Alexander Kunz kämpfte zwei Monate gegen das Virus

Corona-Tod mit 57 Jahren: So geht eine Familie mit dem Verlust ihres Vaters um

Verlor den Kampf gegen Corona: Familienvater Alexander Kunz.
+
Verlor den Kampf gegen Corona: Familienvater Alexander Kunz.

In der Region Kassel sind im Zusammenhang mit Corona viele Menschen gestorben. Alexander Kunz ist einer davon. Das ist seine Geschichte und die seiner Familie.

  • Die Corona-Pandemie fordert zahlreiche Todesopfer - auch in der Region Kassel.
  • Alexander Kunz hat den Kampf gegen eine Covid-19-Erkrankung verloren.
  • Der Familienvater lag zwei Wochen im künstlichen Koma.

Kassel/Baunatal – Rosa Kunz wird noch immer zu der Uhrzeit wach, zu der ihr Mann früher stets von der Nachtschicht nach Hause gekommen ist. Auch die neue Wohnung, in die die 60-Jährige gezogen ist, ändert daran nichts. Nur: Ihr Mann kommt nicht mehr nach Hause, und so ist die Geschichte über Rosa Kunz und ihre Familie eine über den Verlust eines lieben Menschen, über die Trauer und über den Versuch, irgendwie zurückzufinden zumindest zu ein bisschen Normalität.

Alexander Kunz (57) aus Baunatal infiziert sich im Mai mit Corona. Er kämpft – zwei Monate und einen Tag liegt er im Krankenhaus. Am 21. Juli 2020 stirbt er. Dass es so kommt, war nicht abzusehen. „Wir haben immer gedacht, er schafft das“, sagt Nelli Kunz. Er war ein Bär, immer gesund, beschreibt die Tochter den Vater.

Corona-Pandemie in der Region Kassel: Familienvater möchte anfangs nicht ins Krankenhaus

Es ist ein Freitag, als Alexander Kunz nach Hause kommt und sich nicht gut fühlt, hohes Fieber bekommt. Am Montag geht er zum Arzt, der schreibt ihn krank. Drei Tage Fieber könnten vorkommen. Nelli Kunz überredet ihren Vater dennoch, zu einer weiteren Ärztin zu gehen. Der gefallen die Lungen ihres Patienten nicht. Aber Alexander Kunz möchte nicht ins Krankenhaus.

Nach dem Arztbesuch ruft er seine Tochter an. Er möchte per Video mit seinen Enkeln sprechen: mit Kiana und Milan. Er möchte sich verabschieden. Die 37-Jährige ist irritiert, schockiert, schiebt es auf das hohe Fieber, aber sie startet den Videoanruf. Heute glaubt sie, dass ihr Vater schon zu diesem Zeitpunkt gespürt hat, dass er bald sterben wird.

In der Nacht ruft ihr Bruder den Notarzt, weil der Vater Schmerzen hat. Er krümmt sich auf dem Boden, aber er möchte nicht in die Klinik. „Wenn ich einmal dort bin, komme ich nicht mehr zurück“ – das waren seine Worte, erinnert sich seine Tochter. Weil sich sein Zustand nicht verbessert, fährt Rosa Kunz ihren Mann am nächsten Tag erneut zum Arzt. Alexander Kunz wird wegen eines grippalen Infekts in die DRK-Kliniken eingewiesen. Es ist der Mittwoch vor Christi Himmelfahrt – Vatertag.

Corona-Pandemie
ErregerSars-CoV-2
KrankheitCovid-19
Erklärung zur Pandemie11. März 2020

Corona im Kreis Kassel: Alexander Kunz muss ins Klinikum verlegt werden

Am Vatertag telefoniert Alexander Kunz mit seiner Tochter. Sie erzählt ihm von einer Überraschung, die auf ihn wartet, wenn er aus dem Krankenhaus kommt. Ein Bild, auf dem ein Löwe zu sehen ist – groß, stark und kämpferisch wie er selbst.

Am Brückentag meldet sich das Krankenhaus am frühen Morgen bei Kunz’ Sohn. Der 35-jährige Alexander Kunz trägt denselben Namen wie sein Vater. Man sagt dem Sohn, dass es seinem Vater sehr schlecht gehe. Er muss ins Klinikum verlegt werden. Nur dort gibt es zu diesem Zeitpunkt spezielle Maschinen zur Beatmung. Der Familienvater wird ins künstliche Koma versetzt.

Mittlerweile steht nach einem Coronatest im Krankenhaus fest: Alexander Kunz ist coronapositiv. Er darf keinen Besuch bekommen. Seine Familie ruft mehrmals am Tag im Klinikum an und erkundigt sich nach seinem Zustand. Auch Rosa Kunz und ihr Sohn werden positiv auf Corona getestet. Beide haben nur milde Symptome.

Corona in und um Kassel: Kunz hatte keine Vorerkrankungen

In einfachen Worten versuchen die Ärzte, der Familie zu erklären, wie es dem Vater geht. „Papas Lungen seien hart wie Stein, haben sie gesagt“, erinnert sich Nelli Kunz. Weil sich der Zustand ihres Vaters so schnell verschlechtert, kommt die Frage auf, ob er Vorerkrankungen hat. Seiner Familie ist nichts bekannt: „Er hat jeden Tag Sport gemacht, er hat keinen Alkohol getrunken und nicht geraucht.“

Im Februar hatte Alexander Kunz einen grippalen Infekt, er nahm Antibiotika. Nach zwei Wochen hustete er noch etwas, aber er ging wieder zur Arbeit. „Vielleicht hat da schon etwas nicht gestimmt, wir wissen es nicht“, sagt Rosa Kunz. Sie und ihr Mann sind in derselben Straße aufgewachsen, seit 38 Jahren sind sie ein Paar. Seit Alexander Kunz 2002 mit seiner Familie von Kasachstan nach Deutschland gekommen ist, arbeitet er im Verteilzentrum der Deutschen Post in Staufenberg, immer in der Nachtschicht – 18 Jahre lang. Die Arbeit ist für ihn wichtig. Auch an Feiertagen arbeitet er oft oder springt ein, wenn ein Kollege ausfällt – für ihn selbstverständlich.

Das Foto war das Lieblingsbild von Kunz – aufgenommen an Weihnachten 2019. Es zeigt Alexander Kunz (Mitte) mit seiner Familie: (von links) seine Tochter Nelli, die Enkelkinder Kiana und Milan, Ehefrau Rosa und sein Sohn Alexander, der denselben Namen trägt wie sein Vater.

Coronavirus im Landkreis Kassel: Fast drei Wochen liegt er im künstlichen Koma

Alexander Kunz trägt immer ein rotes Tuch um den Kopf. Das Bandana – sein Markenzeichen. Rot ist seine Lieblingsfarbe, so erinnern sich auch die Kollegen an ihn. Sie schreiben viele Briefe, um seine Familie in der schweren Zeit zu unterstützen. Sein Lachen, seine gute Laune, seine hilfsbereite und zupackende Art – er fehlt auch dort.

Fast drei Wochen liegt Alexander Kunz im künstlichen Koma. Als er im Juni wieder bei Bewusstsein ist, dürfen ihn seine Frau und seine Kinder mit Schutzausrüstung besuchen – eine Herausforderung. Wie wäre es, wenn sie jeden Tag kommen, damit er sich darauf verlassen kann, fragt der Arzt. Sie wechseln sich ab, ziehen Kittel und Maske an, tragen Handschuhe, so können sie dem Ehemann und Vater nah sein. Nelli Kunz hängt Bilder im Krankenzimmer auf, die ihr Vater vom Bett aus sehen kann. „Man hat uns gesagt, er schafft das. Er ist stark, er schafft das.“

Tatsächlich: Zwei Wochen nachdem ihn die Ärzte aus dem künstlichen Koma geholt haben, geht es Alexander Kunz besser: Er kann wieder selbstständig atmen, sitzt im Stuhl. Eine Reha ist Thema. „Jedes Mal, wenn wir da waren, war Papa froh. Sprechen konnte er noch nicht. Er hat mit dem Kopf genickt, den Daumen nach oben gestreckt und signalisiert, dass er kämpft und gut versorgt wird.“ Nelli Kunz fragt, ob ihr Vater seine Schwester sehen möchte, die in Bayern lebt. Er nickt, er weint vor Freude. Als seine Schwester kommt, blüht er auf.

Corona-Fälle für Deutschland am Freitag (26.02.2021)

Corona in der Region Kassel: Anfangs geht es ihm besser, dann immer schlechter

„Er hat immer versucht, uns etwas zu sagen“, sagt Nelli Kunz. Sie hat die Idee, das Alphabet auf Zetteln auszudrucken, und ihre Tante schreibt die Buchstaben auf, die Alexander Kunz zeigt. „Ich will nach Hause“, steht am Ende auf dem Papier – zwei Mal.

Am Tag darauf geht es Alexander Kunz wieder schlechter. Die Ärzte sagen, es sei ein Verlauf, wie er sich bei vielen Coronaerkrankten zeige. Wenn man glaubt, man ist über den Berg, fällt man aus oft unerklärlichen Gründen wieder zurück. Er bekommt Blutungen an verschiedenen Körperstellen. Weil immer mehr Organe versagen, übernehmen Geräte die Funktionen. Es bilden sich Risse in der Lunge, sodass Luft entweicht und sich zwischen Lunge und Brustwand sammelt.

Als Nelli Kunz im Krankenhaus anruft, sagt man ihr: „Wir wissen nicht, ob ihr Vater die Nacht übersteht.“ Die Tochter spürt, dass die Kräfte ihres Vaters schwinden. Als er am nächsten Tag seine geliebten Enkel Kiana und Milan im Video auf dem Handy sieht, wirft er ihnen Luftküsse zu, winkt – drei Mal. Kiana fängt an zu weinen. Alexander Kunz schließt die Augen. Alle merken, es ist ein Abschied, es geht ihm nicht gut.

Corona im Kreis Kassel: Krankenhaus-Zimmer nur mit Vollschutz betreten

Am folgenden Tag müssen Rosa Kunz und ihr Sohn drei Stunden warten, bis sie auf die Station können. Irgendetwas ist anders als sonst, aber es gibt keine Erklärung. Die Familie bleibt mit einem ratlosen Gefühl zurück. Am nächsten Morgen fahren sie schon um 7 Uhr zu dritt ins Klinikum. Dort erklärt ihnen der Arzt, dass man alles getan habe, was man konnte. Alexander Kunz liegt im Sterben. Seine Frau und seine beiden Kinder betreten wie seit Wochen schon das Krankenzimmer in Vollschutz. Sie tragen Schutzanzüge, Masken und Handschuhe. Heute ist die Familie froh, dass sie sich noch verabschieden konnte.

Das Herz von Alexander Kunz schlägt noch, die Funktionen der anderen Organe haben Maschinen übernommen. „Er wird nicht mehr mitbekommen haben, dass wir da waren“, sagt Nelli Kunz. Die Maschinen werden abgestellt. Die Tochter ist sich sicher, dass diese Entscheidung im Sinne ihres Vaters ist. Es dauert zwei Minuten, um 9.42 Uhr hört sein Herz auf zu schlagen.

Am Ende stehen 53 Diagnosen in der Krankenakte von Alexander Kunz. „Manchmal fragt man sich, warum gerade mein Vater es nicht geschafft hat“, sagt Nelli Kunz. „Man hat uns am Anfang viel Hoffnung gemacht. Aber die Krankheit ist neu, man wusste zu dem Zeitpunkt weniger als jetzt.“ Sie möchte nicht ständig weinen. Auch wenn es kaum eine Situation gibt, in der sie nicht denkt: Was würde ihr Vater jetzt sagen? Wie würde er die neue Wohnung einrichten? Oder was hätte er im Restaurant bestellt? Sein Parfüm ist allgegenwärtig, das Lied eines weißrussischen Künstlers, das er besonders mochte, noch immer im Ohr.

Corona im Landkreis Kassel: „Vergangenen Monate wie ein Horrorfilm“

Sie kann nicht nur traurig sein, auch ihrer Kinder wegen, sagt Nelli Kunz. „Aber die vergangenen Monate waren wie ein Horrorfilm, das wünscht man niemandem.“ Hinzu kommt die ständige Sorge vor dem Virus. „Ich will mich da nicht zu äußern“, sagt Nelli Kunz. „Es lässt sich kein richtig oder falsch benennen.“

Seiner Enkelin versprach Alexander Kunz, dass sie ein Kätzchen bekommen wird – seine Tochter war dagegen. Nach dem Tod des Großvaters fragt Kiana immer wieder – Opa habe es versprochen. Ihre Mutter gibt nach, auch weil sie den letzten Wunsch erfüllen möchte. „Ich hoffe, wir haben es so gemacht, wie er es gewollt hat.“ Vom ersten Tag an weicht die Katze Kiana nicht mehr von der Seite. Kiana sagt: „Das ist die Seele von Opa.“

Corona-Pandemie in Kassel: Bild mit Löwen-Motiv hängt in der Wohnung

Seit zwei Jahren hat sich Alexander Kunz immer ein Tattoo zum Geburtstag gewünscht. Am 9. August wäre er 58 Jahre alt geworden. Es hätte wieder ein Tattoo werden sollen. Auch wenn seine Kinder der Ansicht waren, dass das für einen Mann in seinem Alter ein eher ungewöhnliches Geschenk ist.

Einen Gepard und einen Bär hatte sich Alexander Kunz schon in die Haut stechen lassen. Jetzt sollte es ein Löwe werden, wie auf dem Bild, das seine Kinder ihm zum Vatertag schenken wollten. Er hat es nicht mehr sehen können. Es hängt jetzt in der Wohnung seiner Frau. Unter dem Löwen steht: „Für die Welt bist du nur ein Vater, für unsere Familie bist du die Welt.“ (Kathrin Meyer)

315 Corona-Tote in Stadt und Kreis

10.191 Menschen haben sich seit Beginn der Pandemie in Stadt und Kreis Kassel mit dem Coronavirus infiziert. 315 Erkrankte haben den Kampf gegen die Krankheit verloren – 136 in der Stadt, 179 im Kreis. Sie starben am oder mit dem Virus. Mit Corona heißt es, wenn die Todesursache nicht eindeutig feststellbar ist, aber nachgewiesen ist, dass die Verstorbenen mit dem Virus infiziert waren. (Stand: 25.02.2021)

Alle Informationen zu Corona in Kassel finden Sie im aktuellen News-Ticker.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.