagt Arend. Letztlich komme es auf die Menge und die Größe der Hindernisse an. „Aber es entstehen auch Schäden an den Zügen, die oft erst Wochen später zu schweren Unfällen führen können.“

Warum sind Gleise so gefährlich?

„Jederzeit besteht die Gefahr, von heran- oder durchfahrenden Zügen erfasst und getötet zu werden“, erklärt Arend. Moderne Reise- oder Güterzüge näherten sich fast lautlos. „Auf Schnellfahrstrecken haben Züge ein Tempo bis zu 250 Kilometer pro Stunde drauf.“ Anders gesagt: „Wenn man einen Zug sieht, ist es oft zu spät.“ Wegen des Tempos und des enormen Gewichts haben Züge einen bis zu 1000 Meter langen Bremsweg.

Ist es schon zu schweren Unfällen gekommen?

„Ja“, sagt Arend. „Im August 2020 war in Niederweimar (Landkreis Marburg-Biedenkopf) eine junge Frau von einem Zug erfasst und getötet worden.“ Die 22-Jährige hätte hinter einem anderen Zug die Gleise queren wollen, um in den Ort zu gelangen, dabei hatte sie offenbar einen durchfahrenden Zug auf dem Nachbargleis übersehen.

Oft passiert nichts, doch müssen aus Sicherheitsgründen Gleise dann gesperrt werden. Was bedeutet das für den Bahnverkehr?

„Gleissperrungen bedeuten immer Verspätungen und wirtschaftliche Einbußen für die Verkehrsunternehmen“, sagt Arend. Deshalb würden solche Fehlverhalten mit einer Ordnungswidrigkeit geahndet. Komme es zu Unfällen, stehe der Verdacht des gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr im Raum.

Können Verursacher zur Rechenschaft gezogen und regresspflichtig gemacht werden?

„Tatsächlich können auf die Verursacher Schadenersatzforderungen seitens der Verkehrsunternehmen zukommen“, sagt Arend. Diese könnten noch bis zu 30 Jahre nach dem Ereignis geltend gemacht werden. In Einzelfällen könnten auch die Kosten für den Polizeieinsatz auf den Verantwortlichen zukommen. „Da kommen schnell mal Tausende Euro zusammen“, so Arend. (Boris Naumann)

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