„Die Viren haben auf der Lauer gelegen“

Kinderarzt Dr. Gerhard Bleckmann aus Großenritte berichtet über Praxisalltag während Corona

 Kinderarzt Dr. Gerhard Bleckmann aus Baunatal-Großenritte in einem Praxiszimmer
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Hatte in den vergangenen Monaten viel zu tun: Kinderarzt Dr. Gerhard Bleckmann, der seine Praxis in Großenritte führt.

Ärzte und Medizinische Fachangestellte haben anstrengende Monate hinter sich. Auch Kinderärzte haben aktuell viel zu tun – Infekte, Corona und die Schutzimpfungen haben sie teilweise an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen lassen.

Baunatal – Im Altkreis Kassel gibt es nur drei Kinderarztpraxen und elf Kinderärzte – in Baunatal, Lohfelden und Vellmar. In Kassel praktizieren 21 Kinderärzte. Laut Kassenärztlicher Vereinigung (KV) gelten Stadt und Landkreis Kassel damit als überversorgt. Der Alltag in den Kinderarztpraxen zeichnet allerdings ein anderes Bild.

Die Kinder- und Jugendarztpraxis Bleckmann in Großenritte blickt auf lange Arbeitstage, Überstunden, eine Flut von E-Mails und unzählige Anrufe von Eltern zurück. Im aktuellen Quartal (Oktober bis Dezember) hatte die Praxis bereits am 30. November schon mehr Patienten behandelt, als jemals zuvor in diesem Jahreszeitraum.

„Das Ganze hat pünktlich mit der Öffnung der Kindergärten und Schulen im Sommer begonnen“, sagt Dr. Gerhard Bleckmann, einer von vier Ärzten im Team der Großenritter Praxis. Für den 67-Jährigen war dies keine Überraschung: „Die Viren haben während des Lockdowns alle auf der Lauer gelegen. Die Kinder, die vorher noch nicht in einer Einrichtung betreut wurden, haben am Infektionsgeschehen bis dahin nicht teilgenommen. Sie haben also keine Chance gehabt, Abwehrkräfte gegen bestimmte Viren zu bilden.“

Unter anderem das RS-Virus und die Hand-Mund-Fußkrankheit haben die Ärzte beschäftigt. „Das sind beides an sich keine schlimmen Krankheiten“, sagt Bleckmann. „Aber das RS-Virus zum Beispiel kann für Frühgeborene und Kinder mit schweren Herzfehlern gefährlich sein.“ Eine Krankenhausbehandlung sei deshalb manchmal unumgänglich.

Anders als in den vergangenen Jahren sei das RS-Virus dieses Jahr schon ab August ein Thema gewesen. „Normalerweise ist das erst ab November der Fall“, sagt der Kinderarzt.

Die vielen Infekte, Corona und die Corona-Schutzimpfung haben dem Praxisteam viel abverlangt, sagt Bleckmann. Teilweise seien bis 20 Uhr Notfalltermine vergeben worden. „Bis man dann hier raus ist, ist es halb neun.“

Gerade, wenn sich eine neue Situation auftue, müsse sich das Team erst mal sortieren und die Abläufe anpassen. „Das braucht manchmal etwas Zeit.“ Zum Beispiel arbeitete die Praxis bisher gut mit dem E-Mail-System: Eltern schicken eine E-Mail, in der sie beschreiben, was ihr Anliegen ist. So können die Medizinischen Fachangestellten die Fälle priorisieren. Seit einigen Monaten bekommen Eltern aber auf eine E-Mail die automatische Antwort, dass die Mitarbeiter vorrangig das Telefon besetzen und die schriftlichen Anfragen wegen des hohen Aufkommens nicht zeitnah beantwortet werden können.

„Das soll auch wieder anders werden, weil das immer gut funktioniert hat“, sagt Bleckmann. „Aber die Situation hatte es erfordert, dass die Mitarbeiter am Telefon sitzen, um die Wartezeit für die Eltern nicht noch länger werden zu lassen.“ Sechs Leitungen gibt es – sind die alle belegt, hören die Anrufer das Besetztzeichen.

Ein Beispiel: Am 6. Oktober hatten die Praxismitarbeiter von 8.15 bis 12 Uhr 107 Telefonanrufe angenommen. Damals schrieb das Team auf seiner Facebook-Seite „Die aktuelle Situation verlangt von uns alles. Die Zahl der akut kranken Kinder ist mehr als enorm.“

Gerade habe sich die Situation ein wenig entspannt. „Zum Ende vergangener Woche wurde es ruhiger“, sagt Bleckmann. „Doch diese Aussage gilt jetzt. Ich bin sicher, dass es sich nur um eine Pause handelt.“

Über die Feiertage durchatmen, können nicht alle Mitarbeiter. Denn die Praxis bleibt durchgehend geöffnet – wie auch im Sommer schon. „Schließungen finde ich überholt. Das ist alles eine Sache der Organisation“, sagt Bleckmann. Der Verwaltungsaufwand, der damit einhergehe, sei am Ende größer als der Nutzen. (Theresa Novak)

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