35-Jähriger vor Landgericht

Anklage wegen Brandstiftung und versuchtem Totschlag: „Ich werde dich heute töten“

Ein Fachwerkhaus mit Brandspuren im Bereich eines Fensters. Davor liegen allerlei verbrannte Einrichtungsgegenstände.
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Das Feuer in der Flüchtlingsunterkunft im Baunataler Lärchenweg soll der 35-Jährige gelegt haben.

Er soll in einer Baunataler Flüchtlingsunterkunft ein Feuer gelegt und einen Mann mit einem Messer schwer verletzt haben: Ein 35 Jahre alter Flüchtling ist wegen Brandstiftung und versuchtem Totschlag angeklagt.

Baunatal/Kassel – Im Laufe des rund sechsstündigen Prozessauftakts am Kasseler Landgericht tut sich am gestrigen Mittwoch eine Welt aus Misshandlung, psychischer Erkrankung, Drogenkonsum und Gewalt auf.

Im Mai 2020, als der Angeklagte das Feuer gelegt haben soll, lebt er in einer Flüchtlingsunterkunft im Baunataler Lärchenweg. Der zweifache Vater ist von seiner Frau getrennt und hat das Sorgerecht für seine Söhne. Wegen Misshandlungen in seinem Herkunftsland Afghanistan ist er in psychiatrischer Behandlung und nimmt Antidepressiva. So schildern es Zeugen dem Richter Volker Mütze. Obendrein konsumiert der Angeklagte neben Beruhigungs- und Schmerzmitteln auch Drogen – mitunter wild durcheinander, so offenbar auch am 19. Mai. Ob er das Feuer an diesem Tag selbst legt, bleibt in den Zeugenaussagen offen.

Klar ist: Als Brandherd macht die Polizei später das Zimmer des 35-Jährigen aus. Er selbst will laut einem Zeugen während des Brands das Haus nicht verlassen, wehrt sich gegen einen Mitbewohner, der ihn retten will. Erst die Feuerwehr holt ihn aus dem brennenden Gebäude.

Es ist vor allem eine Frage, die sich durch die Verhandlung zieht: Welche Rolle spielen seine Ex-Partnerin und deren Partner im Leben des Angeklagten? Wie sein Verteidiger erklärt, habe die Beiden den Angeklagten immer wieder beleidigt und ihm zugesetzt. Das untermauern auch Sozialarbeiter, die mit dem Angeklagten zusammengearbeitet haben. Wie sich herausstellt, hat das aber keiner miterlebt, sondern nur vom Beschuldigten gehört.

Am 27. August 2020 eskaliert die Situation: Der Beschuldigte greift den Mann an und verletzt ihn schwer.

Zur Vorgeschichte erläutert der Verteidiger, dass sein Mandant bei seiner Hochzeit 13 Jahre alt ist, ebenso wie seine zukünftige Frau, seine Cousine. Weil er sie nicht heiraten will, überschütten Männer seinen Rücken mit heißem Öl. Wegen dieser Vorkommnisse rutscht der Angeklagte in die Drogensucht ab und flieht nach Deutschland.

Wie seine Frau ihren neuen Lebensgefährten kennenlernt und ebenfalls nach Deutschland kommt, bleibt im Prozess offen. Sie leben im Raum Kassel und stehen wegen der Kinder in Kontakt mit dem Angeklagten.

Im August 2020 münden die mutmaßlichen Beleidigungen laut Verteidiger in einer Auseinandersetzung zwischen den beiden Männern: Der Freund der Frau sagt dem Angeklagten, er sei kein echter Mann, weil er diese Beziehung zulasse. Was der Verteidiger als „schlimmste Beleidigung für einen Moslem“ bezeichnet, bewegt den Angeklagten zu den Worten: „Ich werde dich heute töten.“ Er sticht zu. Der Angriff ist auf einem vom Opfer aufgenommenen Video zu sehen.

Nachdem acht Zeugen befragt sind, zeichnet sich das ab, was Oberstaatsanwalt Matthias Grund schon eingangs prophezeit hat: Die Beweislage für die Brandstiftung ist dünn und reicht womöglich nicht für eine Anklage. Für die Messerattacke gebe es hingegen viele Indizien. In Kombination mit einer stationären Behandlung könne der Angeklagte mit einer verkürzten Haftzeit rechnen. Im Raum stehen dreieinhalb Jahre. Wie der Prozess ausgeht, wird sich in vier weiteren Terminen zeigen.

Von Moritz Gorny

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