Elfriede Wagener erinnert sich an die alte Fabrik in Guntershausen

Als das Dorf nach Kaffee roch

Verfallen: So sieht die Fabrik der Firma Kieckert und Söhne am Bahnhof Guntershausen heute aus.
+
Verfallen: So sieht die Fabrik der Firma Kieckert und Söhne am Bahnhof Guntershausen heute aus.

Wenn Elfriede Wagener aus den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges in ihrem Heimatort Guntershausen erzählt, dann bieten sich dem Zuhörer Einblicke in zwei Welten.

Zum einen sind die Ereignisse rund um den Bahnhof Guntershausen und die daneben angesiedelte Waffenfabrik spannend und historisch interessant. Zum anderen kommt dabei auch das Düstere, der Schrecken dieser Zeit zum Ausdruck.

Baunatal – Elfriede Wageners Mutter Emmy Wachert arbeitete in der Fabrik, die heute im Ort meist nur noch als Chemiefabrik bezichnet wird. „Meine Mutter war kriegsdienstverpflichtet“, sagt die 86-Jährige, die die Kriegstage als kleines Kind erlebte.

Die Gunterhäuser Fabrik sei ein Sitz der Firma Kieckert und Söhne (heute Autozulieferer) gewesen, so die 86-Jährige. „Da haben etliche Frauen aus Guntershausen gearbeitet.“ Ihrer Kenntnis nach seien in den Hallen direkt neben dem Bahnhof Bombenschächte für die Bestückung von Flugzeugen mit Bomben hergestellt worden, berichtet Wagener die Angaben der Mutter von damals.

Hat die Arbeitsbücher der Mutter aus der Guntershäuser Waffenfabrik noch: Elfriede Wagener (86) erzählt aus den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges. Diese erlebte sie als Kind.

Ihre Mutter, geboren im Jahr 1908, habe zunächst als Schachtelmacherin bei der Kartonage-Fabrik Becker und Marxhausen in Guxhagen gearbeitet. Von da holte sie das NS-Regime 1942 in die Fabrik nach Guntershausen. Das alles ist in einem Arbeitsbuch der Mutter dokumentiert. „Wir wohnten zur Miete in einer kleinen Wohnung“, erzählt Wagener weiter. Die Arbeit in der Fabrik sei wohl physisch nicht besonders herausfordernd gewesen, sagt Wagener. „Es war wohl eher psychisch anstrengend.“

Im Bahnknotenpunkt Guntershausen habe sie mit ihrer Mutter ständigen Fliegeralarm erlebt. Die Tiefflieger seien direkt über ihren Köpfen über den Klackerweg geflogen. „Ich konnte den Pilot im Flugzeug erkennen“, sagt Wagener. „Eine Frau hat gerufen, wir sollten mit in ihren Keller kommen. Wir standen nämlich nur im Hauseingang.“ Doch die Zeit habe zum Überqueren der Straße nicht gereicht, „dann kam schon der nächste Tiefflieger und hat geschossen“. Viele solcher Angriffe auf die Fabrik und den Bahnhof habe sie als Kind miterlebt. Vater Heinz war zu dieser Zeit im Krieg, später dann in Kriegsgefangenschaft.

Auch von dem Beschuss von Waggons mit Rüben, berichtet die Seniorin. Und von dem Einzug der Amerikaner im Frühjahr 1945. „Die haben zunächst ins Dorf geschossen, um zu sehen ob es Widerstand gibt.“ Die Amerikaner, so die 86-Jährige, seien aber freundlich zu den Kindern gewesen. „Wir bekamen regelmäßig Schokolade – und sogar manchmal Kuchenteig.“

Die Waffenfabrik sei von den Amerikanern beschlagnahmt worden, so Wagener weiter. Dort seien eine Bäckerei und eine Kaffeerösterei angesiedelt worden. „Manchmal hat es in ganz Guntershausen nach Kaffee gerochen“, sagt die Seniorin, die heute in Altenbauna lebt. Auf den Gleisen hätten lange Zeit Bauzüge der Amerikaner gestanden, berichtet sie weiter. Einem Soldaten habe ihre Mutter dann die Wäsche gewaschen. „Dafür haben wir auch mal Kaffeesatz zum Brühen von Kaffee, Weißbrot und ein großes Stück Seife bekommen.“

An den freundlichen Amerikaner erinnert sich die 86-Jährige ganz genau. „Einen Moment“, sagt Elfriede Wagener am Ende ihres Berichtes. Dann zieht sie eine Pappkiste aus dem Schrank und holt ein Foto von dem Soldaten hervor. „Das hat er mir geschenkt.“ (Sven Kühling)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.