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Bauern im Landkreis Kassel fordern Bewirtschaftung von Brachflächen

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Von: Michaela Pflug

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Möglichst viel Fläche soll für den Anbau von Getreide verwendet werden: Hier wird nahe Wolfhagen-Istha Hafer ausgesät.
Möglichst viel Fläche soll für den Anbau von Getreide verwendet werden: Hier wird nahe Wolfhagen-Istha Hafer ausgesät. © Michaela Pflug

Ernte- und Importausfälle führen zu höheren Preisen und Verknappung bei der Lebensmittelproduktion. Dagegen könnten die Bewirtschaftung stillgelegter Flächen helfen.

Aufgrund des Ukraine-Krieges hatten Landwirte im Kreis Kassel gefordert, stillgelegte Flächen für die Produktion voll zu nutzen – vergebens. Nun heißt es, den Blick auf die nächste Neuerung zu richten, sagt Rainer Schulte-Ebbert, Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes Kassel.

Was auf den stillgelegten Flächen wächst, darf in Deutschland nun verfüttert werden. Nachbarländer sind deutlich weitergegangen. „Diese Entscheidung hat keinen großen Nutzen“, sagte Schulte-Ebbert. Was auf diesen Flächen wachse, sei kaum hochwertiges Tierfutter. Für die erhoffte Anpflanzung von Sommerkulturen, sei die Entscheidung ohnehin zu spät gefallen. „Wir müssen den Blick jetzt nach vorne richten.“

Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) begründete den nun beschlossenen Vorschlag seines Ministeriums so: „Eine völlige Produktionsfreigabe und der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auf Brachflächen hätten erhebliche negative Auswirkungen auf die Biodiversität. Wir dürfen jetzt nicht die Biodiversitäts- und Klimakrise verschärfen. Denn der Hunger ist schon jetzt dort am größten, wo die Klimakrise zuschlägt.“ Diese Argumentation würde auch einer neuen Forderung lokaler Landwirte widersprechen.

„Aktuell wird schon für die Ernte im kommenden Jahr geplant“, erklärt Kreislandwirt Jörg Kramm. Die Neuerung ab 2023: Vier Prozent der Fläche eines Betriebs sollen brachliegen. „Da darf dann gar nichts angepflanzt werden – auch keine Blühstreifen“, sagt Kramm. Besser wäre es, wenn Bauern flexibler in der Gestaltung ihrer Naturschutzprojekte wären. Außerdem: „Es ist schwer zu verstehen, dass in dieser Situation zusätzlich Fläche aus der Bewirtschaftung genommen wird.“ Schulte-Ebbert hofft, dass man sich in Deutschland entscheidet, die Neuerung aufzuweichen. „Klar sind vier Prozent nicht viel, aber EU-weit sind das 4 Millionen Hektar, die nicht genutzt werden können.“ In Deutschland möge der Verbraucher die Folgen nur in Form von Preissteigerungen oder Verknappungen bei den Tafeln bemerken, aber in ärmeren Ländern könnte die Ernährung der Bevölkerung bedroht sein. „Unser Ansatz heißt nicht, dass Umwelt- und Insektenschutz nicht wichtig sind, aber wir brauchen eine der aktuellen Zeit angepasste Agrarpolitik.“

Wie die aussieht, dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. Das zeigt eine Pressemitteilung des Hessischen Bioland-Verbands zum Ukrainekrieg und Futtermittel. „Die Krise, wie wir sie jetzt erleben, offenbart welche Abhängigkeiten entstehen, wenn Produktionskreisläufe nicht geschlossen sind“, sagt Gita Sandrock, Vorstandsvorsitzende von Bioland Hessen und Landwirtin aus Wehretal (Werra-Meißner-Kreis). Der Ukraine-Krieg dürfe nicht genutzt werden, um ein Aussetzen des Umbaus der Landwirtschaft zu fordern. Ein nachhaltigeres Wirtschaftssystem, mehr fleischlose Ernährung, der Abbau der hohen Tierbestände und die Etablierung einer flächengebundenen Tierhaltung wären sinnvoller.

Letzteres passiert bei Bioland- und anderen Bio-Betrieben schon. Denn dort muss ein Großteil des Futters vom eigenen Betrieb kommen und die Zahl der Tiere ist eng auf die zur Verfügung stehende Anbaufläche für deren Futter abgestimmt, erklärt Bioland-Landwirt Gerhard Hüppe aus Zierenberg. Aber auch er muss hochwertiges Eiweißfutter zukaufen. „Die Krise zeigt, wir müssen noch lokaler denken.“ Allerdings sagt er auch, wie wichtig ein globaler Umbau des Wirtschafts- und Agrarsystems ist. Und nicht alles, was vermeidlich dem Naturschutz diene, nutze dem auch wirklich. Etwa, wenn man vier Prozent Fläche einfach brach liegen lässt, ohne darüber nachzudenken, ob das sinnvoll sei und im Ergebnis etwas bringt.

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