Baunatalerin kann Freund in Chile nicht sehen

Paar über Monate durch Corona getrennt: „Gefühle fahren Achterbahn“

Am Strand in Algarrobo: Hannah Göbel aus Baunatal und ihr Freund Ignacio Rios, der in Santiago de Chile lebt.
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Am Strand in Algarrobo: Hannah Göbel aus Baunatal und ihr Freund Ignacio Rios, der in Santiago de Chile lebt.

Durch das Coronavirus sehen sich viele internationale Paare seit Monaten nicht. Eine Baunatalerin erzählt von ihrer Fernbeziehung mit einem Chilenen. Und wie sie die Zeit überbrücken.

Durch das Coronavirus sehen sich viele internationale Paare seit Monaten nicht. Eine Baunatalerin erzählt von ihrer Fernbeziehung mit einem Chilenen. Und wie sie die Zeit überbrücken.

Wegen des Coronavirus können sich viele internationale Paare nicht sehen. So geht es auch Hannah Göbel (25) aus Baunatal, deren Freund Ignacio Rios (27) in Chile lebt.

Frau Göbel, wie haben Sie die vergangenen Wochen erlebt?
Diese Ungewissheit macht einen fertig, sie greift einen psychisch und auch körperlich an. Eine Fernbeziehung lebt ein Stück weit auch von den Plänen, dass man sich bald wiedersehen kann. Man hat diesen Zeitpunkt, auf den man hinfiebert. Jetzt kann man nichts planen, man weiß nicht, wie es weitergehen soll. Dann hört man wieder etwas, die Hoffnung steigt, und dann kommt doch wieder ein Tief. Die Gefühle fahren Achterbahn.
Jetzt heißt es, dass ab heute die Einreise für binationale Paare wieder möglich sein soll?
Ja, unter bestimmten Kriterien ist die Einreise seit heute wieder möglich (siehe Hintergrund). Wir haben das Glück, dass wir diese erfüllen, und kümmern uns jetzt darum, dass Ignacio so schnell wie möglich nach Deutschland kommen kann.
Wie haben Sie sich kennengelernt?
Ich hab 2018 ein Auslandssemester in Chile gemacht. Nach einer Woche habe ich dort Ignacio kennengelernt. Zu dem Zeitpunkt konnte ich kaum Spanisch, er konnte kein Englisch oder Deutsch. Aber es hat bei uns so gefunkt, dass wir uns die ganzen sieben Monate, in denen ich dort war, immer getroffen haben. Wir haben, bevor ich zurück nach Deutschland geflogen bin, gesagt, dass wir es mit einer Fernbeziehung probieren wollen.
Und dann?
Ignacio hat mich an Weihnachten für vier Wochen in Deutschland besucht, das war für ihn das erste Mal, dass er in Europa war. Für mich war es schön, dass er ein bisschen von meiner Welt kennengelernt hat. Im April 2019 bin noch mal für ein halbes Jahr nach Südamerika geflogen, um meine Bachelor-Arbeit dort zu schreiben. In dieser Zeit haben wir zusammengewohnt. Das war auch für uns eine Testphase, um zu sehen, ob auch das funktionieren würde.
Wie war die Reaktion von Familie und Freunden, als Sie zusammengekommen sind?
Meine Eltern haben scherzhaft gefragt, ob ich mir nicht jemanden noch weiter weg hätte aussuchen können. Viele sagen, wir sind mutig, dass wir es auf die Entfernung probieren. In Bekanntenkreisen hört man aber oft: „Das klappt doch eh nicht“ oder „Das ist doch keine echte Beziehung“, das zieht einen gerade jetzt noch mehr runter. Eine Beziehung über eine Distanz heißt nicht, dass die Gefühle nicht da sind.
Gab es Punkte, wo Sie an der Beziehung gezweifelt haben?
Nein, wir waren uns da immer sicher, auch jetzt gab es keine Zweifel. Corona hat uns enger zusammengebracht, aber wir mussten an unserer Kommunikation arbeiten. Wenn man nicht mehr rausgeht und Freunde trifft, gibt es deutlich weniger, was man dem anderen erzählen kann. So besteht die Gefahr, dass man sich im Alltag verliert. Aber wir haben zum Beispiel per Videoanruf gekocht oder wir haben zusammen Filme geschaut. Das, was in einer normalen Beziehung selbstverständlich ist, haben wir versucht, online umzusetzen. Die Zeitverschiebung ist da eine Herausforderung. Natürlich gab es auch den einen oder anderen Konflikt – die Kulturen sind eben sehr unterschiedlich.
Was ist der spürbarste Unterschied zwischen Chile und Deutschland?
Am Anfang fiel es mir dort schwer, zu planen, also was Freizeitaktivitäten angeht. Chilenen haben tausend Pläne für die Woche und das Wochenende, aber meistens wird davon nur maximal einer umgesetzt. Ich habe immer gedacht: Wie schaffen wir das, alles umzusetzen? Ich habe immer gedacht: Wie ist das alles möglich? Dann habe ich festgestellt, dass man in Chile wesentlich spontaner ist. Alle sagen, sie wollen was machen, dann wird wochenlang nicht mehr drüber geredet und auf einmal ist in einer Stunde ein Wochenendtrip geplant und es geht los.
Wie gefiel es Ignacio in Deutschland?
Ignacio hat mir erzählt, dass er immer gehört hat, dass die Deutschen kalt und distanziert sind. Er war überrascht, als er hier war, wie freundlich er begrüßt wurde und wie viel Mühe sich dann alle gegeben haben, um ihm seinen Aufenthalt hier so schön wie nur möglich zu machen.
Wie sollte es eigentlich weitergehen?
Ich hatte Geld gespart und konnte im Februar noch mal nach Chile fliegen.
Das war kurz vor Corona?
Ja. Ich muss allerdings ehrlicherweise sagen, dass Corona da für mich noch gar kein Thema war. Ich bin Ende Februar noch problemlos wieder nach Deutschland gekommen. Aber eigentlich ist die Situation komplizierter.
Inwiefern?
Ich war im Februar so glücklich in Chile, dass ich überlegt hatte, mein Studium von dort weiterzuführen und nebenbei im Tourismus zu arbeiten. Ich habe einen Bachelor-Abschluss in Tourismusmanagement. Da hätten die Chancen gut gestanden, dass ich einen Job gefunden hätte.
Und dann kam Corona ...
... und hat meine Pläne auf den Kopf gestellt. Die Grenzen wurden geschlossen. Ich hätte niemals gedacht, dass so etwas passieren kann. Ich bin in einer globalen Welt aufgewachsen. Dass ich meinen Freund nicht besuchen kann, fühlt sich noch immer surreal an. Ignacio hatte gesagt, dass er im Frühjahr nach Deutschland kommen wollte, um mich und meine Familie zu sehen und kennenzulernen. Sein letzter Aufenthalt dauerte ja nur vier Wochen. Die Frage, wo man später wohnen will, ist eine große Entscheidung, die mit vielen Emotionen verbunden ist. Ich kenne Chile sehr gut. Aber mein Freund war bislang nur einmal in Europa. Ich hatte die Hoffnung, dass er so Kassel kennenlernt und sich ein besseres Bild von Europa verschafft.
Wo Sie leben wollten, war noch nicht entschieden?
Nein. Die politische Situation in Chile ist schwierig. Deshalb wäre es für mich im Moment vom Gefühl her besser, dass wir in Europa bleiben. Das Problem ist, dass Ignacio nur Spanisch spricht. Er wäre offen für Deutschland, aber für den Anfang wäre es einfacher, wenn wir erst mal nach Spanien gehen würden, da ich fließend Spanisch spreche. Aber Deutschland hat so viele Qualitäten, dass wir uns das durchaus auch vorstellen könnten. Wir sind offen für alle drei Länder – Chile, Deutschland oder Spanien.
Wie ist es bislang mit Aufenthaltserlaubnissen?
Normalerweise dürfte jeder von uns als Tourist 90 Tage im anderen Land bleiben. Man könnte sich auch auf ein Visum bewerben, es gibt eine Art Aufenthaltserlaubnis für Personen, die arbeiten und reisen, aber das Beantragen ist im Moment nicht möglich, weil die Konsulate wegen Corona geschlossen sind.
Was wäre eine Lösung?
Viele Länder haben eine sogenannte „Sweetheart-Regel“ beschlossen, mit der unverheiratete Paare sich trotz Corona sehen können. Es geht nicht um Massentourismus. Es geht um ein paar tausend Menschen, die bereit sind, sich an entsprechende Regeln zu halten. Wenn ich sehe, wie Menschen ohne Maske demonstrieren oder wie am Ballermann gefeiert wurde, ist es für mich schwierig, da Verständnis zu zeigen.
Was hilft Ihnen in dieser Zeit?
Ich verbringe viel Zeit damit, Beiträge in Facebook-Gruppen zu lesen. Zu sehen, dass man nicht die Einzige ist, daraus ziehe ich Kraft. Ich bin in einer Situation, die nicht jeder versteht. Meine Eltern und Freunde fühlen mit mir, aber wenn man das nicht lebt, kann man das nicht nachvollziehen. Ich glaube trotzdem, dass wir noch zu den glücklichen Paaren gehören. Ich habe von Eltern gehört, die ihre Kinder über Monate nicht sehen können oder von Vätern, die die Geburt ihres Kindes nicht miterleben konnten.(Von Kathrin Meyer)

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