1. Startseite
  2. Lokales
  3. Kreis Kassel
  4. Baunatal

Baunatalerin war Haushälterin bei Arnold Bode

Erstellt:

Von: Ingrid Jünemann

Kommentare

Erinnerungen: Bärbel Neusel, Tochter von Arnold Bodes Jahrzehnte langer Haushälterin Eva Köhler, vor einer großformatigen Aufnahme des documenta-Gründers in der Neuen Galerie.
Erinnerungen: Bärbel Neusel, Tochter von Arnold Bodes Jahrzehnte langer Haushälterin Eva Köhler, vor einer großformatigen Aufnahme des documenta-Gründers in der Neuen Galerie. © Ingrid Jünemann

Eine documenta besuchte Eva Köhler nie. Dennoch kannte sie eine Menge Künstler und war documenta-Gründer Arnold Bode vertrauter als viele andere. Die Baunatalerin, 2016 mit 89 Jahren gestorben, arbeitete vier Jahrzehnte als Haushälterin bei Arnold Bode und seiner Frau Marlou. Was dazu führte, dass auch Eva Köhlers Ehemann und ihre Kinder oft in der Familie des Ausstellungsmachers und Bohemien zu Gast waren.

Baunatal/Kassel – Viele Anekdoten ranken sich um diese Zeit, zu verdanken vor allem der Großzügigkeit Arnold Bodes. Denn der war auch ein Lebenskünstler.

Die meisten Erinnerungen sind bei Bärbel Neusel (74) aus Baunatal, Eva Köhlers Tochter, stets präsent – bis hin zu leckeren Kochrezepten der aus dem Elsass stammenden Marlou Bode. Doch die Ausstellung „arnold bode unframed“ in der Kasseler Neuen Galerie hat nun noch ein paar weitere Erlebnisse zutage gefördert. Zum Beispiel die Geschichte von dem Gleitkufensessel, den Bode in den 1960er-Jahren in Anlehnung an den Bauhaus-Stil entwarf – damals für viele Menschen ein futuristisches Möbelstück. Zwei Exemplare schenkte der Designer den Köhlers, aber die Sessel wurden nur hervorgeholt, wenn Bode seinen Besuch avisiert hatte. Denn im Altenritter Siedlungshaus fand diese hypermoderne Möblierung wenig Gegenliebe.

Schon Ende der 1950er-Jahre, als die Köhlers bauten, kam Bode, der zeitweise auch als Architekt und Innengestalter arbeitete, gern nach Altenritte und gab Ratschläge. Eine große Wohnküche, wie sie damals in Siedlerhäuschen üblich war? Bitte nicht. Eine kleine Kochnische mit Durchreiche und dahinter ein schöner Esstisch seien doch viel besser, erklärte Arnold Bode – und so kam es. „Meine Mutter hat Zeit ihres Lebens in dieser kleinen Küche gekocht. Und sie war eine super Köchin“, erzählt Bärbel Neusel.

Fotos der ersten documenta-Ausstellungen bringen weitere Erinnerungen ans Licht. Gemälde berühmter Maler hingen damals vor weißen Kunststoffvorhängen. Diese Plastikfolien wurden danach – nachhaltig, wie man heute sagen würde – bei Bodes daheim und ebenso bei Köhlers wiederverwendet. Bärbel Neusel: „Wir hatten zum Beispiel neuartige Einbauschränke, was auch durch Bodes kam. Mit dem documenta-Kunststoff waren die Rahmen der Schiebetüren bespannt.“

Heinz Köhler, Bärbel Neusels 2012 mit 85 Jahren gestorbener Vater, half oft bei den Bodes, wenn Handwerkliches anstand. Oder wenn es nach großen Gesellschaften aufzuräumen galt. Einmal fehlten mehrere Stühle, Gäste hatten diese wohl mitgehen lassen. Der Hausherr in seiner Großzügigkeit blieb da ganz gelassen. „Wissen Sie, Herr Köhler, wenn jemand einen Stuhl mitnimmt, dann braucht er ihn auch“, so sah es Arnold Bode. Die Sache war damit für ihn erledigt.

Bärbel Neusel arbeitete später selbst manchmal für den documenta-Pionier, der bis 1964 die ersten drei Ausstellungen verantwortet hatte und danach noch Ratgeber war. Die junge Frau tippte seine handschriftlichen Manuskripte ab. Zum Beispiel Konzepte für andere Ausstellungen. Oder Bodes Pläne, 1977 die documenta 6 in das Oktogon des Herkules zu verlegen, was scheiterte. Bis Anfang der 1990er-Jahre wirkte Eva Köhler im Hause Bode. Zuletzt war sie allein für Marlou tätig, nachdem Arnold Bode 1977 gestorben war.

Dessen freigiebiges Wesen, das seine zumeist abstrakten Gemälde und Skizzen einbezog, ist bis heute bei den Köhler-Nachfahren Legende. So bot der Künstler seiner Haushälterin häufig an, sich ein Werk auszusuchen. Worauf Frau Köhler, wie sie in der Familie Bode genannt wurde, stets antwortete: „Aber nur, wenn ich darauf etwas erkennen kann.“ Wie gut, dass Arnold Bode auch Gegenständliches wie Motive aus der Karls- aue gezeichnet hat.

Ausstellung„arnold bode unframed“ zum malerischen und zeichnerischen Werk des documenta-Gründers bis Sonntag, 9. Oktober, in der Neuen Galerie Kassel, Schöne Aussicht 1. Öffnungszeiten: Freitag 10 bis 20 Uhr, Samstag und Sonntag 10 bis 17 Uhr. (Ingrid Jünemann)

Auch interessant

Kommentare