Strukturelle Probleme ansprechen

„Gewalt gegen Frauen sichtbar machen“ - Selbstbehauptungs-Training soll stärken

Eine Frau sitzt am Boden und hält schützend die Hände über ihren Kopf. Eine Faust ist zu sehen. Die Frau versucht, der Gewalt des Mannes zu entkommen.
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Wie Frauen sich jeglicher Art der Gewalt widersetzen können, lernen sie im Selbstverteidigungs- und Selbstbehauptungstraining. Das Foto ist ein Symbolbild.

Frauen sind schon längst nicht mehr das „schwache Geschlecht“, als das sie früher oft bezeichnet wurden, und besitzen eine eigene Macht – das lernen Frauen und Mädchen in den Kursen von Irmes Schwager.

Kassel/Baunatal – Sie ist Wendo-Trainerin – für Selbstverteidigung und Selbstbehauptung von Frauen und Mädchen – und hätte eigentlich im November einen Kurs in Baunatal gegeben. Der muss coronabedingt ausfallen.

Das Thema ist aber zu wichtig, als dass es durch Corona einfach unter den Tisch gefallen lassen werden kann. Deshalb wird beispielsweise am Mittwoch, 25. November – der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen – ab 16 Uhr eine Mahnwache in der Kasseler Innenstadt abgehalten. Die Vereinten Nationen riefen den Jahrestag nach der Ermordung von drei Frauen in der Dominikanischen Republik aus, um an den Schutz von Mädchen und Frauen zu erinnern.

„Wir wollen Gewalt gegen Frauen sichtbar machen und analysieren“, sagt Schwager – es sei ein strukturelles Merkmal patriarchaler Gesellschaften. Neben körperlicher, psychischer und sexualisierter Gewalt gebe es weitere Formen, etwa die ökonomische Gewalt, strukturelle Benachteiligung und die Einschränkung der Freizügigkeit von Frauen. „Gewalt hat immer eine Funktion“, sagt Schwager, die auch im Kasseler Frauenhaus arbeitet. Das Frauenzentrum wolle dafür sorgen, dass sich Frauen gegen Gewalt vernetzen.

Selbstverteidigung sieht Schwager als Möglichkeit, sich selbst zu begegnen und die eigene Kraft zu stärken. Eine Frau, die sich unwohl fühlt, sollte das ernstnehmen, erklärt die Wendo-Trainerin – egal ob es in einer Situation am Arbeitsplatz, zu Hause oder in der Öffentlichkeit ist. „Es geht darum, sich selbst ernstzunehmen“, sagt Schwager.

Die Besucherinnen der Kurse seien sehr unterschiedlich: vom jungen Mädchen bis zur älteren Frau, Frauen mit Gewalterfahrungen oder ohne. Obwohl die Teilnehmerinnen manchmal sehr unterschiedlich seien, gebe es immer eine Schnittmenge. Was im Kurs besprochen oder auch durchgespielt wird, bestimme die Gruppe. Da kann es um Wehrmethoden mit Händen und Füßen gehen, aber auch um mentale Selbstverteidigung. „Das Bild, als Frau schwach zu sein, steckt ganz tief“, sagt Schwager. In den Kursen werde versucht, die Frauen da herauszuholen. Viele seien danach gestärkt, ist ihr Eindruck.

Viele Frauen haben laut Schwager Angst, ihr Gegenüber – das kann ein Mann oder eine Frau sein – durch ein Nein und das Aufzeigen der eigenen Grenzen zu verletzen. Zu lernen, dass man als Frau durch ein Ja aber womöglich sich selbst viel mehr verletzt, sei wichtig. Es gehe darum, das Nein zu finden und Strategien auszuprobieren. Geht es beispielsweise um eine konkrete Situation – eine Frau geht nachts allein nach Hause und zwei Männer bedrängen sie –, werde gefragt, wer die Situation kennt und wie diejenigen reagiert haben. Dann versuche die Gruppe gemeinsam, Wege aus der Situation herauszufinden. Ein Richtig oder Falsch gibt es laut Schwager nicht – manche greifen vielleicht zum Handy und tun so, als würden sie mit einer Person ganz in der Nähe telefonieren, „aber abzuhauen ist auch ok“, sagt Schwager.

Was ist Wendo-Training?

Wendo ist Selbstverteidigung und Selbstbehauptung für Frauen und Mädchen und gehört zu der feministischen Selbstverteidigung, erklärt Trainerin Irmes Schwager. Wendo zählt sich nicht zu den Kampfsportarten, sondern versteht sich als Präventionsprogramm gegen Gewalt. Der Ursprung liegt in Kanada, in den 1970er-Jahren kam Wendo nach Europa. Das Training basiert auf einer Auseinandersetzung mit patriarchalen Machtverhältnissen.

Wendo setzt an den Erfahrungen und Wünschen der Teilnehmerinnen an und schließt Techniken, Rollenspiele und Wahrnehmungsübungen ein. Das Frauenhaus Kassel bietet eine fortlaufende Wendo-Gruppe an und gibt Kurse in Kassel und der Region. Auf Wunsch sind auch Angebote für feste Gruppen möglich.

Kontakt: Frauenhaus-Kassel@web.de, frauenhaus-kassel.de

Selbstverteidigungskurs

Um Frauen und Mädchen zu stärken, bietet das Frauenbüro Baunatal jährlich einmal in Kooperation mit dem Frauenhaus Kassel und dem KSV Baunatal einen Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurs ab 16 Jahren an. Die Kurse tragen dazu bei, dass Mädchen und Frauen Gewalt wirksam begegnen können, heißt es aus dem Frauenbüro. Aus Sicht der Frauenbeauftragten Stefanie Teuteberg ist es wichtig, dass die Kurse von Frauen angeboten werden, denn es kommt nicht nur auf die Techniken an, sondern auch auf die Ursachen von Gewalt und die Auseinandersetzung mit der weiblichen Rolle. (Lara Thiele)

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