Alarm lautete „Person unter Zug“

Frau zwischen Güterzug und Bahnsteig eingeklemmt: Retter berichtet vom Einsatz

Norbert Faust von der Freiwilligen Feuerwehr lehnt an einem roten Kleinbus der Feuerwehr.
+
War einer der ersten an der Einsatzstelle: Norbert Faust von der Freiwilligen Feuerwehr Baunatal. Er kümmerte sich um den Lokführer.

Eine Frau will im Kreis Kassel noch schnell die Bahngleise überqueren und entkommt dabei nur knapp einem Unglück.

Baunatal – Wer sich mit Norbert Faust über den Samstag vor einer Woche unterhält, der kriegt vor Augen geführt, wie nah Glück und Unglück manchmal beieinander liegen. An diesem Tag: sehr nah. Der Baunataler Feuerwehrmann kam als einer der Ersten zu einem spektakulären Einsatz am Bahnhof Rengershausen dazu. Und er half aus mehreren Gründen.

„Person unter Zug“, hieß laut Faust der Notruf von der Leitstelle in Kassel an die Freiwillige Feuerwehr Baunatal. Aus Rengershausen und Altenbauna eilten Kameraden zum Bahnhof. Sie eilten ins Ungewisse, so schildert es Faust. Denn ein Unfall mit einem Zug sei häufig schwerwiegend – „auch für die Psyche“. Man wisse nie genau, was einen erwartet.

Als Norbert Faust am Bahnhof Rengershausen angekommen war, kümmerten sich einige Kollegen bereits um eine 67-jährige Frau aus Kassel, die offenbar nur knapp einem Unglück entkommen war.

Alarm lautete „Person unter Zug“: Frau im Kreis Kassel eingeklemmt

Die Frau hatte nach späteren Angaben der Bundespolizei unerlaubt die Gleise überquert. Dort rollte ein 1900 Tonnen schwerer Güterzug heran. „Ein Zug mit Kesselwagen“, sagt Faust. Die Seniorin sei gerade dabei gewesen, vom Gleisbett auf den Bahnsteig zu klettern, so der 55-Jährige. „Sie wollte wohl noch einen Zug kriegen.“ Dann donnerte der Güterzug an ihr vorbei. Der Frau blieb nur der schmale Spalt zwischen Güterzug und Bahnsteigkante. Es war so wenig Platz, dass die Lok der Seniorin Handtasche von der Schulter riss. Diese wurde später im Gleisbett gefunden.

Norbert Faust erfuhr beim Eintreffen, dass die 67-Jährige mit dem Leben davon gekommen war. Er ging vor zum Lokführer, der mit dem Zug nach einer Schnellbremsung erst nach 600 Meter weiter zum Stehen gekommen war. „Meine Frage war, was ist mit dem Lokführer“, erinnert er sich an diese Sekunden.

Bahnhof Rengershausen: „Züge nähern sich fast lautlos an“

Kommen Fälle wie jetzt in Rengershausen häufiger vor? „Im Raum Kassel haben wir in den vergangenen beiden Monaten rund zehn Fälle von einfachen unerlaubten Gleisüberschreitungen registriert, sagt Klaus Arend, Sprecher der Bundespolizei in Kassel.

In dem Gebiet sei es dadurch zum Glück bei keinem der Fälle zu Unfällen mit Personen- oder Sachschäden gekommen, so Arend. In der Regel werden solche Fehlverhalten mit einer Ordnungswidrigkeit geahndet. Komme es zu Unfällen im Zusammenhang mit dem Bahnverkehr, so stehe ein Straftatverdacht wegen eines „Gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr“ (§ 315 StGB) im Raum.

Die Bundespolizei appelliert an Bahnreisende, die Gleise nicht zu betreten. „Wir empfehlen mehr Zeit in die eigene Sicherheit zu investieren und nur die sicheren Wege zu benutzen, wie beispielsweise Bahnüber- oder -unterführungen sowie Brücken“, sagt Arend. „Der Aufenthalt in oder an Gleisen ist gefährlich, weil permanent die Gefahr besteht von heran- oder durchfahrenden Zügen erfasst und getötet zu werden. Züge können, auch bei Erkennen eines Hindernisses, nicht ausweichen. Moderne Reise- oder Güterzüge nähern sich fast lautlos an. sok

Baunatal: Seniorin zwischen Güterzug und Bahnsteig eingeklemmt

Der Freiwillige Feuerwehrmann aus Altenbauna war wohl – und auch das ist Glück im Unglück – genau der richtige Mann an der richtigen Stelle. Norbert Faust ist nämlich selbst seit 39 Jahren hauptberuflich Lokführer bei der Deutschen Bahn. Und er gehört dem Notfalldienst des Verkehrsunternehmens an, das genau in solchen Fällen eingeschaltet wird. „Ich bin ausgebildet in der psychologischen Erstbetreuung“, sagt er.

Er habe dem Kollegen, der unter Schock vorne in seiner Loks saß, seine Hilfe angeboten, berichtet Faust. „Das hat er angenommen.“ Der 50-jährige Mann aus dem Schwalm-Eder-Kreis, tätig für einen privaten Anbieter aus Erfurt, habe ihm erzählt, dass er die Frau noch gesehen habe und dann ein Schlagen gegen die Lok gehört habe. Dann sei er vom Schlimmsten ausgegangen. „Doch es war wohl nur die Handtasche.“

Seniorin klemmte zwischen Bahnsteig und Güterzug im Kreis Kassel

Der Mann habe in der Folge völlig richtig gehandelt, betont Faust. „Er hat sofort einen Notruf abgesetzt.“

Die Nachricht, dass der Frau wohl nichts Schlimmes passiert sei, habe er von seinen Feuerwehrkollegen mit nach vorne zum Lokführer genommen. „Ich habe ihm mitgeteilt, dass die Person nicht getötet wurde“, sagt Faust. „Da war er dankbar.“

Zwischen Bahnsteig und Güterzug: Seniorin eingeklemmt

Norbert Faust verweist auf die besonderen Belastungen in derartigen Situationen für die Lokführer. Häufig handele es sich bei ähnlichen Unfällen um Suizide. „Das habe ich 1998 selbst schon mal gehabt“, sagt der 55-Jährige. Mancher Kollege erhole sich von einem solchen Vorfall überhaupt nicht mehr.

An diesem Tag löst sich die Situation dank wohl mehrerer Schutzengel einigermaßen positiv auf. Der Lokführer, so sagt Norbert Faust, sei von einem Ersatzmann des Unternehmens abgelöst worden. Bis zu dessen Ankunft habe er noch bei ihm gewartet. „Als ich ging, war kein anderer Mensch mehr da.“ (Sven Kühling)

Das sagt die Feuerwehr

Die Fachkompetenz von Norbert Faust als Lokführer sei eine starke Bereicherung für die Baunataler Feuerwehr, sagt Stadtbrandinspektor Ralf Seitz. Faust sei in der Altenbaunaer Wehr zudem als stellvertretender Wehrführer in einer Führungsposition tätig. „Wir sind froh, wenn er dabei ist“, sagt Seitz.

Man dürfe nicht vergessen, dass die Stadt Baunatal einer der größten Verkehrsknotenpunkte in der Region mit mehreren Bahnstrecken sei. Der Stadtbrandinspektor und Norbert Faust betonen zudem immer wieder, dass die komplette Arbeit der Wehr ehrenamtlich erfolge. sok

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.