Reiseerinnerung

Späterer Kaiser begrüßte Baunatalerin in Japan per Handschlag

Heidi Tölke-Weitzel mit einem Fächer in ihrem Haus.
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Erinnert sich gern an ihren Japan-Aufenthalt zurück: Im Haus von Heidi Tölke-Weitzel finden sich überall kleine Hinweise darauf, dass sie das asiatische Land lieb gewonnen hat.

In diesem Sommer, in dem Urlaub coronabedingt nicht ohne Einschränkungen möglich ist, sammeln wir in unserer Serie besondere und auch skurrile Reiseerlebnisse. Diesmal Heidi Tölke-Weitzel über ihre Japan-Reise.

Baunatal – Als sich Heidi Tölke-Weitzel im Oktober 1971 in den Flieger Richtung Japan setzt, ahnt sie noch nicht, dass diese Reise die wohl prägendste ihres Lebens werden wird. Die Seniorin aus Baunatal ist damals 25 Jahre alt, hat soeben ihr Studium beendet und arbeitet jetzt als Sport- und Musiklehrerin. Die japanische Kultur ist ihr völlig fremd – bis sie Teil einer deutschen Sportjugend-Delegation wird, die die Bundesrepublik fünf Wochen lang in Fernost vertreten soll. „Das war unglaublich. Kaum einer konnte Anfang der 1970er-Jahre einfach mal so nach Japan reisen“, sagt die heute 74-Jährige.

Nach einem Einführungskurs in Frankfurt, wo ihr die japanische Etikette nähergebracht wird und sie erste Vokabeln lernt, geht es mit über 130 weiteren jungen Frauen und Männern nach Tokio. Dort lebt Tölke-Weitzel zunächst vier Tage bei einer japanischen Gastfamilie. „Wir haben uns auf Englisch verständigt, es war ein unglaublich tolles Zusammenleben“, erzählt sie.

Reise nach Japan: Baunatalerin lernte mit Stäbchen zu essen

Statt mit Messer und Gabel isst die Lehrerin fortan mit Stäbchen. Vor jedem Betreten des Hauses zieht sie ihre Schuhe aus und dreht diese so, dass sie beim Herausgehen direkt wieder in sie hineinschlüpfen kann. „Das macht man in Japan so“, sagt Tölke-Weitzel, die als europäische Frau mit einer Körpergröße von über 1,70 Meter und ihren blonden Haaren sofort auffällt.

„Meine Gastmutter hat mich schon gewarnt, dass ich wohl überall angesehen werde“, sagt die Japan-Reisende, der ein Erlebnis ganz besonders in Erinnerung geblieben ist: „Ich bin auf einer Rolltreppe in ein Restaurant gefahren. Als ich oben angekommen bin, haben alle Japaner geklatscht. Und das nur, weil ich eine deutsche Frau bin.“ Solch eine Höflichkeit, aber auch Disziplin, wie sie die Japaner besitzen, habe sie anderswo nie wieder erlebt. „Die Menschen dort machen einem das Leben wirklich einfach, selbst bei Fehlern sind sie immer höflich. Sie hegen keinen Groll“, sagt Tölke-Weitzel.

Die Japan-Reise führt die deutsche Sportjugend-Delegation von Tokio unter anderem nach Osaka, Kyoto und Nara. Dort besichtigen sie Tempelanlagen und Schreine, besuchen Schulen und machen Musik mit den Einheimischen. „Ich habe dort Kinder gesehen, die mit fünf Jahren bereits Geige gespielt haben“, berichtet Tölke-Weitzel von ihren Eindrücken. Besonders skurril: Als sie mit ihrer Delegation einigen Japanern das deutsche Volkslied „Sah ein Knab’ ein Röslein steh’n“ vorträgt, stimmen diese mit ein – auf Deutsch. „Die haben alle Strophen mitgesungen. Und das viel textsicherer als wir. Dieses Lied scheint in Japan ein echter Hit zu sein“, sagt Tölke-Weitzel und lacht.

Wartet auf den Handschlag des späteren japanischen Kaisers Akihito (vorn): Heidi Tölke-Weitzel (rechts).

In jeder Stadt werden die deutschen Sportler vom Bürgermeister und anderen hochrangigen Politikern persönlich begrüßt. Der Höhepunkt: Kurz vor der Rückreise nach Deutschland darf Tölke-Weitzel in den Kaiserpalast, trifft dort den damaligen japanischen Prinzen und späteren Kaiser Akihito. „Ich war total aufgeregt, aber er ist wirklich nett. Er hat mich per Handschlag begrüßt und mich dann gefragt, ob in Deutschland alle Frauen so groß und blond wären“, erinnert sie sich an die Begegnung.

Reise nach Japan: Weitere Überraschung am Flughafen in Tokio

Zurück am Flughafen in Tokio wird die junge Frau ein weiteres Mal überrascht: Die Gastfamilie, bei der sie vier Tage gelebt hat, ist extra zum Flughafen gekommen, um sich von ihr zu verabschieden. „Das ist jetzt 49 Jahre her, ich habe noch nicht mal eine Woche dort gewohnt und dennoch gibt es zwischen uns bis heute Kontakt. Wir schreiben uns zum Geburtstag und zu Weihnachten, rufen uns an. Ich kenne diese Familie länger als meinen Ehemann“, sagt sie.

Die Reise nach Japan habe die Seniorin nachhaltig geprägt: „Ich traue mir seither viel mehr zu, bin offener. Das war eines meiner schönsten Reiseerlebnisse, eine wunderbare Zeit.“ (Pascal Spindler)

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