Gülle darf wieder fließen

Ab Februar düngen die Landwirte im Landkreis Kassel die Felder

Betreibt einen Mastbetrieb: Der Baunataler Landwirt Sascha Kaiser mit einem Teil seiner 1500 neugierigen Schweine. Diese sind knapp drei Monate alt.
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Betreibt einen Mastbetrieb: Der Baunataler Landwirt Sascha Kaiser mit einem Teil seiner 1500 neugierigen Schweine. Diese sind knapp drei Monate alt.

Mit jedem Jahr gibt es weniger landwirtschaftliche Betriebe. Was früher in der Region zum Alltag gehörte, ist heute nur noch für wenige Hauptberuf. Ein Jahr begleiten wir Landwirte bei ihrer Arbeit.

Baunatal – Die Sonne bricht durch die Wolken, die Temperaturen steigen, es duftet nach Frühling. Und je ländlicher man lebt, auch nach Ammoniak und Schwefel. Denn ab 1. Februar darf wieder Gülle ausgefahren werden. „Ideal ist es, wenn es trocken ist und dann, kurz nach dem Ausbringen, regnet“, erklärt Landwirt Sascha Kaiser aus Baunatal. Denn dann verteilt sich der Wirtschaftsdünger ideal.

Die Gülleausbringung findet nicht jeder angenehm. Das versteht Kaiser. Aber: „Da kriegt man dann schon Anrufe von der Polizei oder vom Amt. Ich würde es besser finden, wenn die Leute persönlich auf mich zukommen.“ Dann könnte er die Vorteile der Düngung mit Gülle erklären. „Gülle ist ein Art Volldünger. Er versorgt die Pflanze mit allem, was sie braucht“, erklärt Kaiser.

Stefanie Wittich vom Bauernverband nennt weitere Pluspunkte: die organische Substanz sei gut für die Humusbildung. „Es ist auch nachhaltiger. Bei der Produktion von Mineraldünger ist der Energieeinsatz höher.“ Der Einsatz von Gülle könne auch dabei helfen, den ökologischen Kreislauf zu schließen.

Kaiser versucht, die Geruchsbelästigung in Grenzen zu halten. So wird, wenn möglich, am Wochenende keine Gülle gefahren. Aber auch die Technologie hilft dabei. Gemeinsam mit anderen Landwirten hat Kaiser einen Schleppschuhverteiler angeschafft. Der bringe die Gülle möglichst bodennah aus, das ist effektiver, inzwischen gesetzlich so vorgeschrieben und weniger geruchsintensiv.

Wie viel Gülle pro Quadratmeter ausgebracht wird, sei schwer zu sagen. Das komme auf die Analyse der Zusammensetzung der Gülle, die Art der Bepflanzung, den Boden und das Wetter an. Auch die Düngeverordnung setzt den Bauern Grenzen und sichere den Gewässerschutz. „Etwa 15 bis 20 Kubikmeter Schweinegülle je Hektar sind das bei uns meist“, erklärt Kaiser.

Mit einem ähnlichen Schleppschuhverteiler bringt auch Sascha Kaiser seine Gülle aus.

Die Gülle bestehe hauptsächlich aus Wasser, erklärt Wittich. Sie enthalte neben Stickstoff auch Phosphat, Kalium, Magnesium und andere Spurenelemente. Rechne man das herunter, würden 7 Gramm Stickstoff auf einen Quadratmeter ausgebracht.

Kaisers Gülle wird direkt vor Ort in Baunatal produziert. Denn er verdient sein Geld mit Schweinemast. Der Betrieb umfasst 1500 Schweine. Die werden etwa 100 Tage in Baunatal gemästet und vervierfachen ihr Gewicht bis sie ihre Reise zum Schlachthof antreten. Kaiser bemüht sich bis dahin seinen Tieren mehr als den Mindeststandard zu bieten. Er beteiligt sich an der Initiative Tierwohl. „Das heißt zum Beispiel, das hier die Schweine 20 Prozent mehr Platz haben als gesetzlich vorgeschrieben.“ Die nächste Stufe: Raufutter, wie Stroh, Heu oder Zuckerrübenpellets aus Wabern müssen zur Verfügung stehen. 85 Prozent des verfütterten Getreides stammen aus eigenem Anbau.

Die Preise für die Schweine haben sich noch immer nicht erholt von den Nachwehen der Corona-Pandemie und der Afrikanischen Schweinepest, nach dessen Auftreten in Deutschland im vergangenen Herbst hatte China ein Importverbot verhangen. Das sei aber ein wichtiger Markt für die Teile des Schweins, die der Deutsche nicht gern oder kaum isst, sagt Kaiser. Der aktuelle Kilopreis von 1,19 Euro sei „katastrophal“. „Damit es auskömmlich ist, bräuchten wir schon 1,50 Euro.“ Aufgeben will der 33-Jährige, der den Familienbetrieb in dritter Generation führt, aber nicht. „Es macht mir Spaß, ich mag die Abwechselung und die vielfältigen Aufgaben.“

Zahl der Schweinehalter sinkt

Es gibt immer weniger schweinehaltende Betriebe im Landkreis. Laut Stefanie Wittich vom Kreisbauernverband gab es 2007 569 Betriebe mit 72.000 Schweinen, 2016 waren es nur noch 236 Betriebe mit 55.000 Tieren. Ein Trend, den auch eine erste Auswertung der Landwirtschaftszählung 2020 durch Statistik Hessen bestätigt. Mit knapp einer halben Million Schweinen ging der Bestand gegenüber 1970 um zwei Drittel zurück. Die Zahl der Schweine haltenden Betriebe hat sich im Vergleich zu 2010 von 5700 auf 2430 Betriebe mehr als halbiert. (Michaela Pflug)

Im ersten Teil der Serie berichten wir darüber, was bei den Landwirten im Januar passiert.

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