Baunatal

Postzustellung an behindertes Mädchen verweigert: „Das ist schon Diskriminierung“

Baunatal Altenritte Manuel Fritsche und Tochter Lea-Sophie, Bote von DPD hat die junge Frau mit Down-Syndrom einfach an der Tür stehen lassen Foto: Kühling
+
Ist in der Lage, ein Paket anzunehmen: Lea-Sophie Fritsche steht hier mit ihrem Vater Manuel und einem Paket an der Haustür in Altenritte. Ein Bote von DPD habe sie einfach unverrichteter Dinge stehen lassen, berichten beide. DPD weist diese Darstellung zurück

Ein Mädchen will ein Paket an der Haustür annehmen. Aber der DPD -Postbote will ihr das nicht geben. Weil sie eine Behinderung hat.

  • Mädchen mit Down-Syndrom aus Baunatal im Kreis Kassel sieht sich als Opfer von Diskriminierung
  • Bei einer Zustellung an der Haustür überließ ihr ein DPD-Postbote nicht das Paket 
  • Postbote erzählt andere Version der Geschichte

Baunatal – Dass sie in der Lage ist, ein Paket an der Haustür von einem Boten anzunehmen, beweist Lea-Sophie Fritsche aus Baunatal-Altenritte im Kreis Kassel beim Fototermin mit der Zeitung. Die 16-Jährige, die mit dem Down-Syndrom zur Welt kam, kann ein Paket tragen und sich auch bedanken und verabschieden. 

Ein Bote des Logistikers DPD sah das Anfang Mai möglicherweise anders. Laut Schilderung von Lea-Sophies Vater Manuel Fritsche ließ der Fahrer seine Tochter ohne Paket an der Haustür zurück. Das Päckchen habe er wieder mitgenommen. „Das ist schon Diskriminierung“, sagt Fritsche. Der Zusteller hätte das Paket doch einfach neben der Tür abstellen können, findet der Baunataler.

Diskriminierung im Kreis Kassel? Postbote erzählt andere Version der Geschichte

Der Paketdienst DPD sieht den Fall der möglichen Diskriminierung in Baunatal im Kreis Kassel Fall anders. Sprecher Sebastian Zeh sagt auf Anfrage: „Der Zusteller hat laut eigener Aussage geklingelt, woraufhin ihm Herrn Fritsches Tochter die Tür öffnete.“ Das Mädchen habe die Tür allerdings nur einen kleinen Spalt geöffnet. 

„Daher konnte unser Zusteller laut eigener Aussage nicht sehen, dass sie eine Behinderung hat.“ Und: Der Mitarbeiter habe glaubhaft versichert, „dass er die Tochter von Herrn Fritsche zu keinem Zeitpunkt diskriminierend behandelt hat“.

Diskriminierung im Kreis Kassel: Das sind die Regeln für Postboten

Wir nahmen diesen Fall einer möglichen Diskriminierung in Baunatal im Kreis Kassel zum Anlass und fragten nach den rechtlichen Bedingungen, die bei der Abgabe von Paketen gelten:

„Die Gesundheit der Empfänger und Zusteller hat oberste Priorität“, sagt DPD-Sprecher Zeh. DPD habe wegen der Pandemie daher eine kontaktlose Zustellung eingeführt. 

„Der Empfänger muss vorerst nicht mehr auf dem Handscanner unterschreiben, wenn er ein Paket bekommt“, sagt Zeh. Man achte genau auf einen Mindestabstand zwischen den Menschen. 

„Unser Zusteller klingelt wie gewohnt, klärt im nächsten Schritt kurz über den geänderten Prozess auf und stellt das Paket mit zwei Meter Abstand vom Empfänger ab.“ Anschließend bestätige der Zusteller mit seiner Unterschrift, dass er das Paket zugestellt habe.

Ähnlich sieht es bei DHL aus. Dort gelte ebenfalls seit Wochen eine „kontaktlose Übergabe“, sagt Sprecher Thomas Kutsch.

Diskriminierung im Kreis Kassel: Dürfen Personen unter 18 Jahren Pakete annehmen?

DPD und DHL legen die Bedingungen für die Annahme von Paketen in ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) fest. „Laut unseren AGB darf eine Ablieferung mit befreiender Wirkung an jede im Geschäft oder im Haushalt des Empfängers angetroffene empfangsbereite Person gegen Empfangsbestätigung erfolgen“, so DPD-Sprecher Zeh. 

Die Identität dieser Person müsse dabei nicht, zum Beispiel anhand eines Personalausweises, überprüft werden. Ausnahmen gebe es, wenn begründete Zweifel an der Empfangsberechtigung der Person bestünden, sagt Zeh.

Ähnlich verfährt DHL bei der Übergabe von Paketen. Päckchen annehmen dürfen laut Pressesprecher Kutsch Angehörige des Empfängers, andere in den Räumen des Empfängers anwesende Personen sowie Hausbewohner und Nachbarn des Empfängers – sofern angenommen werden könne, dass diese zur Annahme der Sendungen berechtigt seien.

Grundsätzlich können laut Kutsch auch Personen, die jünger als 18 Jahre sind, Pakete annehmen.

Über die Haftung entscheide bei Problemen später immer der Einzelfall. Dabei seien unzählige Konstellationen denkbar.

Diskriminierung im Kreis Kassel: Das sagt die Verbraucherzentrale

Bei einem Rechtsstreit wegen eines verschwundenen Paketes könnte es für Kunden schwierig werden, sagt Eva Raabe von der Verbraucherzentrale in Kassel. Der Kunde stehe nämlich alleine da, das Unternehmen habe hingegen den Paketboten als Zeugen.

Raabe sieht eine Übergabe eines Paketes an Minderjährige problematisch. „An Minderjährige darf ein Paket gar nicht ausgehändigt werden“, sagt sie. 

Probleme bei der Paketzustellung – das ist bei der Verbraucherzentrale ein Dauerthema. Es gebe viele Anfragen dazu, so Raabe. „Das ist immer wieder ein Ärgernis.“ Immer wieder komme es vor, dass Pakete einfach verschwunden oder beschädigt seien. 

Die Verbraucherzentrale helfe als Anlaufstelle weiter. Zudem nennt Raabe die Bundesnetzagentur als Ansprechpartner bei Problemen. 

Diskriminierung im Kreis Kassel

Auf der Flucht vor Diskriminierung aus dem Iran nach Kassel: Mit 18 Jahren machte sich die Mobina Hasseini vom Iran aus auf den Weg nach Deutschland und landete in Wolfhagen. Hier will sie gleichberechtigt Leben und sich ihren Berufswunsch erfüllen.

Die Drogenhilfe Nordhessen hatte Sozialarbeiter aus ganz Deutschland zu einem Treffen geladen. Kasseler Streetworker über die Diskriminierung von Drogenabhängigen. Bei der Deutschen Post gibt es eine kuriose Neuerung. Auf Wunsch verschickt die Post schon vorab Fotos von Briefen per E-Mail.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.