„Ein Segen für Bahnanlieger“

Neues Gesetz: Güterzüge müssen seit dieser Woche Flüsterbremsen haben

Durchfahrt durch Guntershausen: Dieser schwere Güterzug rollt durch den Baunataler Stadtteil. Hier gibt es seit Längerem Beschwerden über den Bahnlärm. Der Einsatz des neuen Bremssystems könnte für eine Verbesserung der Situation sorgen.
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Durchfahrt durch Guntershausen: Dieser schwere Güterzug rollt durch den Baunataler Stadtteil. Hier gibt es seit Längerem Beschwerden über den Bahnlärm. Der Einsatz des neuen Bremssystems könnte für eine Verbesserung der Situation sorgen.

Mit dem Fahrplanwechsel der Bahn zu Beginn dieser Woche könnte sich auch für die vom Bahnlärm geplagten Menschen im Landkreis Kassel eine Verbesserung ergeben.

Baunatal – Ab sofort dürfen auf deutschen Bahnstrecken laut Gesetz nur noch Güterwagen mit sogenannten Flüsterbremsen rollen. In Baunatal-Guntershausen zum Beispiel regte sich in den vergangenen Monaten deutlicher Widerstand gegen die Beschallung des Ortes vor allem durch den Güterzugverkehr.

„Das Verschwinden der alten gusseisernen Klotzbremsen ist ein Segen für die Bahnanlieger“, sagt der Guntershäuser Bahnexperte Klaus-Peter Lorenz. Die neuen Flüsterbremsen und ein ordentlicher Oberbau wie gepflegte Gleise seien ein wichtiger Beitrag zur Lärmvermeidung im Eisenbahnbetrieb.

Die moderne Bremssohle besteht aus Komposit-Materialien. Sie soll nach Meinung von Experten den Schienenlärm gegenüber der Verwendung von Grauguss-Bremsklötzen um acht bis zehn Dezibel mindern. Das werde von Menschen als Halbierung des Geräuschpegels wahrgenommen.

Lorenz sieht im Einsatz des neuartigen Bremssystems allerdings auch einen Nachteil. „Leider stehen sie im Ruf, die lauten Flachstellen an den Rädern, die in festgebremste Radsätze eingeschliffen werden, auch nicht wieder abzuschleifen“, sagt er. Sprich: In die Räder werden beim Bremsen Flachstellen eingeschliffen. Die alten Grauguss-Anlagen haben diese wieder rund geschliffen.

Lorenz hofft darauf, dass die Flüsterbremsen nach der gesetzlichen Vorgabe in Deutschland bald auch in allen anderen europäischen Wagen eingesetzt werden müssen. Er beobachte beispielsweise „viele schwere mit Kohle beladene Wagen aus Polen und der Slowakei“ bei der Durchfahrt durch den Bahnhof Guntershausen.

Der Bahnexperte sieht neben dem Verbot der Guss-Bremsen aber noch weitere Ursachen, die für Bahnlärm in Guntershausen sorgen: „Andere Lärmquellen bleiben bestehen, so besonders die Zwangsbremsungen auf dem hohen Bahndamm über den Dächern des Dorfes Guntershausen“, sagt Lorenz. Und: Es gebe abgefahrene Weichen, die ein Poltern auf der Bahnunterführung verursachten. Außerdem verstärke sich die Lärmausbreitung im Bahnhofsbereich durch eine immer höhere Durchfahrgeschwindigkeit der Züge. Und nicht zuletzt bemängelt er das Reiben der Radsätze in der engen Kurve der Main-Weser-Bahn in der Steigung von Grifte in den Bahnhofsbereich Guntershausens.

Lorenz hält deshalb den Aufbau von Lärmwänden für die beste Lösung. „Baulicher Lärmschutz ist das einfachste und nachhaltigste Mittel gegen die Ausbreitung dieses Lärms“, sagt er. Es bleibe eine Ungerechtigkeit, die nicht zu verstehen ist, dass im Aus- und Neubau selbst wenig befahrener Nebenbahnen Lärmschutz mit hohem Aufwand gebaut wird, „während die Bestandsstrecken südlich Kassels, die ein Vielfaches der Verkehrslast tragen, über Jahrzehnte leer ausgehen.“ So bekomme die geplante Kurve Kassel bei Vellmar sicher „Lärmschutz vom Feinsten“, vermutet der Guntershäuser.

Auf zwei anderen Ebenen, mit denen Baunataler mehr Lärmschutz an den beiden Bahnlinien bei Guntersghausen erreichen wollten, tut sich bislang wenig.

Eine von der SPD auf den Weg gebrachte Petition an den Bundestag liegt offenbar auf Eis. „Zumindest lägen schonmal die Stellungnahmen der Behörden vor, so Klaus-Peter Lorenz. „Das dauert alles sehr lange.“

Auch war der Bahnabschnitt seit Jahren im Lärmaktionsplan des Eisenbahnbundesamtes enthalten. Die heutige Bürgermeisterin Silke Engler war in einer Stellungnahme im Stadtparlament 2018 nach Gesprächen mit der Bahn noch davon ausgegangen, dass die Planungen für Lärmschutz 2020 und der Aufbau dann 2023 beginnen werden.

Anfang 2020 teilte das Rathaus aber mit, dass Baunatal in der Priorität zurückgestuft worden sei. Daran hat sich laut Stadtsprecherin Susanne Brätigam bis heute nichts geändert.

Rollgeräusche sind entscheidend

Entscheidend für die Lärmemissionen eines Zuges seien die Rollgeräusche, die zwischen Rad und Schiene entstehen, heißt es beim Forum „Allianz pro Schiene“. Je glatter die Oberflächen seien, desto geringer seien die Rollgeräusche. „Während bei jedem Bremsvorgang mit Grauguss-Bremssohlen die Laufflächen der Räder aufgeraut werden, bleiben bei der Flüsterbremse die Räder glatt.“ Deshalb verursachten Güterzüge mit Flüsterbremsen während der Fahrt und bei Bremsvorgängen weniger Lärm. In diesem Zusammenhang spreche man von lauten und leisen Güterwaggons. (Sven Kühling)

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