Barrierefreiheit in Baunatal

Gefahr für Blinde - Leitsystem lotst in fließenden Verkehr: „Das ist eigentlich ein Skandal“

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Falsch verlegte Rillenplatten in Baunatal leiten Blinde mitten auf die Straße: Nicole Mock zeigt den Schwachpunkt an der Friedrich-Ebert-Allee direkt am Parkstadion und an der Erich-Kästner-Schule. Die Rillen müssten eigentlich parallel zu den dicken weißen Strichen auf der Fahrbahn verlaufen.

In Baunatal sorgt ein möglicherweise fehlerhaftes Leitsystem für Blinde für Probleme. Laut Nicole Mock (CDU) lotst es die Betroffenen direkt auf die Straße.

  • In Baunatal wird auf Barrierefreiheit gesetzt.
  • Laut der CDU sind einige Leitsysteme für Blinde falsch verlegt.
  • Der Austausch der Rillenplatten würde hohe Kosten mit sich bringen.

Baunatal – Wer in Baunatal als blinder Mensch zu Fuß und mit Blindenstock unterwegs ist, läuft Gefahr, fehlgeleitet zu werden. Das sagt Nicole Mock von der CDU-Fraktion des Stadtparlaments. Der Grund: Einige Rillenplatten seien falsch verlegt. Es geht vor allem um Rillenplatten an Bordsteinkurven: Dort hat die Stadt Baunatal an einigen Stellen im Stadtgebiet für Barrierefreiheit sorgen wollen.

Doch die Rillen zeigen laut Mock größtenteils nicht in Richtung des gegenüberliegenden Bürgersteigs, sondern führen mitten auf die Straße oder gar auf die Kreuzung. Blinde Menschen nutzen diese Rillen, um sich zu orientieren, und folgen ihnen mit dem Stock, erklärt Mock.

Blinde landen direkt auf der Straße - Barrierefreiheit in Baunatal laut CDU fehlerhaft

„Die falsche Verlegung der Platten muss daher umgehend zur Vermeidung von Unfällen korrigiert werden“, heißt es im Antrag der CDU, den sie in der jüngsten Sitzung der Stadtverordneten eingebracht hat. Dieser wurde nicht verabschiedet, sondern ein Änderungsantrag der SPD angenommen. Darin heißt es, dass die Sache in den Bauausschuss geht und die Rillenplatten geprüft werden sollen. Dieser Vorschlag, den Mock ausdrücklich gutheißt, wurde einstimmig angenommen.

Sie ist trotzdem der Meinung, dass die Rillenplatten schnellstmöglich korrekt verlegt werden sollten. Im Augenblick herrsche für Sehbehinderte eine gefährliche Situation in Baunatal. „Das ist eigentlich ein Skandal“, findet Mock. Sehbehinderte vertrauten schließlich auf barrierefreie Hilfen und würden in Baunatal vielerorts irregeleitet, landeten also direkt auf der Straße.

Alle Rillenplatten zu tauschen, stelle einen hohen Kostenfaktor für die Stadt dar – trotzdem ist Mock davon überzeugt, dass dies unumgänglich ist. „Blinde nutzen die Rillen als Richtungsweiser“, bestätigt Dierk Koch, Vorsitzender des Behindertenbeirats in Baunatal. Die korrekte Verlegung sei deshalb maßgebend und wichtig. In Baunatal seien etwa 3800 Menschen schwerbehindert – darunter auch einige Sehbehinderte.

Barrierefreiheit wird durch Kommune gestaltet: Leitsystem für Blinde in Baunatal teilweise verkehrt?

Laut Marco Lingemann, Sprecher von Hessen Mobil, liegt es in der Hand der Kommunen (so auch in Baunatal), Gehwege barrierefrei zu gestalten. Das Leitsystem für Blinde über die Rillenplatten scheint hier besonders relevant. Die Hessische Straßen- und Verkehrsverwaltung hat einen Leitfaden „Unbehinderte Mobilität“ herausgegeben.

Darin heißt es: „Wenn das Umfeld keine klar ertastbaren Kanten zur Führung bietet, weil zum Beispiel Geschäftsauslagen im Wege stehen, oder bei großen Plätzen können Rillenplatten zur Führung eingebaut werden. Diese Streifen sind in der Regel 30 Zentimeter breit, die Rillen zeigen in die Gehrichtung.“ Somit zeige der Stock, der in den Rillen entlanggleitet, dem Sehbehinderten den weiteren Wegverlauf an.

Dies ist laut Leitfaden insbesondere dann wichtig, wenn die Querungsrichtung nicht senkrecht zum Bordstein verläuft oder an Stellen liegt, an denen der Bürgersteig abgerundet ist, beispielsweise an Straßenecken.

So ist die Ausrichtung richtig: Die Rillen führen in Richtung des nächsten Bürgersteigs.

Gefahr für Blinde - Barrierefreiheit in Baunatal nicht gewährleistet? Verwaltung will Situation prüfen

Die Stadt Baunatal wird zunächst dem Prüfauftrag nachkommen, berichtet Stadtsprecherin Susanne Bräutigam. Es gab in der jüngsten Stadtverordnetenversammlung einen Beschluss, der zunächst geprüft werden soll, ob die Rillenplatten tatsächlich falsch verlegt sind. Nicole Mock (CDU) findet diesen Ansatz zwar gut, ist aber dennoch der Meinung, dass die fehlerhaften Leitsysteme für Blinde schnellstmöglich geändert werden sollten.

Bis dahin könne man, laut Susanne Bräutigam, zu dem Thema vonseiten der Stadt inhaltlich nichts sagen. „Wir beschäftigen uns in der Stadt schon lange mit dem Thema barrierefreies Bauen“, sagt Bräutigam, und zwar seit 2007. Damals habe es lediglich Empfehlungen zur Verlegung der Platten gegeben.

Von Lara Thiele

Hilfe für selbstbestimmtes Leben: Barrierefreiheit fördern

Gemeinden und Deutsche Bahn bauen Barrierefreiheit an Bahnhöfen* aus: Blinde oder gehbehinderte Menschen können dadurch entlastet werden. Um die Barrierefreiheit an kleinen hessischen Bahnhöfen, wie etwa in Baunatal, zu verbessern, investierten Bund und Land 2016 30 Millionen Euro in die Modernisierung von Haltestellen mit weniger als tausend Fahrgästen am Tag.

Die Beratungsstelle in Wolfhagen und Hofgeismar ist unter anderem für Blinde* oder gehbehinderte Personen geöffnet und will den Betroffenen ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Der Verein Selbstbestimmt leben in Nordhessen (Slin) bietet Beratungen in Wolfhagen und Hofgeismar an. Hier können Menschen mit Behinderung und deren Angehörige Hilfe finden. In Hofgeismar steht das Angebot aber vor dem Aus.

*hna.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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