Serie "Heimliche Helden"

Ehepaar aus Baunatal nahm vor 15 Jahren schwerbehindertes Kind bei sich auf

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Seit 15 Jahren eine Familie: Hedwig und Christof Matthias mit ihrem Pflegesohn Kevin in ihrem Garten in Altenritte.

Ein Ehepaar aus Baunatal hat vor 15 Jahren ein schwerbehindertes Kind bei sich aufgenommen. Dann erkrankte es an Leukämie.

Auf der Rückseite seines Rollstuhls steht „Born to be“, wörtlich: „Geboren, um zu sein“. Tatsächlich ist es keine Selbstverständlichkeit, dass Kevin, geboren mit einem seltenen Gendefekt und rund um die Uhr auf Pflege angewiesen, in diesem Jahr mit seinen Pflegeeltern Hedwig und Christof Matthias aus Baunatal seinen 18. Geburtstag gefeiert hat. Als Kevin drei Jahre alt war, wurde bei ihm Leukämie diagnostiziert.

Zu dieser Zeit war er bereits ein halbes Jahr bei den Matthias, jedoch eigentlich nur übergangsweise. Über das Kasseler „Kinderheim Kleiner Holzweg“ hatte das Ehepaar als Bereitschaftspflegeeltern schon vor Kevin immer wieder Kinder und Jugendliche bei sich aufgenommen, bis eine Familie zur Dauerpflege gefunden werden konnte. Kevin allerdings war ein spezieller Fall.

Für Kevin fand sich keine Pflegefamilie

Aufgrund seiner Behinderung kann Kevin weder laufen noch sprechen. Er ist bei allem auf Hilfe angewiesen – inklusive Körperhygiene. Durchschnittlich sechs Mal am Tag muss ihm die Windel gewechselt werden – auch heute noch. Nachdem seine Großmutter, bei der Kevin zuvor lebte, während eines Krankenhausaufenthalts gestorben war, kontaktierte das Jugendamt den „kleinen Holzweg“ – und dieser wandte sich an die gelernte Kinderkrankenschwester Hedwig Matthias und ihren Mann.

Sechs Monate später hatte sich noch immer keine Pflegefamilie für Kevin gefunden. Dann die Diagnose: Blutkrebs. „Damit war die Chance, jemanden für Kevin zu finden, gleich Null“, sagt Hedwig Matthias. Das Ehepaar stand vor der Wahl, Kevin in ein Heim zu geben oder ihn bei sich zu behalten. 

„Wir fragten uns, wie man als Familie leben soll, mit einem schwerbehinderten Kind“, sagt Hedwig Matthias. Für sie und ihren Mann Christof sei es aber „unmöglich gewesen, Kevin in dieser Phase wieder abzugeben“. Die Matthias entschieden sich, die Dauerpflege für Kevin zu übernehmen. „Das war nicht unsere Lebensplanung, aber es war unser Weg“, sagt Hedwig Matthias.

Die Leukämie besiegt - So lebt Kevin heute

Heute, 15 Jahre später, gilt die Leukämie als geheilt. Kevin hat gelernt, selbst mit dem Rollstuhl zu fahren. Das Ehepaar Matthias hat ihm sogar beigebracht, eine Gabel zum Mund zu führen. Viel mehr als solch motorische Erfolge imponiert seinen Pflegeeltern aber Kevins Persönlichkeit: „Er ist immer positiv, wach und will am Leben teilnehmen“, sagt Hedwig Matthias. „Er kann nicht reden, aber wir verstehen ihn“, sagt Christof Matthias. Und: „Der Blick auf das Leben, den Kevin uns gelehrt hat, ist zutiefst sinnstiftend.“

Vor 30 Jahren hat das Ehepaar Matthias (beide 61) den Verein Team.F gegründet. Basierend auf christlichen Werten bieten sie mit der Unterstützung von deutschlandweit rund 1000 Ehrenamtlichen (etwa 50 davon im Raum Kassel) Seminare und Beratung zu den Themen Kindererziehung, Ehe und Familie an.

Kevin soll eigene Wege gehen

Zur Familie Matthias gehören auch noch drei leibliche Kinder, die inzwischen 35, 33 und 29 Jahre alt sind und selbst Familien haben. „Unsere Kinder standen damals alle hinter der Entscheidung, sie lieben Kevin.“ Doch diese Entscheidung brachte auch Opfer mit sich. Seit 15 Jahren konnten Hedwig und Christof Matthias abends nichts mehr unternehmen. Auch als Familie zusammenzukommen, war schwierig. Zwei ihrer Kinder leben in den USA, ein weiteres in den Niederlanden. „Wir brauchten immer eine Übergangspflege für Kevin, wenn wir unsere anderen Kinder besuchen wollten“, sagt Hedwig Matthias.

Das hat sich nun geändert. Seit Kevin im Februar volljährig wurde, lebt er in einer Dauerpflegeeinrichtung in Reichensachsen (Werra-Meißner-Kreis). Dort ist er in Kontakt mit anderen behinderten Kindern und Jugendlichen, geht mit ihnen zur Schule. In den Ferien und an einem Wochenende im Monat holen die Matthias ihn zu sich nach Hause nach Altenritte.

Kevin soll seine eigenen Wege gehen. Ihn gehen zu lassen, fiel den Matthias schwer. „Aber wir müssen den Abschied verkraften, und wir müssen Kevin das zumuten“, sagt Hedwig Matthias. Denn: „Wir werden älter, sind in der Großelternphase, irgendwann wird er von uns Abschied nehmen müssen.“ Das sieht auch Christof Matthias so: „Das Leben ist immer auch ein Loslassen.“

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