„Wir wussten nicht, wo wir hingehen“

Mädchen flüchtete aus Afghanistan und kämpfte um Lehre bei VW in Baunatal

Macht eine Ausbildung im Baunataler VW-Werk: Sidika Rahimi ist im zweiten Lehrjahr zur Fachkraft für Lagerlogistik. Die 20-Jährige rät auch anderen Migranten, engagiert die deutsche Sprache zu lernen.
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Macht eine Ausbildung im Baunataler VW-Werk: Sidika Rahimi ist im zweiten Lehrjahr zur Fachkraft für Lagerlogistik. Die 20-Jährige rät auch anderen Migranten, engagiert die deutsche Sprache zu lernen.

Von der Flüchtlingswelle 2015 mitgerissen kämpfte sich Sidika Rahimi hoch bis in eine feste Ausbildung im VW-Werk Kassel in Baunatal.

Kassel/Baunatal - Wenn Sidika Rahimi die Bedeutung ihres Vornamens aus ihrem Heimatland Afghanistan übersetzt, dann kann der Zuhörer schon den Willen und den Charakter der jungen Frau erahnen. Sidika heiße „Die aufrechte Frau, die die Wahrheit sagt“. Im Alter von 15 flüchtete sie vor dem Krieg – zunächst mit ihren Eltern, später nur noch mit ihrem 18-jährigen Bruder und ihrer achtjährigen Schwester weg aus einer ländlichen Region Afghanistans in Richtung Europa.

„Wir wussten nicht, wo wir hingehen“, erinnert sich die 20-Jährige an den Weg über den Iran in die Türkei. Irgendwann sei sie aufgrund der Wirren von den Eltern getrennt gewesen, berichtet Rahimi. „Wir sind dann von der Türkei alleine losgefahren, ohne zu wissen, ob wir überhaupt ankommen.“ Über die so genannte Balkanroute über Griechenland kamen die Kinder irgendwann in Frankfurt an. Ihre kleine Schwester Parvane (übersetzt: Schmetterling) habe sie immer an der Hand gehalten. „Ich wollte auf keinen Fall, dass wir getrennt werden.“

Später wurden die Kinder in die Erstaufnahme für Flüchtlinge nach Calden in den Landkreis Kassel gebracht. Nach etwa fünf Monaten, erinnert sich Sidika Pahimi heute, seien sie nach Wolfhagen in die Pommeranlage verlegt worden. Und dann trat für sie und Schwesterchen Parvane ein Glücksfall ein.

Jan-Peter Roloff, Businesspartner im Personalwesen bei VW in Baunatal, interessierte sich für das Schicksal der Flüchtlinge. „Das hat uns sehr betroffen gemacht“, sagt der Altenbaunaer rückblickend. Seine drei Töchter seien bereits aus dem Haus gewesen. „Wir hatten drei leere Kinderzimmer“, betont Roloff. Nach längeren „guten Gesprächen“ mit dem Jugendamt des Landkreises und viel Papierkram mit anderen Behörden hätten Sidika und Parvane bei ihnen einziehen können.

„Ich konnte nur ein paar Brocken Deutsch sprechen“, erinnert sich die junge Afghanin. „Wenn man das aber versucht, dann lernt man das“, ergänzt sie noch selbstbewusst in fließendem Deutsch.

Zwei Jahre ging Sidika zur Friedrich-List-Schule in Kassel. Nach einer Qualifizierung bei VW in Baunatal bewarb sie sich auf eine richtige Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik. Dann habe sie das ganz normale Bewerbungsverfahren durchlaufen, betont Jan-Peter Roloff. „Ich wollte auf meinen eigenen Füßen stehen“, ergänzt Sidika. Das gelingt nun auch: Im September 2019 konnte sie mit einer Ausbildung im Original-Teile-Center (OTC) von Volkswagen anfangen.

Heute ist die Migrantin wie selbstverständlich in die Gesellschaft integriert. Sie geht (außerhalb von Corona) ins Fitnessstudio, backt und kocht gerne und trifft sich mit Freunden. Obwohl die Eltern mittlerweile auch den Weg nach Kassel gefunden haben, ist Sidika bei der Familie in Altenbauna geblieben. Jan-Peter Roloff bringt seine Sicht der Dinge auf den Punkt: „Wir haben immer die Arme um sie gelegt. Gelaufen ist sie von alleine.“ (Sven Kühling)

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