Azubis mit Drohnen und ohne Notizzettel

Digitaler Wandel bei VW in Baunatal könnte klassische Jobs gefährden

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Sie lernen mit dem Tablet: links Max Schmidt (von links), Daniel Reinhardt und Dominik Hillwig sind im ersten Ausbildungsjahr bei den Mechatronikern. Im Labor kann das Bild vom iPad auf einen großen Bildschirm übertragen werden.

„Ab 2021 haben alle Azubis bei Volkswagen Kassel iPads.“ Dieser Satz von Jens Dembowski, Leiter der VW-Akademie in Baunatal, macht deutlich, wie weit die Digitalisierung im Automobilbau fortgeschritten ist.

Jeder der 700 jungen Lehrlinge, die in der Akademie im Baunataler VW-Werk in drei Lehrjahren Berufe wie IT-Systemelektroniker, Zerspanungsmechaniker und Fachkraft für Lagerlogistik erlernen, ist zum Ausbildungsstart mit dem digitalen Arbeitsgerät ausgestattet worden. Ohne Tablet läuft bei den Azubis nichts mehr. Eine Folge des Wandels: Einige klassische Metallberufe könnten bald wegfallen.

Azubis wachsen mit neuen Geräten auf 

Den Trend zum Einsatz digitaler Technik in der Ausbildung, bei der Fertigung von Direktschaltgetrieben und E-Motoren sowie bei der Wartung und Einrichtung computergesteuerter Maschinen bestätigen auch Max Schmidt, Daniel Reinhardt und Dominik Hillwig. Alle drei sind im ersten Lehrjahr im Beruf des Mechatronikers. „Wir sind damit aufgewachsen“, sagt Reinhardt. Und Schmidt ergänzt: „Man gewöhnt sich so daran, dass es auch auf dem Lernfeld nicht mehr ohne geht.“ Der 20-Jährige aus Kassel meint damit, dass Auszubildende und Ausbilder nicht mehr unbedingt alle Dinge in der Halle der Akademie ausprobieren müssen, sondern Einiges viel einfacher auf dem Tablet erledigen und darstellen können. Von jedem iPad aus könne man das Bild mit Schaltkreisen und Bauplänen auf einen großen Bildschirm übertragen. „Das kann sich dann die ganze Klasse anschauen“, sagt Schmidt.

Aufgaben in der Metallverarbeitung fallen weg 

Die klassischen Ausbildungsberufe bei VW seien wegen der Digitalisierung im Wandel, betont Jens Dembowski. „Auch die IHK schaut sich regelmäßig die Berufe an und novelliert diese.“

Natürlich müsse die Metallverarbeitung mit Berufen wie Zerspanungsmechaniker und Gießereimechaniker erhalten werden, sagt der Akademieleiter weiter. Aber weil die 4000 Maschinen im Baunataler Werk zunehmend über Fernwartung kontrolliert werden und Fehler analysiert werden könnten, fielen Aufgaben weg. So integriere man beispielsweise Teile der Ausbildung des Werkzeugmechanikers in den Bereich Industriemechaniker. Zudem entwickeln sich völlig neue Ausbildungsberufe. Ab 2020 werden in Baunatal neun Plätze für „Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung“ angeboten. Jüngst hatte man das Feld des „IT Systemelektronikers“ geschaffen.

"Kann sein, dass wir uns von alten Berufen trennen müssen"

Ob es aufgrund dieser Entwicklung bei der Zahl von 1400 Auszubildenden, die jedes Jahr in den deutschen VW-Werken eingestellt werden, bleibe, sei nicht klar, erläutert der stellvertretende Akademieleiter Andreas Reiss. „Das wird sich verändern“, sagt er. „Es kann sein, dass wir uns von alten Berufen trennen müssen.“ Ein weiterer Grund für das Umdenken ist sicherlich, dass für den Bau von Elektroautos insgesamt weniger Mitarbeiter bei Volkswagen benötigt werden. VW-Vorstand Herbert Diess sprach kürzlich von rund 30 Prozent weniger Aufwand gegenüber dem Bau von Autos mit Verbrennungsmotor. Deshalb wolle VW in den Bereich IT investieren, betont Jens Dembowski. Jüngst erst sei vom Vorstand mit der Roadmap die Schaffung von 2000 zusätzlichen Arbeitsplätzen im Bereich der Digitalisierung beschlossen worden.

34 statt 48 Azubis

JensDembowskiLeiter der VW Akademie in Baunatal

Dass wegen des Wandels bei den Antrieben und der fortschreitenden Digitalisierung langfristig weniger Personal gebraucht wird, sehen auch die Leiter der VW-Akademie in Baunatal. Erstmalig stelle man im September im bisher stärksten Lehrberuf „Fachkraft für Lagerlogistik“ weniger junge Leute ein, so Dembowski. Bisher seien immer 48 Azubis in diesem Zweig gestartet, „jetzt sind es nur noch 34“. Zunehmend kämen in den Lagern Greifer, Drohnen und fahrerlose Transportsysteme zum Einsatz, erläutert er. „Ich brauche künftig keine Staplerfahrer mehr“, ergänzt Reiss.

Und dann kommt Azubi Dominik Hillwig noch mal auf das iPad als ständigen Begleiter zu sprechen. Notizzettel gehörten der Vergangenheit an, sagt er und deutet auf den digitalen Helfer. „Da habe ich alles immer dabei.“

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